Der Raclette-Ofen steht noch auf dem Balkon und wird vom leichten Regen berieselt. Drinnen im Dachstock des Gebäudes an der Schlieremer Schulstrasse haben es sich die vier Senioren-Paare mit einem Glas Weisswein gemütlich gemacht, sie gesellen sich um den grossen Tisch, das Herzstück des hellen Raums.

Seit vergangenem Oktober wohnt die vife Gruppe im selben Haus, sie realisierten damit eine Idee, die bereits über zehn Jahre in ihnen gärte. «Wir entschieden uns zu diesem Schritt, weil wir so lange wie möglich selbstbestimmt leben möchten», sagt Kurt Bader, die anderen nicken.

Wo heute im Erdgeschoss ein Coiffeurladen eingemietet ist, führte die Familie Epple während Jahrzehnten ihre Bäckerei. Das Haus ist heute in Max Epples Besitz, er verbrachte sein ganzes Leben darin und hat in jeder Etage – mit Ausnahme der dritten – bereits einmal gewohnt.

Epple und Bader besuchten mit Gery Brun – sie alle sind 71-jährig – den Kindergarten in Schlieren. Später stiess auch Bruns älterer Bruder, Werner, zu der Gruppe, die inzwischen seit fast 50 Jahren jeden Donnerstagabend einen Herrenabend durchführt und sich zum Essen, zum Trinken und auf einen Schwatz trifft.

Bald sollte der Freundeskreis von Damen ergänzt werden. Das Schwesternpaar Angiolina Epple und Christina Brun-Caduff heirateten Max beziehungsweise Gery, Claire Brun-Binder ist die Angetraute von Werner und Sylvia Bader ehelichte Kurt. Gemeinsame Ausflüge und Ferien zementierten den Freundeskreis über die Jahrzehnte.

Ein Lift sollte her

Nachdem der Plan, gemeinsam in Epples Haus zu ziehen, vor zehn Jahren gefasst war, wurde es erst ruhig. Solch grosse Unterfangen verschwinden oft in der Schublade: nicht so bei den vier Paaren. «Wir begannen mit einigen Mietern befristete Verträge abzuschliessen und gewisse Renovationen am Haus zu vollziehen, wie den Einbau eines Lifts», sagt Angiolina Epple.

Ob dann aber ihre langjährigen Freunde auch einziehen würden, blieb lange offen. So lebten Baders in Urdorf in einer Attikawohnung, Brun-Binders in Würenlos und Brun-Caduffs in Zufikon in Einfamilienhäusern.

«Der Hausverkauf war ein mutiger Schritt», sagt Claire Brun-Binder, die als Einzige der Truppe noch berufstätig ist. Aber heute seien sie und ihr Mann froh, denn mit steigendem Alter sei die Arbeit rund ums Haus und den Garten zunehmend zur Last geworden.

Heute wohnen die Paare in vier der insgesamt acht Wohnungen im Haus, über alle Geschosse verteilt. «Es ist nicht so, dass wir eine herkömmliche Wohngemeinschaft sind, in der jedem jede Tür offensteht.

Wir brauchen unsere Privatsphäre», betont Sylvia Bader. Mit dem Einzug der engen Freunde habe sich das Lebensgefühl im Haus trotzdem stark verändert, unterstreicht Angiolina Epple: «Es ist wunderbar zu wissen, dass da immer jemand ist, der einem nahe steht.»

Durch den Zusammenzug hätten sich auch ungeahnte Vorzüge ergeben, ergänzt Kurt Bader und blickt durch die Balkontür auf den Raclette-Ofen. Im Keller gibt es einen Schrank mit Gegenständen, die viel Platz beanspruchen, die man aber nur selten braucht. Grosse Vasen, Fondue-Caquelons und eben einen Raclette-Ofen: Das Notwendige ist im Schrank, des Überschüssigen konnten sich die Senioren entledigen.

Die Gruppe verfügt auch über einen Whatsapp-Chat, auf dem rege kommuniziert wird. «Macht jemand einen Ausflug, schreibt er eine Nachricht in die Gruppe und dann kommt mit, wer gerade Lust hat», sagt Max Epple.

Schön sei aber auch, dass man sich oft zufällig im Treppenhaus oder in der ehemaligen Backstube antreffe, fügt Christina Brun-Caduff an. In der Backstube? Dort wurden die Sportgeräte aus den vier Haushalten zusammengelegt, entstanden ist ein kleines Fitnessstudio, das Sylvia Bader, Gery Brun und Angiolina Epple auch als Schwyzerörgeli-Übungsraum nutzen.

«Es kommt regelmässig vor, dass jemand auf dem Hometrainer strampelt und ich dazu Schwyzerörgeli spiele», sagt Sylvia Bader. Aber auch Kleinigkeiten versüssen den Rentnern das Leben. «Zum Beispiel, dass Claire jeden Tag frühmorgens die Zeitungen im Haus verteilt, ist etwas Wunderbares», sagt Angiolina Epple in Richtung Claire Brun-Binder, die bescheiden zu Boden schaut: «Für mich ist das Treppensteigen ein wenig Fitness.»

Und wie stellen sich die Bewohner der Alters-WG ihre Zukunft vor? Dank des Aussenlifts ist das Haus nun behindertengerecht, sollte ein Bewohner dereinst nicht mehr gut zu Fuss sein. «Ziel ist es jedoch nicht, dass wir uns dereinst gegenseitig pflegen werden», sagt Sylvia Bader.

So helfe man sich gegenseitig bei kleineren Handreichungen aus. «Und später», ergänzt Max Epple, «ist es auch denkbar, gemeinsam Dienstleistungen der Spitex zu beanspruchen oder bei grösserem Bedarf eine Pflegeperson zu beschäftigen.» In Anbetracht der körperlichen und geistigen Verfassung der Truppe ist ein solches Szenario noch weit entfernt.

Viel Bewunderung für den Mut

Für die insgesamt fünf Kinder der acht Senioren ist die Wohnform ihrer Eltern eine grosse Erleichterung. «Meine Tochter lässt keine Gelegenheit aus zu erwähnen, dass sie unsere WG grossartig findet.

Sie beruhigt es, zu wissen, dass immer jemand da ist», so Angiolina Epple. Aus dem Freundeskreis der Senioren sind die Reaktionen hingegen durchmischt: «Die einen bewundern uns für den Mut, unsere Leben umzukrempeln, andere würden gerne selber einziehen und wieder andere denken wohl, dass wir ein wenig verrückt sind», fügt Kurt Bader an.

Die Kritiker befürchten, dass es zu Streit unter den Bewohnern kommt. «Wir kennen uns aber inzwischen so viele Jahrzehnte. Hat einer mal einen Vogel, geht man ihm oder ihr aus dem Weg und am nächsten Tag ist alles wieder gut», ergänzt Sylvia Bader.

Nun knurren die Mägen der Senioren, es ist Zeit fürs Raclette: Erst müssen die verschiedenen Komponenten des Mahls aber im Haus zusammengetragen werden. Zwar ist der Käse bereits im Dachgeschoss bei den Epples, die Senffrüchte jedoch noch im dritten Obergeschoss bei Brun-Binders, der Wein gleich nebenan bei den Brun-Caduffs und die Kartoffeln garen auf dem Herd der Baders.