Uitikon
Neuer Gemeindepräsident: «Unwissenheit erleichtert das Urteilen»

Der neue Üdiker Gemeindepräsident Chris Linder hielt an der Bundesfeier ein Plädoyer gegen die Unwissenheit und für die Lebenserfahrung.

David Egger
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Uitikon 1. August 2016
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Linder sagte, der Gemeinderat sei auf die Erfahrungen aller Üdiker angewiesen: «So können wir für alle, für die Gemeinde, für unseren Üdiker Löwen politisch erfolgreich arbeiten.»
An der Bundesfeier blieb auf dem Üdiker Dorfplatz kein Sitz mehr frei.
Manche Gäste sicherten sich darum einen gratis Logenplatz.
Lange Warteschlangen gab es nachher für das traditionelle 1.-August-Menu...
...Fleischkäse, Kartoffelsalat und Üdiker Gätterewy.
Zuvor galt es aber noch die Nationalhymne zu singen, begleitet von der Harmonie Birmensdorf.
Keine Frage: Zum Schweizerpsalm erhob sich alle Gäste.
Cäcilia Gebhardt dirigierte die Harmonie Birmensdorf durch den Festakt. Seit 2013 ist sie die erste Frau an der Spitze der Harmonie Birmensdorf.
Obwohl das Wetter unsicher war, war der Üdiker Dorfplatz gut vorbereitet: Sonnensegel schützten die Gäste.
Tiefbauvorstand Markus Stäheli begrüsste das Volk auf dem Üdiker Dorfplatz. Für 2017 habe man das Ziel einen jungen Redner oder eine junge Rednerin einzuladen.

Uitikon 1. August 2016

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Bevor Chris Linder in seiner Rede zu staatsmännischen Worten griff, erzählte der neue Gemeindepräsident vor dem vollen Üdiker Dorfplatz eine kleine Geschichte. Die Hauptfigur: ein Knabe, der steht an der Bushaltestelle. Am einen Tag hält er eine Puppe in der Hand, am nächsten Tag trägt er einen Koffer. Aus dem Koffer lugt ein Ballett-Tutu hervor. Andere lachen den Knaben deshalb aus.

«Was sie nicht wissen: Die Puppe und das Ballettkleid im Koffer gehören gar nicht dem Buben, sondern einer Kollegin, die mit gebrochenem Bein im Spital liegt», erzählte Linder. «Ballett ist ihre grösste Leidenschaft. Die Puppe und das Kleid sollen ihr eine Freude machen und sie aus dem Spitalalltag herausreissen.» Kurzum: Der Knabe wird für eine gute Tat ausgelacht – oder besser: Die anderen lachen ihn aus, weil sie gar nicht wissen, dass der Knabe eine gute Tat begeht. «Hätten die anderen den kleinen Buben mit der Puppe einfach gefragt, warum er sie trägt, sie hätten eine überraschende Antwort erhalten. Und sie hätten etwas fürs Leben gelernt», schloss Linder die Geschichte ab – und kam damit auf sein Thema zu sprechen: die Unwissenheit.

«Unwissenheit erleichtert das Urteilen, belastet nicht und ist bequem», sagte Linder. Das Gegenstück dazu sei die Lebenserfahrung – sie mache im Grunde jede Rede zum 1. August aus. «Die Rede vermittelt Lebenserfahrung eines einzelnen Menschen. Lebenserfahrung ist Wissen, ist Urteilsfähigkeit», so Linder. «Sich seine Lebenserfahrungen nach eigenem Gutdünken anzueignen – auch auf eigene Gefahr – und sie zu teilen, bedeutet letztlich Freiheit», so Linder.

Unwissenheit verhindert Neues

Mit der individuellen und geteilten Lebenserfahrung könne man eine gemeinsame Identität schaffen, ob für Uitikon, Zürich oder die Schweiz. Diese Identitäten gelte es aber stets weiterzuentwickeln. Dafür müssten die Menschen immer wieder Fragen stellen, auch wenn sie unbefriedigende Antworten erhalten, wie Linder sagte: «Politiker zitieren komplizierte Gesetze, Ärzte nennen einen lateinischen Fachbegriff und Psychologen antworten mit einer weiteren Frage.» Wer das Fragen aufgibt, erhält aber gar keine Antworten mehr, bleibt unwissend, gewinnt keine Erfahrung. «Unwissenheit ist keine echte Erfahrungsquelle. Und damit ist sie auch kein Treiber für Erneuerung – zum Beispiel für politische Erneuerung, für gesellschaftliche Erneuerung, für Innovationen aller Art.»

Gerade der Gemeinderat sei aber auf die Erfahrungen und Anschauungen aller Üdiker angewiesen. «So können wir für alle, für die Gemeinde, für unseren Üdiker Löwen politisch erfolgreich arbeiten», sagte Linder. Mit seinen Worten zur Lebenserfahrung hatte Linder aber nicht nur die Dorfältesten im Sinne: «Grosse Lebenserfahrung ist das Privileg und die Intelligenz des Alters. Kleine Lebenserfahrung ist die Unbekümmertheit der Jugend. Von beidem braucht unser Üdiker Löwe viel und mehr in den nächsten Jahren», so Linder. Damit die Generationen zusammenarbeiten können, brauche es aber gegenseitige Dankbarkeit. «Der Soziologe Georg Simmel sagt von der Dankbarkeit, sie sei das stärkste Bindemittel der Gesellschaft», zitierte Linder.

Nach dem Schweizerpsalm der Fleischkäse

Für etwas sind die Üdiker am 1. August auf dem Dorfplatz auf jeden Fall dankbar: Der traditionelle Fleischkäse, begleitet von Kartoffelsalat und ein paar Gläsern Üdiker Gätterewy – das zeigten die langen Warteschlangen, kaum war der Schweizerpsalm gesungen.

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