Urdorf
Aktivisten sammeln Unterschriften für die Schliessung des Notbunkers

Eine neue Gruppe kämpft dafür, dass das Rückkehrzentrum in Urdorf dichtgemacht wird. Ihr geht es sowohl um den Diskurs mit der Gemeinde als auch um die Begegnung mit den abgewiesenen Asylsuchenden.

Lydia Lippuner
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Für viele ein unbekannter Ort: Die Gruppe «Close Bunker» sucht die Unterstützung der Urdorfer Bevölkerung, um gegen das Rückkehrzentrum (RKZ) vorzugehen.

Für viele ein unbekannter Ort: Die Gruppe «Close Bunker» sucht die Unterstützung der Urdorfer Bevölkerung, um gegen das Rückkehrzentrum (RKZ) vorzugehen.

L.Lippuner

Der Himmel ist grau verhangen, die Kälte fährt in die Glieder. Auf dem Bikepark Urdorf ist niemand unterwegs. Doch gleich daneben vor dem Rückkehrzentrum der Asylorganisation ORS in Urdorf treffen sich zwei Aktivisten der neu formierten Gruppe «Close Bunker». Sie möchten die Schliessung des unterirdischen Rückkehrzentrums erwirken. Ein Übersetzer steht ebenfalls neben den zwei jungen Leuten. Er soll die Aussagen eines abgewiesenen Asylsuchenden übersetzen. «Wir möchten mit den Menschen aus der Unterkunft reden, nicht nur über sie sprechen», gibt Aktivist Marc Hunziker zu Protokoll. Das sei «Close Bunker» seit Beginn sehr wichtig gewesen.

Die Gruppe entstand im Anschluss an die Demonstrationen vor dem Erlenhof in Zürich im Oktober 2020. Damals steckten sich 16 Bewohner und zwei Betreuer mit dem Coronavirus an. Die Urdorfer Unterkunft wurde danach vorübergehend geschlossen und alle abgewiesenen Asylbewerber wurden in das ehemalige Pflegezentrum Erlenhof im Stadtzürcher Kreis 4 verlegt. Die Ansteckungen sorgten für eine Welle der Kritik, die sich unter anderem in Demonstrationen vor dem Erlenhof entlud. Seit der Rückverlegung der Männer in die Unterkunft in Urdorf besuchen die Aktivistinnen und Aktivisten die Bewohner, gehen mit ihnen spazieren, führen Gespräche und haben gemeinsam mit ihnen bereits zwei Broschüren verfasst.

Bereits die nahe gelegene Tankstelle ist tabu

«In der ersten geht es um das Leben in der Unterkunft, die zweite ist ein Faktencheck zu Mario Fehrs öffentlichen Aussagen. In der dritten soll es um die Eingrenzung der betroffenen Personen gehen», sagt eine Aktivistin, die in der Gegend wohnt. Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen, da sie sich vor rassistischen Angriffen fürchtet. Spaziert oder redet sie mit den Bewohnern der Unterkunft, hört sie immer wieder, wie belastend es sei, wenn man sich nur innerhalb der Dorfgrenzen bewegen dürfe. «Das Lädeli da drüben ist beispielsweise bereits tabu.» Marc Hunziker zeigt in den Wald, hinter dem sich auf Birmensdorfer Boden ein Tankstellenshop befindet.

Nebst den Gesprächen mit den Asylsuchenden lancierte die Gruppe eine Petition zur Schliessung der Notunterkunft. Zu diesem Zweck sammelten sie Unterschriften im Zentrum Spitzacker in Urdorf. Die Bewohner wünschten sich Unterstützung von der lokalen Bevölkerung, sagt Hunziker. Das sei ebenfalls ein Grund gewesen, die Aktion direkt vor Ort durchzuführen. Tatsächlich seien die Aktivisten während der Platzaktion im Spitzacker von vielen Passanten unterstützt und bekräftigt worden. Doch die Unterschriftensammler seien auch mit einigen Vorurteilen konfrontiert worden. «Es gab Passanten, die sehr menschenverachtende Aussagen gemacht haben», sagt Hunziker. Die Aktivisten sind überzeugt, dass solche Äusserungen eine Folge der aktuellen Asylpolitik sind. Viele Passanten seien aber vor allem unwissend gewesen. Sie hätten nicht gewusst, dass eine Unterkunft für abgewiesene Asylsuchende in der Gemeinde existiert und seien geschockt über die Umstände gewesen.

Während der Aktion sammelte die Gruppe insgesamt 120 Unterschriften von Urdorferinnen und Urdorfern. Mit der Petition wollen die Aktivisten die Gemeinde nun dazu bewegen, «das Nothilfe-Lager in Urdorf per sofort zu schliessen und sich aktiv um eine menschenwürdige Unterbringung dieser Menschen zu bemühen». Beim Gemeinderat sei die Petition noch nicht eingegangen, weshalb er noch keine Stellung dazu nehmen könne, teilt die Gemeinde Urdorf auf Rückfrage mit.

Die Aktion braucht einen langen Atem

«Close Bunker» ist nicht der erste Zusammenschluss von betroffenen Personen und Aktivisten, die sich für das Anliegen einsetzen. Bereits andere Organisationen wie das Bündnis «Wo Unrecht zu Recht wird» engagierten sich für die Schliessung der Unterkunft. Auch die Juso machte sich für die abgewiesenen Asylsuchenden in Urdorf stark. Es brauche einen langen Atem, um das Anliegen durchzubringen, sagt Hunziker.

Die SVP Bezirk Dietikon zeigte auf Nachfrage kein Verständnis für die Forderung. «Wir sind davon überzeugt, dass der Kanton als Betreiber der Anlage seiner Verantwortung für einen sicheren Betrieb nachkommt», sagte Andreas Leupi, Co-Präsident der SVP Bezirk Dietikon. Der Regierungsrat habe aufgezeigt, dass die Sicherheitseinsätze und Gesundheitsmassnahmen in der Erlenhof-­Quarantäne mehr als eine halbe Million gekostet haben. Zudem seien derzeit nicht nur die grösstenteils abgewiesenen Asylbewerber in Urdorf teilweise isoliert, sondern auch all jene Personen, die sich in Alters- und Pflegeheimen befinden. «Solche Massnahmen sind in Zeiten von Covid-19 leider nicht überall zu verhindern», sagt Leupi.

Für die Aktivisten trifft diese Aussage nicht zu. Die Umstände seien schon vor Corona untragbar gewesen. Sie bemängeln, dass viele der Bewohner, die nun wieder in der Notunterkunft leben, unter psychischen und körperlichen Beschwerden leiden. «Die Sache ist ernst. Hier geht es um geltendes Menschenrecht auf Leben und Gesundheit», sagt Hunziker. Es sei nun wirklich höchste Zeit, dass die Behörden Verantwortung übernehmen. Das gelte sowohl für die Regierung in Zürich wie auch für den Gemeinderat vor Ort in Urdorf.