Schlieren

Ein Exot liest gegen den Hunger in Kolumbien

«Mit roten Tüchern an den Fenstern signalisieren die Menschen in Kolumbien, dass sie nichts zu essen haben», sagt Nikolaus Wyss.

«Mit roten Tüchern an den Fenstern signalisieren die Menschen in Kolumbien, dass sie nichts zu essen haben», sagt Nikolaus Wyss.

Der ehemalige Schlieremer Gemeinderat Nikolaus Wyss will mit seinem Buch in seiner Wahlheimat Kolumbien Hilfe leisten. Dafür kehrt er eigens an seinen alten Wohnort zurück.

Nikolaus Wyss ist zurück in Schlieren. Zumindest vorübergehend. Morgen Donnerstagabend um 20 Uhr liest der ehemalige GLP-Gemeinderat in der Stadtbibliothek aus seinem Buch «Auf dem Amakong – ein Lesebuch gegen den Hunger». Für eine Serie von Buchlesungen kehrt Wyss aus seiner Wahlheimat Kolumbien ins Limmattal zurück. Der Verkaufserlös aus den Büchern kommt vollumfänglich kolumbianischen Suppenküchen zugute, die aktuell alle Hände voll zu tun haben.

Denn die Coronapandemie hat auch im lateinamerikanischen Staat die Lebensbedingungen Hunderttausender schlagartig verschlechtert. «Mit roten Tüchern vor den Fenstern signalisieren sie, dass sie nichts mehr zu essen haben. Ganze Familien, auch in meiner unmittelbaren Umgebung, haben plötzlich ihr Dach über dem Kopf verloren», schildert Wyss die Situation. «Die Unterstützung von Suppenküchen und das Verteilen von Esswaren durch Hilfswerke sind das Gebot der Stunde.»

Arbeitslosigkeit, Verarmung, Hunger – dem bis 2016 in Schlieren wohnhaften Wyss ging die Not in seiner Wahlheimat zu Herzen. So entstand die Idee, mit einer Auswahl selbstverfasster Blogtexte ein Buch herauszugeben und dessen Erlös den Suppenküchen zu spenden. Die Not scheint erfinderisch gemacht zu haben: «Nie im Leben wäre mir früher in den Sinn gekommen, ein Buch zu publizieren», sagt Wyss. «Zu mühsam schien mir der Bittgang zu Verlegern.» Deshalb startete er ein Crowdfunding, dank dem er den Druck und den Vertrieb selbst finanzieren konnte. So landet nun jeder Franken direkt bei den Suppenküchen: «Der Verkauf eines einzelnen Exemplars kann bereits eine vielköpfige Familie während einer Woche versorgen.»

Kolumbien ist ein Kanton

«Auf dem Amakong» besteht aus 47 kürzeren Texten, die sich nicht bloss auf Wyss’ Leben in Kolumbien beschränken. Auch wenn das Buch keine Autobiografie ist, so greift es auf schonungslos ehrliche, detailreiche und auch berührende Art jene Fragen und Gedanken auf, mit denen er sich zeitlebens auseinandergesetzt hat und sich konfrontiert sah. Wyss lässt den Leser am Innenleben eines Exoten, wie er sich selbst nennt, teilhaben, samt dessen Nöten und Sorgen. Diese Gedanken würzt er stets mit einer Prise Humor: Seine «lächerliche Wehleidigkeit» sei wohl mit ein Grund gewesen, in seiner Lebensgeschichte noch ein Kapitel Ausserschweiz anzuhängen, schreibt Wyss beispielsweise. «Eigentlich wollte ich, man weiss es, auf den Mars.»

«Die Texte sind ein Kunterbunt aus Erinnerungen, Beobachtungen und Reflexionen», beschreibt Wyss sein Werk. Er erzählt zum Beispiel von Oscar, der sein Geld mit Parkplatzeinweisen verdient hat und sich jetzt, im fortgeschrittenen Alter, nochmals als Schlagzeuger einer Band verwirklichen will. Er legt mit einem Augenzwinkern dar, weshalb Kolumbien eigentlich nichts anderes sei als ein noch nicht anerkannter Schweizer Kanton. Oder er schildert zwei prägende Bootsfahrten auf dem Amazonas und dem Mekong, von deren Namen der Buchtitel abgeleitet ist. «Diese beiden Flüsse bilden eine Klammer um mein Erwachsenen­leben», sagt Wyss.

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