Es ist noch zu haben, das dreistöckige Haus mit Balkon und Estrich. Das Sonnenlicht fällt durch das quadratische Fenster ins Zimmer, die gerahmten Blumenmotive an der Wand spiegeln sich im Glas. Ist es im Schlafzimmer zu hell, können die massgeschneiderten Vorhänge zugezogen werden. Hier wird es einem selbst in der Nacht nicht kalt; griffbereit auf dem Bett liegt eine kupferne Bettflasche. Dasselbe gilt etwa für die Brille auf dem hölzernen Sekretär oder für die Getränkeflaschen auf dem Küchenboden: Alles Nützliche und Brauchbare befindet sich nur einen Handgriff von der Herrin des Puppenhauses entfernt. Behutsam nimmt die Bergdietikerin Barbara Häuptli den faustgrossen Vintage-Kinderwagen in die Hand. «Ein Fundstück», stellt sie nach einer kurzen Inspektion fest. Sie lächelt zufrieden. «Das ist alles kitschig, aber auch Kitsch kann schön sein.»

Ein 40 Jahre altes Projekt

Kitsch kann sogar mehr. Er kann ein Zeichen von Fleiss und Disziplin sein, etwa in Form eines Hauses, das an vergangene Zeiten erinnert. Dies nicht nur aufgrund der Dekoration des im Stil der 1930er-Jahre eingerichteten Miniatur-Heimes, sondern auch, weil Häuptli seit 40 Jahren ihr hölzernes Lebenswerk Stück für Stück vervollständigt. Ihr Sohn brachte einst ein rudimentäres Hausmodell heim. Seine handwerklich begeisterte Mutter nutzte die Bretter und baute darauf auf. «Ich hatte keinen Plan. Ich liess meine Fantasie walten und baute einfach weiter und weiter», sagt die 88-Jährige. Sie hämmerte und sägte die Strukturen des Gebäudes – Wände, Zäune, Unterteilungen, Türen und Fenster. Häuptli streicht mit den Fingern über die Dachziegel der Mini-Residenz und sagt stolz: «Mir ist es gelungen, eine saubere Arbeit zu machen.»
Den Blick richtet sie nun nach innen. Die dekorativen Gegenstände des Puppenhauses sammelte sie während vieler Jahre. Viele Stücke wie etwa das Miniatur-Lavabo entdeckte Häuptli an Flohmärkten oder in Brockenhäusern. Weitere Gegenstände wie den Holzofen oder die Puppen bekam sie geschenkt. Jeder Raum des kleinen Hauses erzählt eine Geschichte für sich. «Im obersten Stock habe ich ein Studio eingerichtet, das auch als Gäste- oder Kinderzimmer benutzt werden kann», sagt Häuptli. Mag sein, dass sie sich vom eigenen Haus in Bergdietikon inspiriert fühlte. Doch ihr Miniaturwerk bereitete ihr teilweise mehr Mühe als der lebensechte Haushalt: «Die Treppe war eine Herausforderung», sagt Häuptli und zeigt auf die hölzernen Stufen. Die aus Stroh geflochtene Wendeltreppe verbindet alle Stockwerke. Dank eines eleganten Mechanismus lässt sich die Miniatur-Residenz auch schliessen. «Dann geht während dem Transport nichts verloren», sagt Häuptli. Winzige Stücke wie etwa das Geschirr oder Backwerkzeuge können leicht abhandenkommen. Auch darum ist das Puppenhaus für Kinder ungeeignet.

Die Zukunft ist unsicher

Die jungen Generationen werden das kleine Haus also nicht erben. Häuptli sucht nach einem Nachfolger, der ihr Lebenswerk mit mindestens genau so viel Leidenschaft wie sie weiter leben lässt. «Wenn man so etwas baut, denkt man nicht daran, dass alles vergänglich ist», sagt sie mit leiser Stimme.
Die 88-Jährige hofft auch auf eine Partnerschaft mit dem Puppenhausmuseum Basel oder mit dem Zürcher Spielzeugmuseum. «Ich wünsche, dass das Puppenhaus in einer Glasvitrine in einem Museum unterkommt, damit es noch jahrelang bestaunt werden kann.»