Für den diesjährigen Samichlausbesuch versammeln sich die Schlieremer Familien mit ihren Kindern wie immer beim alten Reitplatz am Schlieremerberg. Es könnte aber das letzte Mal sein. Denn der organisierende Verein, die IG Familie, wird höchstwahrscheinlich am nächsten Dienstag, 27. November, seine eigene Auflösung beschliessen. Mit dem Verein steht aber auch die Führung des Familienzentrums auf der Kippe, denn anders als bei den umliegenden Gemeinden ist jener alleine für die Betreibung des Zentrums verantwortlich. Der Vorstand besteht seit längerem nur noch aus vier Frauen, die alles Administrative und Organisatorische auf freiwilliger Basis bestreiten.

«Genau das hat uns an unsere Kapazitätsgrenzen gebracht», sagt Anna Walther, Präsidentin der IG Familie, die ihr Amt als «einen 20-Prozent-Job» bezeichnet. Diesen versuchte sie nebst Familie und Job als Lehrerin irgendwie zu erfüllen – drei Jahre lang. «Damals sind wir zu sechst angetreten», erzählt sie, «weil der Vorstand in globo zurückgetreten war und wir den Verein nicht sterben lassen wollten.» Heute ständen sie allerdings am gleichen Punkt – von den anfänglich sechs Mitgliedern sind noch vier übrig, nur ist dieses Mal keine Nachfolge in Sicht.

Keine Helfer gefunden

Walther erzählt, dass es ihr Hauptziel gewesen sei, während ihrer Amtszeit ein funktionierendes Netz an Hilfspersonen aufzubauen. «So hätten all die Aufgaben auf viele Schultern verteilt werden können und es wäre für den Einzelnen tragbar geworden.» Leider sei dieses Vorhaben kläglich gescheitert, was nun zur Vereinsauflösung führe. «Hilfe von der Stadt haben wir leider auch nicht bekommen», so Walther weiter. Während Familienzentren in den umliegenden Gemeinden meistens von der öffentlichen Hand unterstützt würden – mit zwischen 80 und 350 Stellenprozenten –, hat die Stadt Schlieren dem Verein einzig die Liegenschaft zu günstigen Konditionen von 300 Franken pro Jahr zur Verfügung gestellt sowie einen jährlichen finanziellen Beitrag gewährt, so wie allen anderen Schlieremer Vereinen auch.

Gleichzeitig hat der Verein aber alle Anlässe organisiert, nicht nur die eigenen, sondern auch jene des Kantons oder anderer Institutionen. Beispielsweise wird im Familienzentrum auch die Mütterberatung des Bezirks Dietikon durchgeführt oder die Kurse des Sozialamtes der Stadt wie «Familie 5+». «Die Verantwortlichen waren jeweils sehr erstaunt, wenn ich sagte, dass ich nicht an der Koordinationssitzung teilnehmen könne, weil ich noch einen Job als Lehrerin hätte. Auf Nachfragen erklärte ich dann, dass dies nicht mein zweiter Job sei, sondern der einzige, den ich gegen Bezahlung erfülle.»

Walther findet es schade, dass sich die Stadt nicht früher bemüht hat, die drohende Auflösung des Vereins und die damit einhergehende Schliessung des Familienzentrums abzuwenden. «Erst jetzt geschieht endlich etwas.» Sie ist der Meinung, das Führen eines Familienzentrums sollte nicht auf den Schultern von Freiwilligen lasten, sondern durch die Stadt unterstützt werden.

Aussprache nächste Woche

Stadtpräsident Markus Bärtschiger (SP) wird an der Versammlung von nächster Woche anwesend sein. Laut Walther hätte er sich positiv über das Familienzentrum geäussert und es hätten lösungsorientierte Sitzungen stattgefunden. Allerdings werden der Stadtrat und dann das Parlament befinden müssen, was ihm das Zentrum wert ist. Auf Anfrage will sich Bärtschiger dazu noch nicht äussern.

Die Nachfrage nach dem Angebot des Familienzentrums ist in der Bevölkerung unbestritten. So nahmen letztes Jahr rund 300 Personen am Samichlaus teil. Zudem sind die Kleinkindertreffen am Dienstag- und Freitagmorgen überlaufen. «Die Nachfrage ist so gross, dass wir längst jeden Morgen einen Treff durchführen könnten», sagt Walther. Inzwischen sei der Anlass auch wertvoll für die Integration, da viele fremdsprachige Familien kämen. Ein Event pro Monat sowie ein Spielnachmittag ein- bis zweimal pro Monat runden das Angebot des Vereins ab. «Leider finden sich trotz der Nachfrage keine Freiwilligen», sagt Walther und kann ihre Enttäuschung nicht verbergen: «Es ist schon frustrierend, wenn sogar das Backen eines Kuchens zu viel Arbeit ist.»