Fall Carlos
Forensikerin zu Fall Carlos: "Strafen führen zu keiner Verhaltensänderung"

Volkswirtschaftlich sei ein Sondersetting nachhaltiger als der geschlossene Vollzug, sagt Forensikerin Monika Egli-Alge zum Fall Carlos.

Florian Niedermann
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«Carlos» und sein Verteidiger vor dem Richter (v.r.) beim Prozess in Dietikon.

«Carlos» und sein Verteidiger vor dem Richter (v.r.) beim Prozess in Dietikon.

Zeichnung: Linda Gaedel/Keystone

Frau Egli-Alge, «Carlos» ist nach einem offenbar erfolgreichen Sondersetting unter grossem medialem Getöse abermals in Haft genommen worden. Umgehend wurde er wieder straffällig. Ist ein junger Mann wie er nach diesen Erlebnissen überhaupt noch resozialisierbar?

Monika Egli-Alge: Das ist eine heikle Frage. Ich hatte mit dem Fall «Carlos» beruflich nichts zu tun und kenne die Geschichte nur aus den Medien. Aber wenn ein junger Erwachsener, der im Rahmen individuell angepasster Vollzugsmassnahmen längere Zeit straffrei geblieben ist, plötzlich wieder in den geschlossenen Vollzug muss, ist das für ihn sicher schwer nachvollziehbar.

Monika Egli-Alge, Geschäftsführerin des Forensischen Instituts Ostschweiz (Forio)

Monika Egli-Alge, Geschäftsführerin des Forensischen Instituts Ostschweiz (Forio)

Zur Verfügung gestellt

Seine Reaktion im Massnahmenzentrum und die erneute Delinquenz waren für die Behörden also zu erwarten?

Ja und nein. Anhand der Informationen über «Carlos», die ich den Medien entnehmen kann, ist sein Handeln als Trotzreaktion und Akt der Rebellion zu verstehen. Ein Auflehnen gegen die Entscheidungsträger, die ihn wieder einsperrten, trotz der Anpassungsleistung, welche er während des Sondersettings erbracht hatte.

Was war daran nicht vorhersehbar?

Adoleszente reagieren in dieser Situation sehr unterschiedlich. Ein Wechsel in den geschlossenen Vollzug ist ein heftiger Einschnitt in ein Leben. Daher prüfen die Behörden diese Verschärfung in der Regel sehr genau, bevor sie sie verordnen. Doch nicht alle Jugendstraftäter randalieren deswegen in ihrer Zelle.

Carlos faehrt in einem Taxi mit abgedunkelten Scheiben an Journalisten und Medienleuten vorbei vor dem Bezirksgericht in Dietikon
9 Bilder
Carlos vor Bezirksgericht Dietikon
Gerichtszeichnung von Linda Graedel Carlos und sein Verteidiger vor dem Richter
«Carlos» muss heute Freitag am Bezirksgericht Dietikon antraben.
Einzelrichter Hoffman ordnet eine Pause an. Die TV-Teams nutzen diese für Aufnahmen.
Kurz nach sieben Uhr, anderthalb Stunden vor dem Prozessbeginn, ist es vor dem Dietiker Bezirksgebäude noch ruhig. Ein paar vereinzelte Fahrzeuge verschiedener Zürcher Medienunternehmen fahren auf der Suche nach einem Parkplatz durchs Stadtzentrum.
Eine Stunde vor Verhandlungsbeginn haben sich bereits verschiedene Medienvertreter vor dem Dietiker Bezirksgebäude eingefunden.
Alles wartet auf Carlos Abgang
Einige Kameramänner laufen Carlos' Taxi bis zur nächsten Ampel nach

Carlos faehrt in einem Taxi mit abgedunkelten Scheiben an Journalisten und Medienleuten vorbei vor dem Bezirksgericht in Dietikon

Key/ Walter Bieri

Der Abbruch des Sondersettings erfolgte bei «Carlos» unter grossem öffentlichem Druck. Medien und Politik kritisierten die Kosten. 29'000 Franken pro Monat sind ein happiger Betrag.

Klar, aber man muss wissen, dass es eine sehr breite Palette von jugendstrafrechtlichen Massnahmen gibt. Und darunter sind solche, die weit mehr kosten als das individuelle Setting, das bei «Carlos» zur Anwendung kam.

In den Online-Kommentarspalten war die Forderung zu lesen, dass man den renitenten Straffälligen wegsperren solle, statt ihm eine teure Spezialbehandlung zu zahlen.

Das ist absurd. Ein geschlossener Vollzug kostet – wenn man die juristischen, forensischen und betreuerischen Vollkosten aufrechnet – in aller Regel mindestens so viel wie «Carlos’» Massnahmenpaket.

Dagegen lässt sich einwenden, dass er im Gefängnis keine Bedrohung für andere mehr darstellen würde.

Eine kurzsichtige Haltung. Für ihr Jugendstrafrecht wird die Schweiz in ganz Europa beneidet. Dies, weil wir ein System haben, das sich nach den individuellen Bedürfnissen der Täter orientiert. Anders ist der Jugenddelinquenz nämlich nicht beizukommen.

Warum?

In verschiedenen Studien wurde längst erwiesen, dass Strafen alleine zu keiner Verhaltensveränderung führen. Damit man Jugendliche in ein bürgerliches Leben nach unseren Regeln führen kann, sind individuelle Massnahmen nötig. Auch wenn diese nicht bei allen adoleszenten Straffälligen fruchten, lohnt es sich, dort zu investieren.

Was hat die Gesellschaft davon? Sie spart massiv, um nur einen Vorteil zu nennen. Jede kriminelle Karriere, die nicht verhindert wird, kostet volkswirtschaftlich gesehen langfristig viel Geld. Und je besser eine Massnahme auf die Delinquenten zugeschnitten ist, desto nachhaltiger ist die Wirkung.

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