Weiningen

Der Gastgeber der Kirche tritt nach 18 Jahren ab — Es zieht ihn in den Thurgau

Kari Suter verlässt nicht nur die Kirche Weiningen, sondern auch das Limmattal. Im Juni zieht er mit seiner Frau nach Wigoltingen im Thurgau.

Kari Suter verlässt nicht nur die Kirche Weiningen, sondern auch das Limmattal. Im Juni zieht er mit seiner Frau nach Wigoltingen im Thurgau.

Kari Suter pflegte als Sigrist der Reformierten Kirche Weiningen nicht nur das Gotteshaus, sondern auch den Kontakt mit den Menschen. Der 64-Jährige geht nun in Pension. Heute ist sein letzter Arbeitstag.

Die Kirchenglocken läuten, das Gehäuse der Orgel knackt. Kari Suter steht vor seinem Pult im Seitenarm der Reformierten Kirche Weiningen. Die Tasten auf dem Holzmöbel leuchten grün, gelb und rot. «Wenn Trauernde vom Friedhof auf dem Weg in die Kirche sind, betätige ich die Kirchenglocken manuell», sagt er und zeigt auf die vier grünen Knöpfe. Suter ist Sigrist der Reformierten Kirche Weiningen. Er begleitet Abdankungen, Taufen, Gottesdienste, Konzerte und Hochzeiten – und das bereits seit 18 Jahren. Doch nun ist Schluss, heute ist Suters letzter Arbeitstag.

Der Weininger tritt in den Ruhestand. «Eigentlich werde ich erst Ende März pensioniert, aber ich habe noch zwei Monate Ferien zu gut», sagt Suter. Er freue sich auf den neuen Lebensabschnitt. «Und doch werde ich meine Arbeit vermissen, vor allem den Kontakt zu den Leuten.» Zum Gotteshaus im Weininger Dorf hat der 64-Jährige eine besondere Verbindung. Es war nicht nur 18 Jahre lang sein Arbeitsplatz, sondern spielte für grosse Ereignisse in seinem Leben stets eine bedeutende Rolle. «Ich wurde in dieser Kirche getauft und konfirmiert. Ich habe meine Frau Johanna hier geheiratet», erzählt Suter. Und auch seine Tochter sei in der Weininger Kirche getauft worden und später vor den Traualtar getreten. «Selbst meine Eltern haben sich in dieser Kirche vermählt.»

Der gelernte Grossapparateschlosser stellte sich im Januar 2002 in den Dienst der Reformierten Kirche. «Ich war selbstständig und betrieb eine Schlosserei und Werkzeugschärferei in der Fahrweid. Als Unternehmer stand ich unter grossem Stress, musste den Aufträgen und dem Geld nachrennen, hatte nie Ferien. Und obendrein rauchte ich.» Suters Gesundheit machte nicht mehr mit. Er erlitt einen Herzinfarkt. Sein Arzt habe ihm damals nahegelegt, sich einen anderen Job zu suchen, erzählt Suter. «Meine Frau war Kirchenpflegemitglied der Kirchgemeinde Weiningen, die auch Unterengstringen, Geroldswil und Oetwil umfasst, und hat gesehen, dass in Geroldswil eine Stelle als Sigrist-Stellvertreter ausgeschrieben ist.» Suter begann jeweils am Sonntag auszuhelfen. «Als 2002 der Weininger Sigrist Joe Meier pensioniert wurde, übernahm ich seine Aufgabe.»

Die Trauben waren früher der Lohn des Sigrists

Suter kümmerte sich aber nicht nur um den Kirchendienst, sondern pflegte die Liegenschaften und die Umgebung in Weiningen. Dazu gehören die Kirche, der Chile-Träff, die Parkplätze, die Blumenrabatten, die Gehwege, der Rasen und vier Rebenreihen, die auf der Südseite der Kirche wachsen. «So viel ich weiss, waren die Trauben früher der Lohn des Sigrists», sagt Suter und lacht, als er an den Rebstöcken vorbei geht. Zuständig war der Weininger auch für die Gartenarbeit beim Pfarrhaus in Unterengstringen. «Und in den letzten zwei Jahren reinigte ich auch die Reformierte Kirche im Geroldswiler Zentrum.» Besorgt war Suter zudem um die Bereitstellung der Räume im Chile-Träff in Weiningen. «Hier finden zum Beispiel der Religionsunterricht für Zweit- bis Viertklässler oder der Konfirmationsunterricht, aber auch Pilateskurse statt.» Zudem nutzen viele Vereine den Chile-Träff für Versammlungen. Sängern und Musikern, die in der Kirche auftreten, dient er als Probe- und Aufenthaltsraum. «Vor zwei Wochen gab der Ad-hoc-Chor sein traditionelles Gospelkonzert. 90 Sängerinnen und Sänger haben im Chile-Träff Zvieri gegessen», erzählt Suter.

Kari Suter begleitete Abdankungen, Taufen, Gottesdienste, Konzerte und Hochzeiten. Von seinem Pult aus im Seitenarm der Kirche steuerte er das Licht, die Glocken und die Akustik.

Kari Suter begleitete Abdankungen, Taufen, Gottesdienste, Konzerte und Hochzeiten. Von seinem Pult aus im Seitenarm der Kirche steuerte er das Licht, die Glocken und die Akustik.

Es sei wichtig, die Leute an diesen Anlässen zu betreuen und ein offenes Ohr zu haben, findet Suter. «Ich habe mich immer als Ansprechperson und Gastgeber der Kirche verstanden. Wenn mich Leute brauchten oder das Bedürfnis hatten, jemandem ihre Probleme anzuvertrauen, war ich da.» Und wenn die Feste und Abdankungen zu Ende waren, begann Suters Arbeit meist erst richtig. Er reinigte die Räume oder stand früh am Morgen auf, um die Kirche und den Chile-Träff für den nächsten Gottesdienst und die nächste Veranstaltung vorzubereiten. «Nur einmal im Monat hatte ich sonntags frei. Heiligabend konnte ich in den letzten 18 Jahren nie feiern, weil ich am 24. Dezember die Familienweihnachtsfeier um 16.30 Uhr und den Christnachtgottesdienst um 22 Uhr vorbereitet und begleitet habe.»

Eine andere Art der Vorbereitung stellte das Gespräch mit den Brautleuten vor der kirchlichen Trauung dar. «So erfuhr ich, welche Wünsche die Paare haben und konnte ihnen sagen, ob wir diese ermöglichen können oder nicht.» Es habe schon einige spezielle Vermählungen in der Kirche gegeben. «Einmal musste ich einen roten Teppich ausrollen, ein ander Mal wollte ein Paar mit seinen Hunden in die Kirche laufen», erinnert sich Suter.

Er konnte die Finger nicht von den Blumen lassen

Viel Wert legte der Sigrist auf die Optik. Für die Gottesdienste schmückte er die Kirche mit Kerzen und Blumen. «Manchmal pflückte ich Blumen vom Feld, manchmal kaufte ich sie und fertigte daraus Gestecke.» Bei Beerdigungen und Hochzeiten waren die Angehörigen und Brautleute jeweils selbst für die Organisation der Blumendekoration zuständig. Suter konnte aber nicht immer die Finger davon lassen. «Es kam vor, dass Blumengeschäfte lieblosen Blumenschmuck lieferten und ihn mir regelrecht in die Kirche warfen. Ich habe dann immer selbst noch etwas ausgebessert», gibt der 64-Jährige zu.
Zu Suters Höhepunkten in den 18 Jahren gehörten nicht nur die Begegnungen mit den Menschen, sondern auch die Turmfalkenpaare, die fast jedes Jahr im Kirchturm ihren Nachwuchs aufzogen. «Einmal hatten sie fünf Junge. Ich stieg oft den Turm empor, um zu schauen, ob bereits Eier im Nest liegen und ob alles in Ordnung ist.» Zu den seltsamsten Ereignissen in seiner Sigrist-Karriere gehört für Suter die Abdankung eines Bhagwan-Anhängers. «Alle Trauernden erschienen in Sandalen in der Kirche. Das war schon gewöhnungsbedürftig.»

Emotional am meisten mitgenommen haben Suter Beerdigungen von Kindern. «Ich sitze an meinem Pult direkt gegenüber den Trauerfamilien. Zu sehen, wie weh ihnen der Abschied tut, war für mich nie einfach», sagt er. Besonders berührt habe ihn die Abdankung eines kürzlich verunglückten Bauarbeiterlehrlings. «Es erschienen 400 Leute in der Kirche, ich kenne den Grossvater des Verstorbenen. Das war auch hart für mich.» Er habe lernen müssen, damit umzugehen. «Ich kenne einige Sigriste, die aufhören mussten, weil sie diese Schicksale nicht ertragen konnten.» Zwar sei es schmerzhaft für ihn, wenn er an Beerdigungen von Bekannten dabei sei oder die Angehörigen persönlich kenne. Die Vertrautheit biete aber auch Vorteile. «Dass ich eben kein Fremder bin, spendet vielen Hinterbliebenen Trost. Sie müssen sich nicht verstellen und können ihrer Trauer freien Lauf lassen.»

Er wagt einen Neustart im Kanton Thurgau

Abschied nehmen muss Suter heute nun von seiner Aufgabe. «Ich realisiere es gar noch nicht, bewusst wird es mir wohl erst ein paar Tage später.» Viel Zeit, seinen Job zu vermissen bleibt ihm sowieso nicht. «Meine Frau und ich verkaufen unser Haus in der Fahrweid. Wir ziehen im Juni in eine neue Wohnung in Wigoltingen im Thurgau. Unsere Tochter wohnt in der Nähe», sagt Suter. Die Pensionierung ist für ihn somit auch ein Abschied von der Region, in der er sein ganzes bisheriges Leben verbrachte. Doch nicht nur das wird Suter im nächsten halben Jahr beschäftigen. «Mein Sohn heiratet im März und im Mai wird er Vater. Wir bekommen unser drittes Enkelkind.» Die Trauung sei nur zivil. «Kirchlich geheiratet wird erst ein Jahr später. Ob das in der Kirche in Weiningen sein wird, weiss ich noch nicht», sagt Suter und lacht.

Pläne hegt er auch nach dem Umzug. «Ich will mit meiner Frau eine viermonatige Weltreise auf einem Kreuzfahrtschiff machen.» Suter ist zuversichtlich, dass all seine Vorhaben gelingen werden, getreu seinem Konfirmationsspruch: «Befiehl dem Herrn deinen Weg und hoff auf ihn. Er wirds wohl machen». «Dieser steht auch in der Weininger Kirche gegenüber meines Pults über dem Türbogen geschrieben. Bisher hat mich der Spruch gut geleitet», sagt Suter. Weiningen und der Reformierten Kirche wird er nicht ganz den Rücken kehren. «Nächstes Jahr beginnen die Gottesdienste jeweils eine Stunde später um 10.15 Uhr. Dann habe ich mehr Zeit, um aus dem Thurgau anzureisen.»

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Autor

Sibylle Egloff

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