Der Canal Grande in Venedig zieht mit einem tiefen Blau in den Bann, Sonnenuntergänge erstrahlen in allen Rottönen und farbige Häuserreihen entfachen die Reiselust. Seidenmaler Bruno Domenico Grüniger beeindruckt vor allem mit seinen leuchtenden Farben. «Grün ist für mich nicht einfach gleich grün», meint der Urdorfer und holt seine Farbtöpfe hervor. Seine Sammlung an Grüntönen reicht von Mint über Pistazie bis hin zu Kiwi. «Ich mische meine Farben nie, deshalb bleiben sie auch so intensiv», verrät Grüniger. Seine Künstlerkarriere begann bereits in der dritten Klasse. So richtig gepackt hat ihn das Malen jedoch erst 2003, als er nach jahrelanger künstlerischer Suche die Seidenmalerei für sich entdeckte.

Höchste Präzision

Grüniger war nie der Typ, der «einfach einen Pinsel in die Hand nehmen und grosszügig Farbe auf der Leinwand verteilen» konnte. Als gelernter Feinmechaniker liegt ihm die Feinarbeit. Seine Liebe zum Detail hat er schon als junger Künstler entdeckt, als er im Zeichenunterricht in der dritten Klasse die Häuserreihe der Bachmatt-strasse in Altstetten skizzierte.

Auch heute noch fallen bei seinen Kunstwerken besonders die präzisen Pflastersteine der Zürcher Altstadt oder Ziegelsteine der Hausdächer von Alberobello in Apulien auf. «Beim Malen auf Seide ist höchste Präzision gefragt», so Grüniger. Malt er auch nur einen kleinen Punkt daneben, kann er nicht einfach wie auf einer Leinwand darüber malen. Selbst einen hellen Farbfleck würde man noch sehen.

Der erfahrene Seidenmaler hat jedoch seine Tricks entwickelt, um Flecken zu kaschieren. «Aus einem kleinen schwarzen Punkt neben der Kuppel von Venedig wurde ein schwarzer Entenschwarm, der an der Kuppel vorbeifliegt», erinnert sich Grüniger. Ebenso hat er aus einem schwarzen Fleck auf einem blühenden Baum eine Wespe gezaubert.

Für das Seidenmalen braucht es ausserdem viel Geduld. An einem Bild, das etwa ein Meter mal ein Meter gross ist, arbeitet Grüniger ungefähr zwei bis drei Monate. Ganz nach seinen italienischen Vorfahren lässt er sich jedoch nicht so schnell aus der Ruhe bringen. «Wenn ich arbeite, läuft nebenbei immer der Fernseher oder die Stereoanlage. Ich höre zwar die Musik, aber sie stört mich nicht in meiner Konzentration.»

Italiener mit Leib und Seele

Seine grösste Inspiration findet Grüniger in seiner zweiten Heimat Italien. Seine Mutter stammt aus Camisano, nahe Venedig, weshalb der Künstler schon als kleines Kind die meisten Ferien im Land der Sonne verbracht hat. Die Faszination ist geblieben, jedoch zieht es den Italiener heute mehr gen Süden. «Der Süden ist immer noch genauso wie früher und lässt sich nicht von der Hektik der restlichen Welt aus der Ruhe bringen», meint Grüniger.

Motive für seine Kunstwerke sammelt der Seidenmaler jedoch in ganz Italien. Auf seinen Reisen durch italienische Städte geht er oft an den Bahnhöfen vorbei und schaut sich die dort ausgestellten Postkarten an. Schöne Motive werden mit in die Schweiz genommen und dienen zusammen mit den eigenen Aufnahmen als Inspirationsquelle.

In Italien findet der Künstler auch viele Anregungen für seine leuchtenden Farben. «Wissen Sie, dort ist der Boden wirklich so rot wie auf diesem Bild», sagt der Maler und zeigt auf eines seiner Werke. Und manchmal muss man einfach genauer hinschauen, dann sieht man, dass auch das Wasser der Limmat nicht immer nur blau ist, sondern die unterschiedlichsten Farbtöne annehmen kann.