Expats
Indischer Gewürztopf zum Lesen - die Expats in der Schweiz

Brindarica Bose liest in Dietikon aus ihren Geschichten über Expats in der Schweiz. Kurzgeschichten sind es geworden, 15 Stück, alle gegliedert nach verschiedenen «Masalas», zu deutsch: «Gewürzen». Diese Gewürze gruppieren die fiktiven Figuren nach ihren unterschiedlichen Charakteren, alles indische Expats, die in der Schweiz leben.

Manuela Moser
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Sehr schnell und sehr produktiv: Brindarica Bose bringt vieles unter einen Hut.

Sehr schnell und sehr produktiv: Brindarica Bose bringt vieles unter einen Hut.

Sandra Ardizzone

Das Brathuhn in den Ofen schieben und warten, bis es knusprig ist – das sind wertvolle Minuten, die Brindarica Bose zu nutzen weiss: mit Malen. Ihr Atelier ist die Küche, das Wohnzimmer, einfach überall im Haus. Wichtiger als der ideale Ort ist für sie die freie Zeit. Und die ist knapp. Denn die 41-jährige gebürtige Inderin hat noch andere Aufgaben zu erledigen.

Beispielsweise das Aufziehen ihrer zwei kleinen Söhne, oder ein Teilzeitpensum als Kommunikationsleiterin im internationalen Ingenieursverband an der ETH Zürich. Dazu kommt an zwei Abenden die Woche die Leitung von Kunst-Workshops an der Migros Klubschule.

Woher hat sie die Zeit genommen, jetzt auch noch ein Buch zu schreiben?: «Swiss Masala», das sie heute Samstag in der Dietiker Stadtbibliothek persönlich vorstellt. Und wie bringt sie überhaupt so viele Sachen unter einen Hut?

In der Nacht geschrieben

«Ich arbeite schnell» sagt sie, und sie folge einfach ihrer Berufung. «Das Buch habe ich vor allem abends geschrieben, als die Kinder im Bett waren und das Tagwerk verrichtet.» Kurzgeschichten sind es geworden, 15 Stück, alle gegliedert nach verschiedenen «Masalas», zu deutsch: «Gewürzen».

Diese Gewürze gruppieren die fiktiven Figuren nach ihren unterschiedlichen Charakteren, alles indische Expats, die in der Schweiz leben. Mehrheitlich sind es Frauen. So findet sich im Kapitel des entzündungshemmenden «Turmeric» (Kurkuma) die Geschichte einer Hausfrau, die von ihrem Umfeld «Drama Queen» genannt wird. Unter dem Titel «Cinnamon» (Zimt) geht es um intime Mutter-Kind-Geschichten, passend zum Gewürz mit seinem warmen angenehmen Geschmack.

Die Themen sind aus dem Leben gegriffen, teils sogar biografisch. So stecke gerade in der letzten Geschichte mit dem Titel «Maternity Leave» viel Dietikon, wie Bose sagt. Hier in der Bezirkshauptstadt hatte die gebürtige Inderin nämlich viele Jahre gelebt, während dieser Zeit wurde sie Mutter und eingebürgert. Heute wohnt sie mit ihrer Familie in Wohlen; unter ihren Freunden sind auch Expats aus Indien, von denen es in der Schweiz zirka 25 000 gibt. «Die meisten sind in der IT-Branche tätig», weiss Bose, «viele auch in den Naturwissenschaften.»

Die Zeit zwischen Tagwerk und Schlaf war allerdings so knapp, dass die viel beschäftigte Frau für das Schreiben ihres Buches 15 Jahre brauchte. Genau so lange lebt sie schon in der Schweiz, wohin sie der Liebe wegen gekommen ist. Ihr Mann, auch Inder, arbeitete bereits hier. Vorher hatte sie die Schweiz nur aus Kalenderbildern gekannt. «Jeder weiss von den idyllischen Schweizer Landschaften, wie sie auch in den alten Bollywood-Filmen vorkommen.»

Aus ihrer Umgebung schöpft Bose heute viel Inspiration. Die holt sie sich an Wochenenden, wenn sie mit ihrer Familie durch die Schweiz reist. Gerade eben besuchte sie den Absinth-Weg im Val-de-Travers. Immer mit dabei: ihr Notizbuch und ein paar Stifte.

Inspiriert von der Mutter

Boses Traum wäre es, einmal längere Zeit am Stück für ihre Kunst arbeiten zu können. Neben dem Schreiben malt sie nämlich auch mit Aquarell, Öl oder Kohle. Ihre Mutter hatte sie schon früh dazu inspiriert. Bose schloss noch in Indien ihren Master in Fine Arts ab, zusammen mit einem Wirtschaftsstudium. 2012 stellte sie ihre Bilder zum ersten Mal in Dietikon aus, später dann in Wohlen. Nun scheint ihre Kunstkarriere so richtig in Schwung zu kommen: Anfang dieses Jahres sind Bilder von ihr für Ausstellungen in Indien und Italien akzeptiert worden.

Es gibt in der Schweiz nur zwei Sachen, die sie vermisst: ihre Muttersprache und das schöne Wetter. «Die Sonne ist nur für vier Monate da», sagt sie mit weit aufgerissenen Augen, und lacht sogleich schallend über ihre inszenierte Entrüstung. In Indien scheine sie jeden Tag. Für die Schweizer hat sie gute Worte übrig: Es seien einfache, ehrliche und authentische Personen. Die Frage nach der Heimat bringt sie zum Schmunzeln: «Daheim ist einfach da, wo ich bin.» Diesen Sommer geht sie nach vier Jahre erstmals zurück nach Indien. Nach Mumbai, wo sie geboren ist, und nach Kalkutta und Ranchi, wo sie aufgewachsen ist und wo ihre Familie lebt.

«Es ist so leicht, eine Frau zu unterdrücken», sagt sie zum Schluss. Frauen setzten sich zu wenig für ihre Überzeugungen ein. «Früher habe ich dagegen angekämpft, heute akzeptiere ich es», sagt sie. «Und mache einfach.» Eben beispielsweise, sich des Nachts hinzusetzen und ein Buch zu schreiben.