Der Schatz liegt tief unten. Aus seinem kleinen Büro im Turm des Uni-Hauptgebäudes führt Dieter Studer viele Treppen hinunter, um Ecken und durch Türen, vorbei an Bettgestellen und Matratzen, bis der Archivraum erreicht ist.

In den Regalen des Luftschutzkellers lagern alte Mischpulte, Studer-Revox-Geräte, Kassetten, Tonbänder und Schallplatten. Dazwischen ein Album mit dem Titel «So reded s dihäi». Es enthält Dialekte aus allen Ecken des Landes, aufgenommen für Auslandschweizer-Vereine anlässlich der Landesausstellung von 1939.

Die ältesten Tonträger bestehen aus Bienenwachs und Gelatine. «Es ist eigentlich ein Wunder, dass man auf diesem Material Stimmen aufnehmen konnte», sagt Archivleiter und Sprachwissenschaftler Studer. Mit weissen Handschuhen zieht er eine der dünnen Scheiben aus der Hülle. Sie ist so empfindlich, dass sie nur wenige Male abgespielt werden kann, bis bloss noch ein Rauschen und am Ende gar nichts mehr zu hören ist.

Die ältesten Mundartstücke stammen aus dem Jahr 1909. Aufgenommen hat sie der damalige Germanistik-Professor Albert Bachmann. Mit einem Phonographen, den er aus Wien bestellt hatte, liess er zu Forschungszwecken zunächst seine Studentinnen und Studenten Standardtexte aufsagen. Da sie aus der ganzen Schweiz kamen, hatte er bald eine Sammlung verschiedenster Dialekte und Ausdrücke beisammen. 1913 gründete er das Phonogrammarchiv.

Keine einheitliche Dorf-Mundart

Daraufhin gingen der Germanistik-Professor Bachmann und seine Mitarbeiter systematischer vor. Sie untersuchten das französische Patois, die lombardischen Dialekte des Tessins und der Bündner Südtäler sowie die verschiedenen rätoromanischen Idiome. Im Archiv sind auch noch letzte Aufnahmen des Surbtaler Jiddisch zu finden.

Die frühen Mundartaufnahmen wurden auf Gelatinefolie festgehalten.

Die frühen Mundartaufnahmen wurden auf Gelatinefolie festgehalten.

Wann ein Dialekt ausstirbt, lässt sich laut Studer oft nicht genau sagen. Genauso schwierig sei es, Dialekte geografisch präzis einzugrenzen. «Es gibt immer Übergangsgebiete.» So etwas wie eine einheitliche Ortsmundart existiere nicht. «In keinem Dorf reden alle exakt gleich. Zudem haben Status und das Gegenüber jeweils wesentlichen Einfluss auf die Aussprache und die Wortwahl.»

Studer, der Hunderte Aufnahmen abgehört hat, hegt den Verdacht, dass manche Testpersonen etwas übertrieben in den Trichter des alten Phonographen gesprochen haben. Man merke, dass mit dem Aufkommen der Tonbandgeräte die Gespräche spontaner und authentischer wurden. Teils lesen die Sprecher Standardtexte vor, teils erzählen sie von ihrem Alltag als Weinbauer oder von einem Verkehrsunfall.

Als die Thurgauer das R rollten

Einige Regionen hat Albert Bachmann über Jahre untersucht. Dadurch lässt sich beispielsweise zeigen, wie im Südwesten des Thurgaus über lange Zeit das R gerollt wurde, bis man auch dort das heute dominierende Halszäpfchen-R übernahm.

«Die Dialekte verändern sich unaufhaltsam», sagt Studer. «Man darf nicht vergessen, dass vor etwas mehr als 1500 Jahren in der Deutschschweiz noch ausschliesslich Keltisch und Latein gesprochen wurde. Die Dialektlandschaft, wie wir sie kennen, gibt es wohl erst seit dem späten Mittelalter.»

Im Archiv sind auch alte Mischpulte und Aufnahmegeräte zu finden.

Im Archiv sind auch alte Mischpulte und Aufnahmegeräte zu finden.

Genutzt wird das Archiv hauptsächlich von Germanistik- und Romanistikstudierenden sowie von Forschenden und Heimatmuseen. Doch die Bedingungen im Luftschutzkeller sind alles andere als ideal. Die sensiblen Wachs- und Gelatineplatten leiden unter schwankenden Feuchtigkeits- und Temperaturwerten. Geplant ist ein Umzug in ein Lagerhaus im zürcherischen Buchs.

Davor wollen Studer und seine Mitarbeiterin Camilla Bernardasci sämtliche Aufnahmen digitalisieren. Bereits in den 1990er-Jahren hat man damit begonnen, in den letzten fünf Jahren hat das Team aber einen Zacken zugelegt. In drei bis vier Jahren soll das Projekt dank der Unterstützung von Studentinnen und Studenten beendet sein.

Besonders aufwendig ist die Digitalisierung der alten Gelatineplatten. Damit die Nadel des Aufnahmekopfs nicht in die weiche und gewellte Unterlage eindringt oder darüberhüpft, muss sie teils von Hand geführt werden, wobei die Nadel bis zu einen Meter pro Sekunde auf der Platte zurücklegt. Das dauert pro Aufnahme nicht selten eine halbe Stunde und mehr. Ä chäibä Büez.