Insekten

Käfer mit Signalwirkung: Wieso das Glühwürmchen gefördert wird

Der mystische Käfer, der leuchtet: Ein Weibchen auf einem Blatt erhofft sich, dank seines grünen Glühens ein herumfliegendes Männchen anzulocken.

Das Zürcher Büro für Naturschutz und Artenförderung hat in den letzten Jahren verschiedene Massnahmen umgesetzt, um den Lebensraum des Leuchtkäfers am Gubrist-Südhang zu verbessern. Die beteiligte Biologin zieht nun Bilanz.

Das Grosse Glühwürmchen fühlt sich im Zürcher Limmattal wohl: Zumindest am Gubrist-Südhang rund um das Gut Sonnenberg und den Rütihof kommt das Glühwürmchen, das eigentlich ein Käfer und damit ein Insekt ist, wieder häufiger vor.

«In den vergangenen Jahren konnten wir hier zahlreiche Massnahmen umsetzen», sagt Katrin Luder vom Zürcher Büro für Naturschutz und Artenförderung. Dieses hat für den «Verein Glühwürmchen Projekt» ein auf fünf Jahre ausgelegtes Förderprojekt durchgeführt. Nach Abschluss zieht die Biologin eine positive Bilanz – den Hang oberhalb von Ober- und Unterengstringen bezeichnet sie als «Vorzeigegebiet». Die beiden Landwirtsfamilien vom Gut Sonnenberg und vom Rütihof hätten viele Teilprojekte umgesetzt, um den Lebensraum für die Glühwürmchen zu verbessern.

Das Glühwürmchen kommt nicht allein

Dass das Grosse Glühwürmchen gefördert wird, stuft Katrin Luder als wichtig ein. Denn dieses gilt als Indikator für reich strukturierte, eher extensiv bewirtschaftete Lebensräume. Wo es vorkommt, sind in der Regel auch weitere, oft seltene Tier- und Pflanzenarten zu finden.

Dies bestätigte sich am Gubrist-Südhang: Dieses Gebiet gehört zum grossen Vernetzungsgebiet Affoltern-Höngg. Bei einer faunistischen Bestandesaufnahme im vergangenen Jahr durch Grün Stadt Zürich zeigte sich, dass das Glühwürmchen-Gebiet oberhalb Ober- und Unterengstringens die artenreichste des gesamten Vernetzungsperimeters ist. «Von unseren Massnahmen konnte nicht nur das Grosse Glühwürmchen profitieren, sondern diese kamen auch vielen weiteren Tier- und Pflanzenarten zugute», zieht Luder Bilanz. So seien etwa viele Zauneidechsen zu sehen, ein Spaziergänger habe auch ein Wiesel entdeckt. Zudem wurden verschiedene Schmetterlingsarten gesichtet.

Zahlen, um wie viel die Glühwürmchen-Population am Gubrist-Südhang nun zugenommen hat, liegen keine vor. Eine solche Auswertung wäre sehr aufwändig und teuer. Mit dem Projekt, das insbesondere von Stiftungen wie dem Fonds Landschaft Schweiz oder der Ernst-Göhner-Stiftung getragen wird, sollen lieber konkrete Massnahmen unterstützt werden, sagt Luder. Dass diese erfolgreich waren, ist für die Biologin angesichts der vielen neu vertretenen Tier- und Pflanzenarten auch ohne Zahlen klar: «Die Biodiversität hat deutlich zugenommen.»

Es gibt dabei nicht eine einzelne, wichtige Massnahme, um das Grosse Glühwürmchen zu fördern: «Es ist eher ein Mosaik von verschiedenen, kleinen Projekten», sagt Luder. Am Gubrist-Südhang wurden unter anderem sogenannte Ruderalflächen – brachliegende Rohbodenflächen mit Kies, Steinen und Sand – geschaffen. Zudem wurden naturnahe Waldränder geschaffen, indem sie stark ausgelichtet und mit grösseren Buchten versehen wurden. Und es wurden vielfältige Blumenstreifen angesät.

Eine Ruderalfläche am Sonnenberg: Sie bietet nicht nur für das Grosse Glühwürmchen einen Lebensraum.

Eine Ruderalfläche am Sonnenberg: Sie bietet nicht nur für das Grosse Glühwürmchen einen Lebensraum.

All dies habe dazu geführt, dass sich das Grosse Glühwürmchen wohler fühle, ist Luder überzeugt. Der Leuchtkäfer kam am Gubrist-Südhang bereits vor dem Projekt vor. Er lässt sich gemäss der Biologin nicht so einfach in einem neuen Gebiet ansiedeln. «Es geht vor allem darum, das Glühwürmchen in seinen bestehenden Lebensräumen zu stärken.» Zudem soll dessen Raum erweitert und mit benachbarten Gebieten vernetzt werden.

Das Glühwürmchen wird seltener beobachtet

Im Rahmen des Förderprojektes wurden – neben dem Gubrist-Südhang – in drei weiteren Gebieten Aufwertungsmassnahmen vorgenommen: Am Üetliberg, bei Wädenswil und in Dübendorf. Der «Verein Glühwürmchen Projekt», der das Projekt initiiert hatte, setzt sich seit Jahren für den Käfer ein. Denn dieser verkörpere «den Zauber der Natur», wie die Verantwortlichen auf ihren Internetseiten schreiben. «Eine Welt ohne Leuchtkäfer ist eine trostlose Option.»

Das Grosse Glühwürmchen ist aber auf dem Rückzug. Der Leuchtkäfer wird seltener beobachtet als früher. Dies liegt unter anderem daran, dass es gerade im verbauten Mittelland viele mit Kunstlicht erhellte Strassen gibt, über die in der Nacht Autos hinwegbrausen. In unbeleuchteten Gebieten sind hingegen weniger Personen zu Fuss unterwegs, welche die Leuchtkäfer überhaupt sehen könnten.

Andererseits hat auch der Strukturwandel zum teilweisen Erlöschen der Glühwürmchen beigetragen. Sie sind auf offene Vegetationsformen und ein Geflecht von Saumbiotopen angewiesen. Diese kleinräumig gegliederte Landschaft ist tendenziell eher monotonen, rational nutzbaren Flächen gewichen.

In der Schweiz kommen vier verschiedene Arten von Leuchtkäfern vor, wobei das Grosse Glühwürmchen die verbreiteste ist. Bevor es mit seinem grünen Leuchten den «Zauber der Natur» verströmt, ist es ein gefürchteter Jäger: Als Larve ist es hinter allen, auch grösseren Schnecken her und frisst eine solche in einem Tage auf. Nach rund zwei Jahren verpuppen sich die Larven.

Als erwachsenes Tier lebt das Glühwürmchen nur kurz. Es isst in dieser Zeit nichts, sondern ist einzig und allein auf Fortpflanzung aus. Das Weibchen, das nicht fliegen kann, sucht einen günstigen Platz und versucht mit seinem Leuchten, die Aufmerksamkeit eines herumfliegenden Männchens zu erregen. Das Männchen stirbt nach rund zwei Wochen. Das Weibchen nach dem Legen der Eier, aus denen nach einem Monat Larven hervorkommen.

Ein weibliches Grosses Glühwürmchen kann hierzulande in den Monaten Mai bis September in der Nacht beobachtet werden, am häufigsten im Juni und Juli. Es leuchtet dabei meist ab 22.30 Uhr bis Mitternacht.

Das fremde Licht stört das Glühwürmchen

Pro Natura hat das Glühwürmchen zum Tier des Jahres 2019 erkoren. Dieses soll stellvertretend die Lage der Insekten in der Schweiz beleuchten, hatte die Naturschutzorganisation die Wahl begründet. Den Insekten würden die Zerstörung ihrer Lebensräume, der Einsatz von Pestiziden, die Lichtverschmutzung und andere Faktoren zusetzen.

Gerade die Lichtverschmutzung sei ein grosses Problem für das Grosse Glühwürmchen, sagt Katrin Luder. Die erwachsenen Tiere würden unterschiedlich darauf reagieren: Das Weibchen sucht, um die Chancen zu erhöhen, überhaupt vom Männchen entdeckt zu werden, nicht versteckte, eher hellere Plätze auf. Da es nur über kleine Augen verfügt, merkt es nicht, wenn es – beispielsweise unter einer Lampe – zu hell ist. Das Männchen, das grosse Augen hat, um die Weibchen zu erspähen, meidet derweil diese hellen Stellen.

«Das kann eine ökologische Falle sein, welche die Fortpflanzung verunmöglicht», sagt Luder. In einem nächsten Projekt zur Glühwürmchen-Förderung soll deshalb unter anderem das Thema Lichtverschmutzung aufgegriffen werden.

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