Nach nur drei Wochen Training haben sich der Aescher Philipp Hofstetter und seine neue Tanzpartnerin Anissia Enes den Schweizer Meister-Titel in der Kategorie Jugend ertanzt. Dass die Chemie zwischen den beiden stimmt, haben sie sofort gemerkt. «Meistens dauert es eine Weile, bis man nach einem Partnerwechsel mit dem neuen Tanzpartner zurechtkommt. Anissia und ich haben aber schon nach drei Tagen sehr gut miteinander harmoniert», sagt Hofstetter.

Dies zeigen auch die beiden Schweizer Meister-Titel in den Standard- und den lateinamerikanischen Tänzen, die den beiden 17-Jährigen die Türen zu den anstehenden Weltmeisterschaften in Spanien und Lettland geöffnet haben. Überschwänglich geworden sind sie aber keineswegs. «Wir haben noch einen weiten Weg vor uns», meint Hofstetter. «Manchmal haben wir noch nicht die gleiche Balance und dann stürzt einer von uns zu Boden.»

Distanz ist kein Hindernis

Gefunden haben sich die beiden Talente über ihre Trainerin, die sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz unterrichtet. Enes wohnt nämlich im deutschen Erlangen und besucht dort das Gymnasium. Die grosse Distanz hindert das Tanzpaar jedoch nicht daran, regelmässig zusammen zu trainieren. «Wir treffen uns jedes Wochenende und in den Ferien. Entweder kommt Philipp nach Nürnberg oder ich fahre mit dem Zug nach Zürich», sagt Enes.

Unter der Woche trainieren sie einzeln an ihren jeweiligen Wohnorten. Insgesamt kommt dabei jeder auf mindestens 24 Trainingsstunden pro Woche. Viel Freizeit bleibt ihnen nicht. «Ich habe das Glück, die KV-Lehre bei der United School of Sports zu absolvieren. Meistens muss ich nicht länger als bis um zwei Uhr nachmittags arbeiten und kann mich danach dem Training widmen», sagt Hofstetter.

Seine Partnerin hat es da etwas schwerer: Ihr Gymnasium ist weniger sportfreundlich und liess sie diese Woche nur ungern in die Schweiz reisen, um sich für die Weltmeisterschaften vorzubereiten.

Hofstetter hat seine Karriere bereits früh begonnen. «Schon als kleines Kind habe ich mich viel und gern zu Musik bewegt», so der Aescher. Nach ein paar Migros-Tanzkursen hat er dann vor elf Jahren zum Dance Unlimited Zurich gewechselt, wo er bis heute noch trainiert.

Auch Enes hat schon früh mit dem Tanzen angefangen, ihr wurde die Leidenschaft dazu sprichwörtlich in die Wiege gelegt. Schon ihre Mutter träumte davon, Tänzerin zu werden, konnte ihren Traum jedoch nie verwirklichen. Die Tochter holt dies jetzt nach – und ist erfolgreich.

Für das Tanzen muss sie aber auch grosse Opfer bringen: «Ich habe innerhalb von Deutschland bereits mehrmals den Wohnort und die Schule gewechselt, weil mein Tanzpartner aus einem anderen Bundesland kam.» Sie wäre für den richtigen Partner sogar dazu bereit, mit der ganzen Familie auszuwandern, vielleicht auch bald in die Schweiz.

Nicht nur für Enes ist die Unterstützung der Eltern ein wichtiger Aspekt, der zum Erfolg beiträgt. «Die Eltern spielen eine wichtige Rolle. Sie müssen hundert Prozent hinter ihrem Kind stehen und es auch finanziell unterstützen», sagt Hofstetter. Seine Eltern reisen auch oft mit ihrem Sohn um die ganze Welt, um an den Wettkämpfen für ihn da zu sein.

Sechs Trainer

Ein gutes Trainerumfeld ist für die jungen Paartänzer ebenfalls sehr wichtig. «Insgesamt haben wir zwei verschiedene Coaches für die Standard- und vier für die lateinamerikanischen Tänze», sagt Hofstetter. Die unterschiedlichen Trainer seien für verschiedene Inputs zuständig. «Einer kümmert sich zum Beispiel eher um die Technik, ein anderer eher um das Musikalische.»

Auch die Choreografie wird jeweils von den Trainern zusammengestellt und im Verlaufe der Trainings von den einen oder anderen leicht abgeändert. Die Zusammenarbeit der sechs Trainer funktioniert im Allgemeinen sehr gut.

Wenn man grössere Fortschritte erzielen möchte, sei es ausserdem von Vorteil, möglichst lange mit dem gleichen Partner zu tanzen. «Ein Partnerwechsel bedeutet jedes Mal einen Neustart», meinen Hofstetter und Enes. Dennoch haben beide schon mehrere Wechsel hinter sich. «Dies kann von den Eltern abhängen, durch eine fehlende Harmonie zwischen den Tänzern ausgelöst werden oder man kann einfach unterschiedliche Ziele haben», sagt Hofstetter.

Da man sehr viel Zeit miteinander verbringt, sei es schon wichtig, dass man sich auch gut verstehe. «Die Harmonie zwischen Tanzpartnern muss stimmen. Eine Freundschaft ist dabei natürlich angenehmer, aber nicht zwingend.»

Im Paartanz gewinnt nicht einfach derjenige, der schneller die Ziellinie erreicht. Obwohl es genaue Wertungskriterien gibt, kann teilweise ein subjektiver Charakter in die Beurteilung mit einfliessen. «Die Wertungsrichter sind auch nur Menschen», sagt Enes. Deswegen komme es nicht selten vor, dass die Tänzer mit einer Beurteilung nicht ganz einverstanden seien.

«Dem Coach fällt dann aber meistens etwas auf, das ihm nicht gefällt und woran wir in den nächsten Trainings arbeiten können. Vielleicht war ein Arm nicht ganz gestreckt oder wurde eine Bewegung zu langsam ausgeführt», ergänzt Hofstetter. «Wenn man wirklich besser tanzt, dann ist man auch vorne. Nur wenn man ungefähr gleich stark ist wie die anderen Tänzer, kann es vorkommen, dass ein anderes Paar den Richtern besser gefällt.» Um dies zu verhindern, wird mit den Trainern viel an der Technik gefeilt.

Am Ausdruck feilen

Am meisten Mühe bereitet Hofstetter das Spielen mit dem Publikum. «Ich muss noch an meinem Ausdruck arbeiten. Dafür fällt mir das Musikalische eher leicht», verrät der Tänzer. Seine Partnerin hingegen habe eine besonders starke Mimik. «Ich musste dafür viel an meinen Beinen arbeiten», sagt Enes. Umso mehr freue es die Schülerin, dass sie ihren Minuspunkt langsam in einen Pluspunkt verwandeln könne.

Seit drei Monaten tanzen Hofstetter und Enes nun miteinander und haben bereits drei Turniere bestritten. Heute treten sie zusammen an den 10-Tanz-Weltmeisterschaften in Spanien gegen die besten Jungtänzer der ganzen Welt an. Dabei wollen sich die beiden Talente einen Platz in den Top 24 ertanzen. Nächste Woche an den Latein-Weltmeisterschaften in Lettland hoffen sie sogar auf das Semifinale. «Latein ist unsere Lieblingsdisziplin. Die lateinamerikanischen Tänze sind viel freier und moderner», meint Hofstetter. Auch von seiner Zukunft hat der Aescher schon klare Vorstellungen: «Mein Ziel ist es, Weltmeister zu werden.»