Bergdietikon
Das Theater Hora schlägt in «Mars Attacks» zurück

Das Theater Hora feiert am 5. Mai im Fabriktheater der Roten Fabrik Premiere mit einer Adaption von Tim Burtons «Mars Attacks!». Mit von der Partie ist auch der Bergdietiker Schauspieler Matthias Brücker, der am Down-Syndrom leidet.

Sophie Rüesch
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In der neuen Produktion «Mars Attacks!» spielen Matthias Brücker und Regisseur Florian Loycke «Blutsbrüder» – hier albern sie am Ufer des Zürichsees herum. Fotos: Jiri Steiner

In der neuen Produktion «Mars Attacks!» spielen Matthias Brücker und Regisseur Florian Loycke «Blutsbrüder» – hier albern sie am Ufer des Zürichsees herum. Fotos: Jiri Steiner

Jiri Reiner

Arm in Arm, Schläfe an Schläfe schlendern Matthias Brücker und Florian Loycke durch die labyrinthischen Gänge der Roten Fabrik in Zürich. Die beiden sind bester Laune; Brücker, wie es später aus ihm heraussprudeln wird, weil er nun endlich mit seiner grossen Liebe Tiziana Pagliaro zusammengekommen ist. Schon lange hatte der Bergdietiker Schauspieler mit dem Down-Syndrom, der zum festen Ensemble des Behindertentheaters Hora gehört, seine Kollegin umgarnt. Bis vor kurzem liess sie ihn zappeln. Doch jetzt würde er am liebsten der ganzen Welt erzählen, wie schön es ist, mit Tiziana zu kuscheln.

Gelegenheit dazu haben die beiden zurzeit genug: auf den unzähligen Reisen, die das Hora-Ensemble weiterhin um die halbe Welt führen, beim gemeinsamen Spiel auf der Bühne, beim täglichen Proben für kommende Auftritte. Denn während das weltweite Interesse am Erfolgsstück «Disabled Theater» ungebrochen bleibt, bereitet sich die Truppe bereits auf die nächste Premiere vor. «Mars Attacks!» heisst das Stück, in dem die Horas zusammen mit dem Berliner Puppen- und Experimentaltheater «Das Helmi» ab dem 5. Mai tüchtig auf den Putz hauen wollen.

Mit der freien Interpretation von Tim Burtons bitterbösem Film über eine Invasion durch niederträchtige Marsmenschen beweist das Theater Hora nach dem viel beachteten «Disabled Theater» Chuzpe – und Selbstironie. Mit dem «Helmi» – dem Theater «mit der Lizenz zum Wahnsinn», wie es auch schon genannt wurde – hat es sich dafür den richtigen Partner ausgesucht. Nicht nur, weil die Truppe um Loycke in früheren Produktionen bewiesen hat, dass es die trashig-grelle Atmosphäre des Films wohl passend auf die Bühne transportieren kann. Wer Brücker und Loycke gemeinsam durch die Gänge ziehen sieht, merkt auch: Hier haben sich zwei gefunden.

Karnevaleske Retourkutsche

Ursprünglich war geplant, die Hora-Mimen die bösartigen Marsmenschen spielen zu lassen, um sie Rache ausüben zu lassen an einer Menschheit, die mit dem Andersgestaltigen hadert – auch als eine Art karnevaleske Retourkutsche für die zahlreichen unbeholfenen Reaktionen auf das von Jerôme Bel choreografierte «Disabled Theater». Für die Vorwürfe, die hilflosen Protagonisten würden darin schonungslos ausgestellt; und für die implizite Unterstellung, diese seien nicht mündig genug, selbst zu entscheiden, was sie auf der Bühne von sich preisgeben wollen.

Es ist ein Thema, das Matthias Brücker schon im Erfolgsstück selbst anspricht, wenn er auf der Bühne die Bestürzung seiner Schwester über das Dargebotene beschreibt: «Wie Tiere im Zoo» würden ihr Bruder und dessen Kollegen vorgeführt, habe sie nach der ersten Aufführung für die Familien gesagt. «Heute findet sie es nicht mehr so schlimm», sagt Brücker und lächelt. Die Frage, ob er sich bei der Entwicklung oder beim Aufführen des Stücks je ferngesteuert oder ausgenutzt gefühlt habe, beantwortet der 23-Jährige mit einer Reihe von dezidierten Neins.

Hora macht Pause

«Mars Attacks!» feiert am 5. Mai im Fabriktheater der Roten Fabrik Premiere. Gleichzeitig läuft das auf drei Jahre angelegte Projekt «Freie Republik Hora», in dem die Schauspieler ohne Vorlage, Regie oder Choreografie in regelmässigen öffentlichen «Try-Outs» machen können, was sie wollen. Das nächste Try-Out findet am 22. April statt. Am 19. Juni erscheint ausserdem ein Buch zum 20-Jahr-Jubiläum des Theaters. Während der Fussball-WM stürmt das Hora dann die altehrwürdigen Zürcher Festspiele: Am 28. Juni spielt es im Schiffbau ein Match gegen das Schauspielhausensemble. Weiterhin zieht das Theater Hora zudem mit «Disabled Theater» um die Welt; nächste Stationen sind Singapur, Russland, Brasilien. (rue)

Die behinderten Schauspieler als «Andere» in einer normenversessenen Gesellschaft – damit setzte sich das Hora schon lange, bevor Jerôme Bel ihm zu Weltruhm verhalf, auseinander. So entstand die Idee für «Mars Attacks!» nicht nur als Reaktion auf das «Disabled Theater», mit dem das Ensemble noch immer unterwegs ist. Sondern auch, «weil die Horas in der Öffentlichkeit oft so angeglotzt werden, als seien sie nicht von dieser Welt», wie Loycke erklärt. «So dachten wir: Gehen wir in die Offensive, besetzen wir sie doch gleich als Ausserirdische – so können sie auf ihre Weise zurückschlagen», so Loycke.

Doch während der Proben stellte sich heraus, dass dieses Konzept nicht ganz greift. «Plötzlich merkten wir: Ausserirdisch – das sind wir für das Ensemble ja genauso wie sie für manche von uns», sagt Loycke. So verflossen die Grenzen zwischen «uns» und «ihnen» im Verlauf der Vorbereitungen zusehends; mittlerweile sind mal die Horas die grünen Männchen, mal die Helmis, mal alle zusammen oder mal gar keiner. Geblieben aber ist das Mitspracherecht der Schauspieler: «Sie bestimmen den Rhythmus, wir betten ihn szenisch ein», sagt der Regisseur, der mit dem «Helmi» gerade noch im Theater Neumarkt gastierte.

Dieselben Szenen, aber verliebt

Und vom Mitspracherecht, davon nimmt Matthias Brücker denn auch gleich noch während des Gesprächs Gebrauch: «Ich will eine Lovestory mit Tizi einbauen», wirft er plötzlich ein. «Wir können ja die gleichen Szenen machen, aber verliebt», schlägt er dem Regisseur vor, der sich sogleich das Hirn zermartert, wie sich denn das ins Stück integrieren liesse. Was bei der Uraufführung am 5. Mai letztlich genau über die Bühne gehen wird, wissen wohl weder Loycke noch Brücker so recht. Für Letzteren ist gerade sowieso nur eines klar: «Tizi und ich, wir sind ein Traumpaar. Sie ist meine grosse Liebe, die Sexieste von allen und meine Traumfrau.»

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