Schlieren
Das Kokain kam per Post aus Uruguay – ikm Schlieremer Briefzentrum flog alles auf

Ein 42-Jähriger schmiedete mit Freunden in Südamerika Pläne für den Import von kiloweise Kokain. Doch der Schmuggel flog im Briefzentrum in Schlieren auf. Nun muss der Mann hinter Gitter.

Stefania Telesca
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Das Briefzentrum in Schlieren fing die Sendung aus Uruguay ab.

Das Briefzentrum in Schlieren fing die Sendung aus Uruguay ab.

Symbolbild: Key/DPA

Eine Pfütze aus Wasser, Schweinefett und vergammelten Rüebli – so beschreibt Andi (alle Namen geändert) die tägliche Essensration während seines Gefängnisaufenthaltes in Uruguay. 2013 wurde der Schweizer in Süd­amerika verhaftet – dort sass er dann 22 Monate hinter Gittern.

Der gelernte Koch und Hotelier besitzt ein Hotel in Ecuador. Er erzählt dem Aargauer Obergericht, wie es zur Verhaftung kam:

«Ich hatte in Ecuador ein zweites Geschäft aufgemacht und mich dafür stark verschuldet. Als ich nicht zahlen konnte, musste ich untertauchen.»

Sein Leben sei bedroht gewesen, «mit diesen Leuten ist nicht zu spassen», sagt er. Er wurde nach Peru geschleust, wo er sich sechs Monate lang in einem Hotelzimmer versteckt haben soll:

«Ich hatte manchmal nur einen Beutel Chips, von dem ich mich drei Tage lang ernähren musste»,

schildert er abenteuerlich. Dann habe man ihn mit einem Koffer, dessen Inhalt er nicht gekannt haben will, nach Europa geschickt. Andi – so seine Schilderung – wurde von den Leuten, denen er Geld schuldete, gezwungen, den Drogenesel zu spielen. Er wurde verhaftet.

Im Gefängnis dann habe er lediglich versucht, zu überleben. Er freundete sich mit hochrangigen Drogenschmugglern an – darunter Javier und Antonio –, sass mit ihnen zusammen und schmiedete gemeinsame Pläne für künftige Geschäfte. «Ich musste so tun, mein Leben hing davon ab.» Diese Schmuggler genossen im Gefängnis ­hohes Ansehen. Ein Schutz für Andi:

«In diesem Gefängnis werden täglich 2,4 Menschen umgebracht. Ich musste einmal Blut vom Boden wischen, weil einem Insassen die Gedärme raus- geschlitzt wurden»,

erzählt er. Doch seine Pläne über Drogenschmuggel seien alles nur Fassade gewesen, will Andi den Richtern wahrmachen. Die geknüpften Kontakte sollten ihm nach seiner Haft erhalten bleiben, damit er sich ein Autoimportgeschäft aufbauen konnte, behauptet er. Doch als Andi aus der Haft entlassen wurde, flüchtete er zurück in die Schweiz.

Er hatte nur Koks, Alk, Kohle und die Kontakte ins Milieu im Kopf

Der Aargauer wohnte nach seiner Rückkehr in die Schweiz im Keller eines Freundes. Er konsumierte in geselliger Runde mit Bekannten Kokain und Alkohol. Da hatte einer seiner Freunde die Idee, mit dem Schmuggel von Drogen Geld zu verdienen. «Ich wollte ihm helfen, wieder auf die Beine zu kommen.» Abgesehen davon habe er ja eigentlich nichts getan, rechtfertigt sich der Beschuldigte.

Andi stellte den Kontakt zu seinem ehemaligen Gefängnisgenossen Javier her und überwies ihm Geld. Javier schickte anschliessend 180 Gramm Kokaingemisch in drei Sendungen von Uruguay in die Schweiz an die Adresse von Andis Freund. Wenn es doch nur so einfach wäre. Die Angestellten vom Briefzentrum Zürich-Mülligen in Schlieren wissen, dass die Post auch für illegale Sendungen missbraucht wird. Und so wurde das Kokain in Schlieren abgefangen. Geht man von einem Durchschnittspreis von ungefähr 100 Franken pro Gramm Kokain aus, hätte diese Lieferung in der Schweiz einen Verkaufswert von 18 000 Franken gehabt. Doch damit nicht genug. Andi, so die Anklage, soll Ende 2017 Anstalten getroffen haben, zusammen mit Antonio, seinem ehemaligen Zellengenossen aus dem uruguayischen Gefängnis, den Import von 3,5 Kilogramm Kokain von Südamerika in die Schweiz zu organisieren. Dies zum Kilogrammpreis von umgerechnet rund 35 000 Franken – also für die ganze Ladung insgesamt mehr als 120'000 Franken. Andi schreit den Richter an, als dieser ihn zum geplanten Coup befragen will:

«Das ist Unsinn! Wissen Sie eigentlich, mit wem ich mich anlegen müsste, um eine solche Menge zu besorgen?»

Er habe sich wirklich nur ein Autogeschäft aufbauen wollen und den Kontakt zu Antonio deshalb aufrechterhalten. Doch die Beweise, darunter Textnachrichten nach Südamerika, sprechen gegen ihn.

Das Bezirksgericht Baden hatte Andi am 11. Juni 2019 wegen qualifizierter Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz schuldig gesprochen und ihn zu einer Freiheitsstrafe von 3,5 Jahren verurteilt. Andi focht das Urteil an. Mittlerweile hat er in der Schweiz wieder einen Job und eine neue Frau, die während der Verhandlung draussen warten muss. Er weint, als Oberrichter Robert Fedier ihn nach seinen Lebensverhältnissen befragt. Er sei jetzt endlich wieder glücklich.

Doch das Obergericht weist die Berufung vollständig ab. Andi muss für 3,5 Jahre ins Gefängnis. Oberrichter Fedier begründet das Urteil: «Wir sind der Meinung, dass man Ihren Aussagen keinen Glauben schenken kann.» Die Textnachrichten zwischen Andi und den Südamerikanern seien eindeutig gewesen: «Es gibt keine Zweifel daran, dass es dabei um Drogen ging.»

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