Bildung

Lehrplan 21: Kompliziert und überladen oder nötig und sinnvoll?

Beim Lehrplan 21 sind Harry Huwyler und Marion Heidelberger unterschiedlicher Ansicht.

Beim Lehrplan 21 sind Harry Huwyler und Marion Heidelberger unterschiedlicher Ansicht.

Er bringe Kinder und Lehrpersonen an den Anschlag, kritisiert Schulleiter Harry Huwyler den neuen Lehrplan. Primarlehrerin Marion Heidelberger findet ihn dagegen sehr gelungen. Ein Streitgespräch.

Frau Heidelberger, wieso braucht es überhaupt einen neuen Lehrplan?

Marion Heidelberger: Es hat sich viel geändert in den letzten Jahrzehnten. Es macht Sinn, regelmässig den Lehrplan auszumisten und den gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen. Zudem hat die Stimmbevölkerung vor zwölf Jahren mit 86 Prozent einer Harmonisierung zugestimmt, diese beinhaltet auch einen gemeinsamen Lehrplan für alle 21 Deutschschweizer Kantone.

Harry Huwyler: Ein Marschhalt ist sicher richtig. In vielen Bereichen findet aber gar keine Harmonisierung statt, zum Beispiel bei den Fremdsprachen. In einigen Kantonen beginnen die Schülerinnen und Schüler mit Französisch, in anderen mit Englisch. Auch bei der Anzahl der Lektionen gibt es Unterschiede. Ich finde das katastrophal.

Heidelberger: Auch ich bin enttäuscht, dass die Lektionentafeln nicht besser angeglichen wurden. Aber mit dem Gesamtpaket bin ich sehr zufrieden.

Huwyler: Man hat übers Ziel hinaus geschossen. So viele waren beteiligt, und jeder, ob Zeichnungsdidaktiker oder sonst wer, wollte sich einbringen. Entstanden ist ein Dokument mit tausenden Kompetenzen. Ein Papier, das niemand lesen wird.

Es waren aber auch Lehrer beteiligt.

Huwyler: Ja, aber viel zu wenige. Und die durften nichts sagen. Es wurde ein riesiges Geheimnis um diesen Lehrplan gemacht. Erst als der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband aus der Arbeitsgruppe ausstieg, hat man reagiert. Wenn nun Bildungsdirektorin Silvia Steiner sagt, alle Lehrerverbände stünden hinter dem Lehrplan, dann stimmt das einfach nicht.

Heidelberger: Im ganzen Erarbeitungsprozess waren immer Lehrpersonen einbezogen. Der Forderung, er sei zu umfangreich, wurde ebenfalls Rechnung getragen und er wurde massiv entschlackt. Englisch wurde von der 2. in die 3. Klasse verschoben und dafür Deutsch mit einer zusätzlichen Lektion gestärkt. Das ist ein altes Postulat der Lehrerschaft.

Huwyler: Er ist immer noch überladen – und nicht verständlich. Da steht etwa: «Die Schülerinnen und Schüler können in kooperativen Situationen einzelne vorher besprochene Punkte in ihren Texten mithilfe von Kriterien am Computer oder auf Papier überarbeiten». Diesen Satz versteht man nach dreimal Lesen noch nicht.

Heidelberger: Natürlich ist das komplex. Aber für Fachpersonen wie wir gut zu verstehen. Es liegt nun auch an den Schulleitungen, ihre Lehrpersonen mit dem neuen Instrument vertraut zu machen und in die schulinterne Weiterbildung einzubauen.

Wird sich denn die Volksschule mit dem neuen Lehrplan so sehr verändern?

Huwyler: Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel. Früher wurden die Lehrpersonen von den Lehrmitteln geleitet. Im letzten Lehrplan waren die Jahresziele massgebend. Im neuen redet man von Kompetenzen und selbstgesteuertem Lernen. Nun heisst es, dass Kinder vor allem dann lernen, wenn sie sich alles selbst beibringen. Das ist natürlich falsch, denn Kinder benötigen Lehrpersonen, die ihnen Wissen vermitteln.

Heidelberger: Das stimmt so nicht. Die Methodenvielfalt ist immer noch gegeben. Und das Erlangen von Kompetenzen bedeutet nichts anderes, als Wissen auch anwenden zu können. Das ist nicht neu.

Eine oft diskutierte Neuerung ist das Fach Medien und IT.

Huwyler: Vor der Digitalisierung kann man sich natürlich nicht verschliessen. Das Problem sind die Ressourcen. Was will ich mit drei Compüterlis pro Zimmer? Und Platz für ein Computerzimmer haben wir nicht. Das ist nicht finanzierbar. Mir kommt es vor wie beim Thema Integration in der Schule, wo man denkt, ein paar Stündchen integrative Förderung würden ausreichen.

Heidelberger: Integration, Heterogenität in den Klassen: Natürlich ist das schwierig und läuft nicht alles ideal. Aber das hat nichts mit dem Lehrplan zu tun. Der muss nun einfach als Sündenbock hinhalten. Geben wir ihm doch eine Chance und machen dann den Feinschliff.

Huwyler: Du weisst genau, dass das später niemanden mehr interessiert. Es gibt so viele Baustellen: Es fehlen Lehrmittel – oder Ausbildungsplätze für das Fach Medien und IT. Der Kanton ist offenbar nicht fähig, zu zählen, wie viele 5. Klassen er hat.

Heidelberger: Das Problem mit den Ressourcen haben wir immer. Wir kämpfen ja jeden Tag für mehr.

Huwyler: Ungelöst ist auch die Beurteilung. Darüber hat man sich schlicht keine Gedanken gemacht. Etwas derart Zentrales. Die Kompetenzen müssen ja überprüft werden. Ich befürchte ernsthaft, dass es eine wilde Testerei gibt, mit viel mehr Prüfungen und noch mehr Hektik.

Heidelberger: Es stimmt, die Beurteilung hat man bewusst zur Seite gelassen. Eine neue Beurteilung hätte grosse Mehrkosten nach sich gezogen, das wollte man nicht. Das ist nebst den Lehrmitteln mein zweiter grosser Kritikpunkt am neuen Lehrplan.

Heisst das, der Leistungsdruck für die Kinder wird weiter steigen?

Heidelberger: Nein, daran wird sich nichts ändern...

Huwyler: ...doch. In der Sek ist die Stundenzahl so hoch, dass die Jugendlichen zusammen mit den Hausaufgaben auf mehr Stunden kommen als ihre arbeitenden Eltern. Das kann es ja nicht sein.

Heidelberger: Im Kanton Zürich war die Lektionenbelastung schon immer hoch, insbesondere auf der Sekundarstufe I. Der Leistungsdruck ist für alle gestiegen, analog zur Privatwirtschaft.

Huwyler: Gerade deshalb ist es doch wichtig, auf die Kinder einzugehen. Aber was macht man: Man kürzt die Halbklassen und erhöht bei den Erstklässlern die Stundenzahl. Und für Mathe gibt es eigentlich ein gutes neues Lehrmittel, der Anteil fürs Üben steigt. Aber man bringt den Stoff gar nicht rein, weil der Lehrplan so aufgeblasen ist. Da kommen die Lehrpersonen einfach an den Anschlag und die Kinder machen irgendwann nicht mehr mit.

Heidelberger: Natürlich ist es schade, dass es weniger Halbklassen gibt. Und ich bedaure auch sehr, dass man die Handarbeit abbaut. Aber man musste ja Platz schaffen für das Fach Medien und IT. Wo einsparen? Die Sportstunden sind in der Bundesverfassung geregelt. Deutsch und Mathe sind unantastbar, ebenso die Fremdsprachen.

Bei diesen wichtigen Veränderungen: Müsste da nicht das Volk das letzte Wort zum Lehrplan haben?

Heidelberger: Das Volk bestimmt ja schon mit. Die neun Bildungsräte, die für die kantonale Umsetzung zuständig sind, sind vom Kantonsrat, also von den gewählten Volksvertretern, ernannt worden.

Huwyler: Dagegen ist ja nichts einzuwenden. Aber was spricht denn dagegen, das Volk über das Gesamtpaket abstimmen zu lassen. Wieso spricht man dem Volk bei einer solch wichtigen Entscheidung diese Kompetenz ab?

Heidelberger: Dabei besteht die Gefahr, dass von einzelnen Interessengruppen ein Aspekt herausgepickt wird und letztlich alles von diesem kleinen Teil abhängt. Wie in Basel, wo nur noch über die Sexualpädagogik diskutiert wurde. Der Lehrplan ist ein komplexes Werk. Es muss stimmig und vernetzt sein und mit der Lektionentafel übereinstimmen. Der Lehrplan ist über viele Jahre in einem politischen Konsens entstanden. Er hat es verdient, dass man ihm jetzt mal das Vertrauen schenkt.

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