Janine Baumann

Die Weiningerin lässt bald an der WM in New York ihre Muskeln spielen

Schwitzen für den stählernen Körper: Janine Baumann trainiert täglich zwei Stunden in ihrem Gym in Höngg.

Schwitzen für den stählernen Körper: Janine Baumann trainiert täglich zwei Stunden in ihrem Gym in Höngg.

Janine Baumann trainiert seit einem Jahr an ihrer Bikini-Figur – nun geht es für sie an die Weltmeisterschaft.

Janine Baumann kniet auf dem Boden. Ihre Arme bewegen sich zur Brust. Die Muskulatur am Rücken zeichnet sich ab. An der Kabelzugmaschine hängen auf jeder Seite 15 Kilo. Die Weiningerin trainiert jeden Tag pro Woche zwei Stunden im «Let’s go fitness»-Studio in Höngg. «Ich bin schon etwas nervös. Langsam realisiere ich, dass der Wettkampf näher rückt», sagt Baumann. Die 29-Jährige nimmt am 16. November an der Weltmeisterschaft der «World Natural Bodybuilding Federation» in New York teil. Sie startet in der Kategorie Bikini. 

Dafür qualifizierte sich Baumann vor kurzem an der Schweizer Meisterschaft in Unterägeri. Sie stach sechs andere Teilnehmerinnen aus und schaffte es auf den ersten Platz. «Als sie meinen Namen ausriefen, war ich immer noch am Posieren. Erst als der Preisrichter mit dem Pokal vor mir stand, wurde mir klar, dass ich gewonnen hatte», sagt Baumann und lacht.

Am Montag reist sie in den Big Apple. «Dann bin ich genug früh da, damit der Jetlag mir nichts anhaben kann.» Diesen Samstag beginnt Baumanns «Peak Week». «Das ist die alles entscheidende Woche. Man kann sich ein Jahr lang bestens auf den Wettbewerb vorbereiten und es in der letzten Woche dann doch vermasseln.» Deshalb hält sich Baumann strikte an ihren Ernährungsplan. «Ich esse zu Beginn der Peak-Week fast keine Kohlenhydrate und trainiere trotzdem weiter. Das leert den Glykogen-Speicher in den Muskeln. Darum sehe ich derzeit so flach aus.» Kurz vor dem Wettkampf nehme sie extra viele Kohlenhydrate zu sich. «Da der Körper lange keine Kohlenhydrate mehr erhalten hat, reagieren die Muskeln. Sie pumpen sich mehr auf als sonst.» Man trickse den Körper sozusagen aus.

Die Weiningerin arbeitet seit fünf Jahren in der Fitnessbranche.

Die Weiningerin arbeitet seit fünf Jahren in der Fitnessbranche.

Urinproben und Lügendetektor-Test

Baumann betont aber, dass die Gesundheit stets im Vordergrund steht. «Ich hungere nicht wie gewisse Athleten, die vor Wettbewerben nur noch 1000 Kalorien pro Tag aufnehmen», sagt die Vegetarierin. Die Einnahme von Steroiden und Hormonen sind verboten. «Ich kann an jedem Ort zu jeder Uhrzeit getestet werden. Dazu gehören nicht nur Urinproben, sondern auch ein Lügendetektor-Test. Nach meinem Sieg in Unterägeri wurde ich zum Beispiel sofort kontrolliert, noch bevor ich meine Eltern umarmen konnte.»

Zur Vorbereitung gehört neben dem Krafttraining auch, dass Baumann eine Woche vor dem 16. November mit einem speziellen Waschgel mit Peeling-Effekt duscht. «Dadurch kommt es nicht zu unschönen Flecken auf der Haut, wenn ich die Bräunungsfarbe für den Wettkampf auftrage. Durch diese kommen die Muskeln besser zum Vorschein.» Mit dem Auftragen der Bräunungscreme startet Baumann einen Tag vor dem Wettkampf. Zwei bis drei Schichten kommen auf die Haut. «Es ist der Horror, die Creme stinkt so.»

Das ist nicht alles, was Baumann für den perfekten Auftritt am 16. November unternimmt. «Genauso wichtig wie der Körper ist aber auch die Performance auf der Bühne. Die Posen müssen sitzen. Man muss sich richtig präsentieren und die Muskulatur anspannen. Und das in hohen Schuhen.» Sie habe etliche Stunden üben müssen und ausgesehen wie eine Giraffe auf Stelzen. Die Jury bewertet den Auftritt und den Körper, der weiblich, nicht zu breit und leicht definiert sein soll.

Die Teilnahme an der Weltmeisterschaft verlangt der Weiningerin viel ab. Doch sie sieht den strikten Menüplan und das viele Training nicht als Verzicht oder Anstrengung. «Das Krafttraining ist meine Leidenschaft. Wenn ich es nur dem Aussehen zuliebe machen würde, wäre ich nicht so weit gekommen.» Motivationsprobleme hat sie nicht. «Ich überlege mir immer, wie gut ich mich nach dem Training fühle, dann fällt es mir leicht, ins Fitnessstudio zu gehen.» Schlimm sei es für sie eher umgekehrt, wenn sie dem Gym keinen Besuch abstatten könne.

Überall hin mit der Tupperware

Trotz strenger Vorbereitung versuchte Baumann ihr soziales Leben nicht zu vernachlässigen. «Ich habe mich trotzdem mit Freunden getroffen und Dinge unternommen. Ich brachte einfach mein Essen in der Tupperware überall mit.» Dafür ernte sie manchmal kritische Kommentare oder fragende Blicke, doch das sei ihr egal. «Die Leute müssen meinen Weg nicht verstehen, aber akzeptieren.» Von ihrem Umfeld und ihrer Familie erhalte sie viel Unterstützung. Das sei ihr das Wichtigste.

An der Schweizer Meisterschaft in Unterägeri siegte Baumann.

An der Schweizer Meisterschaft in Unterägeri siegte Baumann.

Baumann war schon als Kind sportlich. Sie machte jahrelang Kunstturnen. «Ich hatte oft Rückenprobleme und mein Arzt riet mir, damit aufzuhören.» Sie habe es mit Leichtathletik und Geräteturnen probiert, jedoch keinen Gefallen daran gefunden. «Während meiner Ausbildung zur Pharmaassistentin begann ich, ins Fitness zu gehen. Ich habe aber mehr an meiner Ausdauer gearbeitet.» In dieser Zeit modelte Baumann. 2013 nahm sie an der Miss Schweiz Wahl teil und erreichte den dritten Platz. Vor fünf Jahren entdeckte sie das Krafttraining für sich. «Ich sah, wie sich mein Körper veränderte. Das faszinierte mich.» So sehr, dass sie 2014 eine Ausbildung zur Fitnessinstruktorin absolvierte. Seitdem arbeitet sie in der Fitnessbranche, bis vor kurzem als Clubmanagerin im Indigo Fitness in Zug. Baumann hat sich im September als Personal Trainerin und Ernährungsberaterin selbstständig gemacht. «Nach dem Wettbewerb und einer dreimonatigen Reise durch Lateinamerika will ich dieses Kapitel meines Lebens richtig starten.»

Mit dem Gedanken Bikini-Athletin zu werden, spielte Baumann schon einige Male. «Doch der Mut, es durchzuziehen, fehlte mir.» Der letzte Kick kam vor einem Jahr. «Meine Kollegin Severina Huber nahm an einem Wettbewerb in der Figuren-Klasse teil, das ist ein Level über der Bikini-Kategorie, in der ich mich messe», erklärt Baumann. «Ich sagte damals, wenn Severina gewinnt, fange ich auch damit an. Und prompt siegte sie.»

Anfang Jahr startete Baumann mit den Vorbereitungen, immer an ihrer Seite war ihre Kollegin und Coach Severina Huber. In der Aufbauphase von Januar bis April ass Baumann viel, um einen leichten Überschuss zu generieren, damit sich die Muskeln aufbauen. Dazu gehörte ein Training mit wenig Wiederholungen und viel Gewicht. Ende April begann sie mit einer leichten Diät, Kohlenhydrate wichen langsam vom Ernährungsplan.

Ob sie gute Chancen hat am 16. November zu gewinnen, weiss sie nicht. «Die Konkurrenz ist gross. Es treten Teilnehmerinnen aus über 22 Nationen an.» Ihr Ziel sei es, alles zu geben und eine gute Leistung auf der Bühne zu liefern. «Dann kann ich stolz auf mich sein, egal auf welchen Platz ich es schaffe.» Was sie nach dem Wettbewerb als erstes machen will, weiss Baumann aber schon: «Pasta und Schokoladenkuchen essen.»

Verwandtes Thema:

Autor

Sibylle Egloff

Meistgesehen

Artboard 1