Lehrstellen
Die Berufsmesse fällt wegen Corona aus – Firmen setzen stattdessen auf Tiktok und Instagram

Limmattaler Betriebe erzählen, wie sie trotz ausfallender Berufsmesse an neue Lernende kommen.

Lydia Lippuner
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Lernenden werden für die Stellensuche die Plattformen Lena und Yousty sowie Beratungsstellen empfohlen. (Symbolbild)

Lernenden werden für die Stellensuche die Plattformen Lena und Yousty sowie Beratungsstellen empfohlen. (Symbolbild)

Keystone

Die Kabelrolle rollt durch die Werkstatt, in den Lift, über den Tisch der Vorgesetzten und am Töggelikasten vorbei. Ständig wird sie verfolgt von einem Lernenden, der sie vergeblich einzuholen versucht. Erst als sie wieder an ihrem Platz in der Werkstatt ist, kann er sie stoppen. Die Szene stammt aus der Tiktok-Kampagne des Dietiker Elektrounternehmens Jaisli-­Xamax AG.

Auch weil dieses Jahr wegen Corona keine Berufsmesse durchgeführt werden konnte, will das Unternehmen mit verschiedenen Kurzvideos auf der bei Jugendlichen beliebten Plattform Tiktok die Lehrberufe Elektroinstallateur, Automatikmonteur und Montage-Elektriker den Jugendlichen näher bringen. Das Unternehmen bildet schweizweit 95 Lernende aus. «Obwohl wir etwa ähnlich viele Bewerbungen erhalten wie letztes Jahr, sind im Moment noch weniger Lehrstellen besetzt», sagt Thomas Schelker, Berufsbildner des Standorts in Dietikon. Für das Lehrjahr 2020 habe man aber mehr Stellen als im Vorjahr ausgeschrieben und alle besetzen können.

Auch andere Limmattaler Firmen sehen wich wegen Corona mit neuen Herausforderungen bei der Lehrlingssuche konfrontiert. Beim Lifthersteller Schindler in Schlieren sind fünf von sieben Lehrstellen besetzt. Dem Unternehmen fehle der direkte Kontakt mit den zukünftigen Lernenden an der Messe oder am Zukunftstag, sagt Bruno Wicki, der schweizweit für die Lernenden der Schindler AG verantwortlich ist. Die passende Alternative für die ausgefallenen Veranstaltungen suche er noch. «Wir dachten an Zoomsessionen oder auch an Online-Diskussionen», sagt Wicki.

Trotz verschärfter Coronaschutzmassnahmen sei es noch möglich, mit einer Schulklasse für eine Besichtigung vorbei zu kommen. Doch das Interesse der Schulen sei aus Angst vor Infektionen kleiner geworden. «Zurzeit meldet sich niemand für eine Führung», sagt Wicki. Dennoch ist er zuversichtlich, die Lehrstellen für das nächste Jahr besetzen zu können. Nebst den gängigen Online-Plattformen setzt er auch auf Zeitungsinserate sowie Facebook- und Instagramposts.

Susanne Hug, Bildungsverantwortliche bei BSH Hausgeräte in Geroldswil, scheint keine Mühe zu haben, die Lehrstellen für das laufende Jahr zu besetzen. «Wir inserierten auf den Online-Lehrstellen-Plattformen Lena und Yousty. So haben wir bislang gute Bewerbungsdossiers erhalten», sagt Hug.

Bildungszentrum hat mehr Lernende als letztes Jahr

Vor einem Jahr stellte sich das Unternehmen an Lehrstellenbörsen vor, das habe den Bekanntheitsgrad des Unternehmens stark gefördert. «Vielleicht profitieren wir dieses Jahr immer noch davon, auch wenn wir momentan nicht hingehen können», sagt sie. Um eine Stelle bei BSH zu erhalten, müssen die Jugendlichen ein mehrstufiges Verfahren durchlaufen. Sie erledigen gemeinsame Aufgaben, führen Interviews und durchlaufen einen Abteilungsparcours. «Das ist zwar ein grosser organisatorischer Aufwand, dafür haben wir einen umfassenden Einblick in das Verhalten der einzelnen Bewerberinnen und Bewerber», sagt Hug. Im Vorfeld des sogenannten Assessments schaut sie Noten und Bewerbungsdossier gründlich an. «Wer kein vollständiges Dossier einreicht, wird erst gar nicht eingeladen», sagt sie.

Das Bildungszentrum Limmattal hat verglichen mit letztem Jahr sogar mehr Lernende im Logistikbereich. Es ist der Rektorin Claudia Hug ein Anliegen, die Lernenden für den Arbeitsmarkt fitzumachen. Nach der Lehre gehe der Kampf um den Einstieg in die Arbeitswelt erst richtig los. Diesen Sommer stieg die Jugendarbeitslosigkeit, da viele nach ihrem ­Abschluss keine Stelle in der unsicheren Lage fanden. Deswegen hat Hug vor den Sommerferien den Lehrabgängern einen Vorbereitungskurs angeboten. Hug ist überzeugt, dass Veränderung die einzige Konstante im Arbeitsalltag der Lernenden sein wird. Deshalb ist es ihr wichtig, den Jugendlichen ­aufzuzeigen, wie sie mit der schwierigen Situation umgehen können. Das solle auch ihre Reflexionsfähigkeit und ihr Selbstvertrauen stärken. «Die Pandemie beschleunigt diese Prozesse, da man der aktuellen Krisensituation nicht ausweichen kann», sagt sie. Wie die Lage in ein paar Jahren aussehe, wisse niemand. Bereits heute sollten die Lernenden darum unbedingt Veränderungskompetenz erlangen.

Lehrstellenangebot hat sich verschlechtert

Das Lehrstellen-Puls-Team der ETH Zürich hat in Kooperation mit der Lehrstellenplattform Yousty die Auswirkungen der Coronapandemie auf die berufliche Grundbildung in der Schweiz erhoben. Auch wenn die Situation für die Lehrbetriebe und Berufslernenden grundsätzlich stabil ist, hat sich das Lehrstellenangebot für 2021 im Vergleich zu den Vormonaten verschlechtert. «Das könnte daran liegen, dass noch nicht alle Lehrstellen aufgeschaltet sind. Es könnte aber auch sein, dass einige Betriebe in der aktuellen Krisensituation keine Lernenden ausbilden können, weil ihre Zukunft ungewiss ist», sagt Ursula Renold, Professorin für Bildungssysteme an der ETH Zürich. Für dieses Jahr seien viele Lehrstellen in der Deutschschweiz schon vor Corona vergeben worden. Doch für 2021 könnte es mancherorts knapp werden: In der Hotellerie und Gastronomie dürften etwa viele Lehrstellen wegfallen, weil die Betriebe aufgeben mussten oder ihre Zukunft unsicher ist.

Den Lehrstellensuchenden empfiehlt Renold nicht nur, sich online über die Plattformen Lena und Yousty über offene Stellen auf dem Laufenden zu halten. «Über die Beratungsstellen können die Jugendlichen Ausbildungsorte kennen lernen, die zu ihren Präferenzen passen», sagt Renold. Am besten sei die Chance auf eine Stelle, wenn man sich für zwei bis drei verschiedene Berufe bewerbe. Schnupperlehren können zudem helfen, einen Einblick in die verschiedenen Arbeitsgebiete zu erhalten. Den Unternehmen legt Renold ans Herz, nach Möglichkeiten weiter Lernende auszubilden. «Wenn wir jetzt aufhören auszubilden, werden wir in ein paar Jahren einen noch grösseren Fachkräftemangel haben», sagt sie.