Coronavirus

Kitas müssen weiter warten: «Es kann Ende Jahr werden, bis alle Kitas ihre Entschädigung erhalten haben»

Im Kanton Zürich sind rund 780 Entschädigungsgesuche für Kitas eingereicht worden. Die beantragte Summe lässt sich im Moment nicht beziffern.

Im Kanton Zürich sind rund 780 Entschädigungsgesuche für Kitas eingereicht worden. Die beantragte Summe lässt sich im Moment nicht beziffern.

Kita-Betreiber warten weiter auf die Ausfallentschädigungen. André Woodtli vom Amt für Jugend und Berufsberatung sagt, wo es hakt.

Bei Jeannine Wiser, der Geschäftsleiterin der Kita Kribbel Krabbel in Zürich, liegen die Nerven blank. Zunächst das wochenlange Hin und Her, wer nun wie entschädigt wird und ob überhaupt, dann haufenweise komplizierte Formulare, die bis zum 17. Juli ausgefüllt und eingereicht werden mussten.

Rund 120 Stunden Aufwand hat Wiser gehabt und zusätzlich ihre Treuhänderin und einen Juristen beschäftigt. Für all das bekommt sie nichts. «Man missbraucht uns als Arbeits- und Zahlstelle», sagt Wiser. Dabei hätten doch eigentlich Eltern, die ihre Kinder nicht mehr in die Kita brachten, den Schaden. Sie sollten sich daher auch um eine Rückerstattung vom Kanton bemühen müssen.

Jetzt bürde der Staat den Kitas den administrativen Aufwand auf. Komme das Geld irgendwann bei ihr an, müsse sie es dann an die Eltern weiterleiten und nochmals stundenlang Zahlungsverbindungen erfassen. «Viel einfacher wäre es gewesen, die Eltern hätten ihren Schaden auf einer elektronischen Plattform des Kantons geltend gemacht», sagt Wiser. Bei den Kitas hätte man dann mit zusammengetragenen Listen überprüfen können, ob die Selbstdeklarationen der Eltern korrekt sind. Mit ihrer Kritik und ihrem Frust sei sie nicht allein.

Herr Woodtli, als Chef des kantonalen Amtes für Jugend und Berufsberatung sind Sie für die Abwicklung der Corona-bedingten Ausfallentschädigung für die Kitas zuständig. Was sagen Sie Jeannine Wiser und ihren Kolleginnen?

André Woodtli: Ich habe sehr grosses Verständnis für Frau Wiser. Die Gesuchsformulare sind aufwendig, und der vom Bund vorgegebene Zeitplan ist sehr ehrgeizig. Wir stecken aber alle in einer herausfordernden Situation. Im Kanton Zürich sind von Gesetzes wegen eigentlich die Gemeinden und nicht der Kanton für die Kitas zuständig. Nun hat der Bund entschieden, dass die Ausfallentschädigungen über die Kantone abgewickelt werden müssen. Der Regierungsrat betraute daraufhin das Amt für Jugend und Berufsberatung mit dieser Aufgabe.

Also trägt der Bund die Verantwortung?

Es handelt sich um eine geteilte Verantwortung, wobei der Bund verbindliche Vorgaben macht und wir diese umsetzen müssen. Dabei hat uns das Bundesamt für Sozialversicherungen ein Musterformular für die Gesuche zur Verfügung gestellt.

Und damit hat der Kanton die Kitas alleine gelassen?

Ganz und gar nicht. Wir haben umgehend eine Hotline eingerichtet und beraten die Kitas seit Wochen intensiv. Die Kitas sind sehr dankbar für diese unkomplizierte und persönliche Hilfe.

Jeannine Wiser sagt, auf der Hotline gab es kein Durchkommen, und auf Anfragen per Mail wurde nicht geantwortet.

Wir mussten uns zuerst organisieren und mit den bestehenden Ressourcen eine neue Anlaufstelle aufbauen. Engpässe liessen sich leider nicht vermeiden. Um möglichst allen Betroffenen weiterhelfen zu können, haben wir die häufigsten Fragen und Antworten auf unserer Website publiziert.

Bis zum 17. Juli mussten die Kitas ihre Entschädigungsgesuche einreichen. Wie viele Gesuche sind im Kanton Zürich eingegangen?

Im Kanton Zürich gibt es über 700 Kitas. Wir haben rund 780 Gesuche gezählt. Darunter auch solche von Kinderhorten, Mittagstischen und Tagsfamilienorganisationen, die ebenfalls einen Anspruch auf eine Ausfallentschädigung haben, sofern sie nicht von der öffentlichen Hand betrieben werden.

Können Sie etwas zur Höhe der Entschädigungen sagen, die geltend gemacht wurden?

Die Höhe variiert je nach Finanzierungsmodell und Auslastung der einzelnen Institution. Momentan sind wir noch mit Hochdruck an der Bearbeitung aller Gesuche und können noch keine Aussage zur Entschädigungshöhe machen.

Eine Sachbearbeiterin, die 70 Gesuche bearbeitet hat, soll in sämtlichen Fällen zusätzliche Unterlagen verlangt haben.

Aufgrund der knappen Zeitvorgaben wurden viele Entschädigungsgesuche nicht korrekt ausgefüllt oder unvollständig eingereicht. Da die benötigten Angaben jedoch verbindlich vorgegeben sind, mussten wir diese nachfordern.

Bei einer derart hohen Quote von ungenügenden Gesuchen könnte man meinen, es stecke Absicht dahinter. Will man es den Kitas möglichst schwer machen, überhaupt zu Entschädigungen zu kommen?

Im Gegenteil! Bund, Kanton und Gemeinden sind sich der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung der Kitas bewusst und daran interessiert, dass diese für ihren ausserordentlichen Aufwand entschädigt werden. Allerdings werden für die Ausfallentschädigung Steuergelder eingesetzt, und da ist es nichts als legitim, diese basierend auf einer sorgfältigen, seriösen Prüfung zu verteilen.

Wie sieht es denn mit dem administrativen Aufwand aufseiten des Kantons aus?

Der Aufwand ist immens. Innert weniger Tagen mussten wir eine neue Abteilung auf die Beine stellen. Mitarbeitende aus anderen Abteilungen wurden kurzfristig umgeteilt, andere halfen aus, verzichteten auf Sommerferien und leisteten enormen Mehraufwand. Der Kanton hat bis Ende Oktober Zeit, die Unterlagen vollständig beim Bund einzureichen, andernfalls verlieren wir den Anspruch auf die Bundesmittel. Das setzt uns zeitlich unter Druck.

Sind denn inzwischen erste Gelder an die Kitas geflossen?

Bis jetzt nicht. Im Moment werden die erforderlichen Verfügungen erstellt. Wir sind sicher, dass die ersten Auszahlungen im Oktober erfolgen werden. Es kann aber Ende Jahr werden, bis alle Kitas ihre Entschädigung erhalten haben.

Ist die Finanzierung denn wenigstens definitiv geregelt?

Der Bund hat 65 Millionen Franken gesprochen. Damit will er ein Drittel der Entschädigungen abdecken.
Der Rest soll vermutlich hälftig zwischen Kanton und Gemeinden aufgeteilt werden.

Was würden Sie aus heutiger Sicht anders machen?

Man könnte sich überlegen, ob es einfacher gewesen wäre, die Eltern direkt zu entschädigen. Allerdings wären sicherlich auch bei einem solchen Vorgehen viele Umsetzungsfragen aufgetaucht. In der Krise muss man schnell entscheiden, ohne alle Vor- und Nachteile umfassend abwägen zu können. Das liegt auch in der Natur der Sache.

Sehen Sie weiteres Verbesserungspotenzial?

Mitte März wurde entschieden, die Kitas für Eltern in systemrelevanten Berufen offen zu halten. Eltern in nicht-systemrelevanten Berufen waren dagegen aufgefordert, ihre Kinder wenn möglich zu Hause zu betreuen. Es blieb uns damals wenig Zeit, um die Konsequenzen dieser Massnahme vertieft zu klären.

Gerade dass Eltern in nicht-systemrelevanten Berufen ihre Kinder zu Hause behalten sollten, wurde immer wieder kritisiert. War das die richtige Massnahme?

Aus epidemiologischer Sicht war das sicher richtig. Das primäre Ziel war es ja, die Verbreitung des Virus einzudämmen. So haben sich viel weniger Erwachsene bei der Übergabe der Kinder getroffen. Zudem wusste man damals noch nicht, ob Kinder Virenschleudern sind.

Die Zahl der Menschen, die neu positiv auf das Coronavirus getestet werden, steigt beinahe täglich. Was könnte eine zweite Welle für die Kitas bedeuten?

Wir stehen heute an einem ganz anderen Punkt als noch im März. Heute wissen wir, dass Kinder schlechte Überträger des Coronavirus sind und selber kaum einen schweren Verlauf durchmachen. Die Erwachsenen können Schutzmasken tragen und Abstand halten. In den Kitas gibt es Schutzkonzepte. Auch ein Contact-Tracing über den kantonsärztlichen Dienst ist installiert. Kommt eine zweite Welle, können die Kitas ihren Betrieb nach heutigem Wissensstand aufrechterhalten.

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