Ihr grelles Läuten war früher landauf und landab zu hören. In der Nähe von Bahnhöfen galt ihr Erklingen den Anwohnern als letzte Gelegenheit, das Haus zu verlassen, um den Zug noch rechtzeitig zu erreichen, erzählt Michael Maier. «Die Bahnhofsglocke ist meine früheste konkrete Erinnerung an die Eisenbahn», sagt er.

1977 wurde der alte Bahnhof Dietikon abgerissen. Mit ihm verschwand die Bahnhofsglocke der Stadt. Maier sagte sich damals: «Eine solche Glocke will ich bei mir zu Hause». Sie wurde zu einem der ersten grossen Stücke einer beeindruckenden Bahn- und Uhren-Sammlung, die sich heute über alle Etagen und Zimmer seines Hauses erstreckt. «Ich grüble gerne im stillen Kämmerlein vor mich hin und investiere praktisch jede freie Minute in meine Sammlung», sagt der Dietiker.

Maiers Haus gleicht einem Museum, für das er durchaus Eintritt verlangen könnte. Direkt hinter dem Eingang führt eine Treppe hinunter, die gesäumt ist mit Achslagern von alten Eisenbahnwagen. Man muss sich vorsichtig hinab bewegen. Im Keller reihen sich Eisenbahnlampen und –laternen aneinander, Maier nennt dies seine Schatzkammer. Er präsentiert zwei Flügel-Signallaternen. Eine schwarze mit Kamin, eine graue ohne. «Beide Petrollaternen funktionierten ursprünglich gleich, aber die graue Laterne bekam von der SBB einen elektrischen Einschub», sagt er. Um Geld zu Sparen, habe man viele Lampen umgebaut, statt sie zu ersetzen.

Kerzenlicht im Bahnwaggon

Maier nimmt eine Kerzenlampe aus dem Regal: «Als ich 1990 die Kondukteur-Instruktion absolvierte, kam es noch zur Sprache, dass in älteren Eisenbahnwagons Kerzenlampen anzutreffen sind», erzählt er. Sie sollten bei einem Stromausfall zum Einsatz kommen. Offenbar war das Vertrauen in die Elektrizität damals noch nicht sehr gross.

Aus dem Wohnzimmer dringt das stete Ticken vieler Pendeluhren. «Uhren und Eisenbahn lassen sich nicht trennen, denn ohne Uhren könnte es keine Eisenbahn geben», sagt der gelernte Uhrenmacher. Auch optisch hat Maier im Wohnzimmer nichts dem Zufall überlassen: Als Tisch dient ein antiker Wagenpuffer und als Pinnwand ein roter Signalflügel. Über dem Fenster ist ein Schienenabschnitt befestigt, auf dem eine Modelleisenbahn steht.

Das empfindliche Material befindet sich im Obergeschoss, wo vergilbte SBB-Dokumente gestapelt und daneben antiquierte Bahnhofstelefone aneinandergereiht sind. Die technischen Apparate hat er restauriert, manch ein Telefon dank alten Schaltplänen wieder funktionstüchtig gemacht. «Bei der antiken Mechanik kann man noch nachvollziehen, wie die Technik funktioniert. Das macht ihren Reiz aus», sagt Maier, der selbst keinen Computer und kein Handy besitzt. Besonders stolz zeigt er sich über seinen hölzernen Signalsteuerkasten, mit dem man eines der ersten mechanischen Signale habe ansteuern können.

Wer durch Maiers Sammlung geht, erhält das Gefühl, über 150 Jahre Eisenbahngeschichte zu durchlaufen. «Mein ältestes Stück ist ein Schienenstück von der Spanisch-Brötli-Bahn aus dem Jahre 1847», sagt er. 1997 habe er eine Ausstellung zur Spanisch-Brötli Bahn praktisch alleine bestritten. An dieser konnten die Besucher auch mit den von ihm wieder instandgesetzten Telefonen ein Gespräch führen. Für Maier war die Ausstellung ein Highlight. «Ich möchte die Freude an meiner Sammlung teilen», sagt er.

Endstation Abstellgleis

In der Garage beginnt Maier an einem grünen Führerstand herumzuhebeln. Er erklärt die Funktionsweise so detailreich, dass er ohne Zweifel die Lokomotive auch steuern könnte. Das habe er aus alten Reglementen gelernt, die er auf Floh- und Sammlermärkten gefunden hat. «Ich trage ein inneres Lexikon in mir und sehe sofort, welche Gegenstände für mich interessant sind», sagt er.

Zum grünen Führerstand sei er vor drei Jahren gekommen. Damals habe er einen RBe 4/4 Triebwagen auf einem Abstellgleis entdeckt, der zum Abbruch freigegeben worden war. Guter Dinge wandte er sich an einen Mitarbeiter der Hauptwerkstatt Zürich (heute: Unterhaltsregion Zürich). Maier hatte schon viele Führerstände aus alten Lokomotiven selbstständig ausgebaut.

«Doch eine neue Weisung untersagte es betriebsfremden Personen, sich auf dem SBB-Gelände aufzuhalten», erzählt er. Der Mitarbeiter habe sich aber kooperativ gezeigt und wies seinen Stift an, den Führerstand für Maier auszubauen. Heute ist der «RBe 4/4» einer von acht Führerständen in seiner Sammlung. «Sie sind ein grösserer Punkt meines Interesses», sagt er.

Die Geschichte fördert aber auch etwas zutage, worüber sich Maier ärgert: «Es ist für private Sammler schwieriger geworden, an Liebhaberstücke heranzukommen.» Diese Entwicklung hält er für schlecht, denn die Sammler seien die Konservatoren unserer Kultur. «Ohne die Sammler gäbe es die meisten Museen weltweit nicht», sagt Maier. Er hofft deshalb, dass er sein Werk noch lange fortführen und zum Beispiel eines Tages in eine Stiftung überführen kann.