Limmattal

Halleluja, die Kirchen sind wieder offen – gebetet wird zwischen Absperrbändern

Das religiöse Leben kann wieder gemeinsam stattfinden. Seit dem 28. Mai sind Gottesdienste in Kirchen nach der Corona-Lockerung wieder möglich. Doch nichts bleibt gleich nach Covid-19. Glaubensgemeinschaften dürfen nur unter Einhaltung selbst erarbeiteter Schutzkonzepte Besucher in den Gotteshäusern empfangen.

Die rund 200 Coronaansteckungen von Gläubigen nach einem Gottesdienst einer baptistischen Freikirche in Frankfurt Mitte Mai sorgt derzeit für Schlagzeilen. Der Fall macht deutlich, dass es trotz Schutzvorkehrungen wenig braucht, dass die Infektionen wieder in die Höhe schnellen. Um solche Vorkommnisse in der Schweiz zu verhindern, sind Glaubensgemeinschaften angehalten, ihre Schutzkonzepte penibel einzuhalten. Eine Umfrage bei Limmattaler Kirchen zeigt, dass die Kirchgemeinden für die besondere Situation gewappnet sind.

Die reformierten Kirchgemeinden Dietikon und Schlieren werden am Pfingstsonntag jeweils um 10 Uhr zum ersten Mal wieder Gottesdienste nach dem Lockdown feiern, Weiningen um 10.15 Uhr. «Die Freude darüber ist gross, doch es gibt einiges zu beachten. So gilt auch in der Kirche Social Distancing», sagt Heinrich Brändli, Kirchgemeindeschreiber der drei zusammenarbeitenden reformierten Kirchgemeinden Dietikon, Schlieren und Weiningen. Direkt nebeneinandersitzen dürfen nur Familien. «In der reformierten Kirche Dietikon müssen die Stühle zum Beispiel versetzt oder zusammengeschoben werden. Die Bänke in den reformierten Kirchen Weiningen und Schlieren werden diagonal versetzt abgesperrt, um die zwei Meter Abstand zu gewährleisten», sagt Brändli.

Die alte Kirche Schlieren werde man vorläufig nicht für Gottesdienste nutzen, da es zu wenig Platz gebe, um diese Vorschriften einzuhalten. Die reformierten Kirchgemeinden Dietikon, Schlieren und Weiningen halten sich an die vorgegebene Faustregel von vier Quadratmetern pro Person. «Dadurch haben viel weniger Personen in der Kirche Platz. In Dietikon bedeutet das etwa, dass die Kirche nur zu einem Drittel der Gesamtkapazität gefüllt werden darf. Statt etwa 300 können wir also nur knapp 100 Personen empfangen», sagt Brändli. Er befürchtet aber nicht, dass deswegen Leute nach Hause geschickt werden müssen. «Es sollte trotzdem genug Platz haben. In Weiningen zum Beispiel kann man auch in der Empore sitzen.»

Kontaktdaten werden nach zwei Wochen vernichtet

Begrüssungen mit Handschlag sind nicht erlaubt. Die Besucher der Kirchen sind gestützt auf die Vorschriften des Bundesamts für Gesundheit (BAG) angehalten, ihre Kontaktdaten zu hinterlassen. «Diese Daten werden die drei Kirchgemeinden zentral während 14 Tagen aufbewahren und danach vernichten», sagt Brändli. Es sei daher wichtig, dass die Besucherinnen und Besucher ein bisschen früher zum Gottesdienst erscheinen, da der Zugang zu den Kirchen jeweils nur über eine Eingangstüre gestattet sei. Eine Maskenpflicht gibt es nicht. «Wir werden aber gratis welche beim Eingang auflegen.»

Auch auf das gemeinsame Singen wird vorerst noch verzichtet. «Beim Singen sollen die Viren massig rumgeschlendert werden, deshalb dürfen wir aktuell nur summen», sagt Brändli. Still wird es in den reformierten Kirchen Dietikon, Schlieren und Weiningen aber nicht werden. «Unsere Musikerinnen und Musiker zaubern trotzdem viel Musik in den Gottesdienst», verspricht Brändli. Das Abendmahl ist vorerst ebenso verboten. Weiter wird man Live-Streams über www.carillon.tv senden. «Wir sind uns bewusst, dass viele gerade ältere Personen noch nicht in die Kirche gehen wollen. Genau deshalb werden wir jeweils einen Gottesdienst pro Sonntag live übertragen», sagt Brändli. Der Pfingstgottesdienst wird aus der Grossen Kirche Schlieren übertragen. Am 7. Juni folgt der Gottesdienst aus der Kirche Weiningen und am 14. Juni aus der Kirche Dietikon.

Gestern Freitag feierte die katholische Pfarrei Dietikon in der Kirche St. Agatha in Dietikon eine Maiandacht. Es war der erste öffentliche Anlass nach dem Lockdown. «Wir tasten uns langsam wieder zurück. Die Andacht diente uns dazu, die neuen Abläufe zu üben», sagt Pfarrer Adrian Sutter. Zum Schutzkonzept der katholischen Pfarrei Dietikon gehört neu, dass Willkommensteams die Gläubigen zu ihren Plätzen in der Kirche geleiten. «Zudem sorgen sie für eine lückenlose Händedesinfektion bei der Haupttüre», sagt Sutter. Auch entlassen werden die Besucherinnen und Besucher Bankreihe für Bankreihe durch Freiwillige. «Wir rufen eine Person nach der anderen zum Verlassen der Kirche durch die Seiteneingänge auf. So können wir das Social Distancing garantieren.» Zwei Personen, die zusammenleben, oder Familien dürfen in der Kirche nebeneinander sitzen, bei Einzelpersonen gilt die Abstandsregel. Jede zweite Kirchenbank bleibt leer.

Wegen der neuen Sitzordnung mit Doppelplätzen können in den Kirchen St. Josef und St. Agatha jeweils nur rund 40 beziehungsweise 60 Einzelpersonen sitzen. Wenn es sich um Paare oder Personen aus dem gleichen Haushalt handelt, bieten die Kirchen maximal 120 Gläubigen Platz. «Wer sich einen Platz in der Kirche sichern will, kann einen auf unserer Website reservieren. Für alle anderen gilt: S hät Platz, solang s hät.» Nach jeder Messe werden die Kirchbänke gereinigt und desinfiziert.

Aufgrund des Mehraufwands bei der Zuweisung und Koordination des Ein- und Auslasses sucht die Kirchgemeinde noch nach freiwilligen Helfern. Bisher hätten vier Personen ihre Unterstützung angeboten, so Sutter. «Wer uns bei den Gottesdiensten helfen will und nicht zur Risikogruppe gehört, soll sich beim Sekretariat melden.»

Verschiedene Empfehlungen sorgten anfangs für Verwirrung

Die katholische Kirche Dietikon hält sich beim Schutzkonzept an das der Schweizer Bischofskonferenz. Die fortlaufenden Anpassungen, neuen Informationen und verschiedenen Empfehlungen der Bischofsleitung, der Bischofskonferenz, des liturgischen Instituts und des Bunds sorgten anfangs für leichte Verwirrung. «Das Schutzkonzept der Bischofskonferenz wich etwa bei gewissen Details vom Konzept des Bundes ab. Nicht klar war zu Beginn, ob wir die Kommunion austeilen dürfen oder nicht», sagt Sutter. Diese Frage ist nun aber beantwortet.

«Grundsätzlich wird die Handkommunion gespendet. Die Hostie muss sofort in den Mund genommen werden», sagt Sutter. Die Dialoge, die normalerweise während der Kommunion stattfinden, würden vor der Austeilung stattfinden. Das Weihwasserbecken bleibt leer. Anders als die reformierten Kirchen Dietikon, Schlieren und Weiningen handhabt die katholische Kirche Dietikon es mit dem Gesang. «Laut dem Rahmenschutzkonzept der Schweizer Bischofskonferenz darf in reduziertem Masse gesungen werden. Daran werden wir uns halten», sagt Sutter. So habe er bei der Planung der Gottesdienste am Wochenende weitgehend auf gemeinsamen Gesang verzichtet. Man werde mit Solisten arbeiten. «Nach dem Pfingstwochenende werden wir eingeschränkt wieder gemeinsamen Gesang zulassen. Es sollen keine achtstrophigen Lieder gesungen werden, aber zumindest der Refrain zusammen angestimmt werden.»

Die Freude auf das Wiedersehen ist bei den Gläubigen gross

Kontaktdaten muss man in den Kirchen St. Josef und St. Agatha nicht hinterlassen. «Solange die Abstandsregeln eingehalten werden können, ist das nicht nötig», sagt Sutter. Anders sehe es etwa bei Taufen aus. «Ich berühre das Kind und die Paten des Täuflings, die es bei der Taufe halten, leben wohl auch nicht im selben Haushalt wie die Eltern des Kindes. Von all diesen Personen besitzen wir aber sowieso die Kontaktdaten.» Sutter freut sich, dass die Messen wieder gemeinsam gefeiert werden können. «Die Freude unserer Mitglieder ist ebenso gross, dass man wieder zusammenkommen kann. Der Live-Stream aus der Kirche hat geholfen, doch er ist kein Ersatz für das Gemeinschaftsgefühl», sagt Sutter. Ob man künftig weiter Messen übertragen werde, werde sich nach Bedarf zeigen.

Auch der katholische Pfarrer Willy Mayunda aus Engstringen ist froh, dass Gottesdienste wieder möglich sind. «Ich freue mich, Mitglieder der Kirchgemeinde wieder in der Kirche willkommen zu heissen. Ich habe die Begegnungen mit ihnen, die Gemeinschaft im Gebet und das Pfarreileben vermisst», sagt er. Die Schliessung der Kirche sei nicht schön für die Gläubigen gewesen, vielen habe das Zusammensein gefehlt.

Die Pfarrei St. Mauritius Engstringen hat ebenso eine neue Sitzordnung eingeführt, um die Abstandsregeln sicherzustellen. «Jede zweite Sitzreihe ist abgesperrt. Die vordersten Bänke sind für Familien reserviert. Die Sitzplätze werden mit roten Kreis-Klebern sichtbar auf den Armlehnen markiert. Ehepaare dürfen nebeneinander an einem markierten Randplatz sitzen», erklärt Mayunda. Mit dieser Sitzordnung haben maximal 80 Besucher in der Kirche Platz. Das Weihwasserbecken bleibt leer, gesungen wird nicht, die Eucharistiefeier findet aber statt. «Seelsorger und Kommunionhelfer müssen bei der Austeilung der Kommunion eine Maske anziehen», sagt Mayunda. Für Besucher sei das Tragen einer Maske kein Muss. Wichtig sei, nur gesund zum Gottesdienst zu erscheinen. Die Schutzmassnahmen verändern die Messen, glaubt Mayunda. «Die besonderen Vorkehrungen reduzieren meiner Meinung nach die Lebendigkeit der Gottesdienste. Am Anfang wird es sicher ungewöhnlich erscheinen.»

Mayunda kann der Pandemie aber auch Positives abgewinnen. «Die Bedeutung der Kirche für verschiedene Aspekte des religiösen und sozialen Lebens wurde durch die Krise hervorgehoben. Seelsorger haben das in dieser Zeit noch stärker gespürt. Wir wurden oft angerufen und gefragt, wann die Kirche wieder aufgehen kann.»

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