Limmattal
Wegen Corona: Hypnosetherapeuten wollen Kindern und Jugendlichen im Limmattal gratis helfen

Der Schweizerische Berufsverband für Hypnosetherapie hat eine Solidaritätsaktion für Kinder und Jugendliche gestartet. Auch drei Therapeuten aus dem Limmattal beteiligen sich. Eine Psychologieprofessorin äussert sich kritisch.

Hans-Caspar Kellenberger
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Die Pandemie ist gerade auch für Kinder und Jugendliche eine starke psychische Belastung. Die Hypnosetherapie soll helfen.

Die Pandemie ist gerade auch für Kinder und Jugendliche eine starke psychische Belastung. Die Hypnosetherapie soll helfen.

Nana Do Carmo

Die Coronapandemie schlägt den Menschen aufs Gemüt. Auch für Kinder und Jugendliche sind es schwere Zeiten. Im Jahr 2020 wurden bei Kindern und Jugendlichen unter anderem mehr als doppelt so viele Suizidversuche verzeichnet wie im Vorjahr, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete. Psychosomatische Krankheiten, Essstörungen und Depressionen bei Kindern und Jugendlichen, haben deutlich zugenommen.

Der Schweizerische Berufsverband für Hypnosetherapie (SBVH) hat deshalb unlängst eine Solidaritätsaktion gestartet. 120 Verbandsmitglieder bieten jetzt gratis Hypnosetherapien für Kinder und Jugendliche an – im Rahmen von maximal drei Behandlungen. «Die Jugendlichen brauchen schnelle Unterstützung», sagt der Aescher Roland Wiederkehr, Präsident des Verbands und alt Nationalrat.

Der 78-jährige Wiederkehr ist selbst einer von drei Therapeuten, die im Limmattal an der Aktion teilnehmen. Zwei weitere Therapeuten bieten in Dietikon und Schlieren eine solche Behandlung an. «Das Angebot wird noch länger gelten», sagt Wiederkehr. «Wir haben uns dazu entschlossen, die Aktion zu machen, weil Psychiater und Psychologen ausgebucht und Kliniken am Anschlag sind», sagt der alt Nationalrat.

Placebo-Effekt effektiv nutzen

In der Trance, in die ein Patient mittels Hypnose versetzt wird, offenbare sich das Unterbewusstsein eines Menschen. Dabei nutzen die Therapeuten insbesondere den Placebo-Effekt. «Hypnose ist reine Imagination, sie funktioniert als Placebo», sagt Roland Wiederkehr. «Der Patient kann sich selbst heilen, sein Gehirn wird mittels Hypnose nur darauf vorbereitet», sagt Wiederkehr. Hypnose könne unter anderem bei Alkoholproblemen und Ängsten oder bei Depressionen und Konzentrationsproblemen helfen.

Alt Nationalrat Roland Wiederkehr aus Aesch ist nicht nur Gründer des Schweizerischen Berufsverband für Hypnosetherapie, sondern bietet auch selbst Therapien an. Er ist einer von drei Hypnosetherapeuten im Limmattal, die an der Solidaritätsaktion teilnehmen.

Alt Nationalrat Roland Wiederkehr aus Aesch ist nicht nur Gründer des Schweizerischen Berufsverband für Hypnosetherapie, sondern bietet auch selbst Therapien an. Er ist einer von drei Hypnosetherapeuten im Limmattal, die an der Solidaritätsaktion teilnehmen.

Franziska Schädel

Dabei würden Kinder und Jugendliche schneller von einer Hypnosetherapie profitieren, da sie nicht im gleichen Masse Vorurteile oder Ängste wie Erwachsene haben. Erwachsene hätten eher Angst, die Kontrolle zu verlieren. «Ein Raucher hat die Kontrolle den Zigaretten abgegeben. Mit der Hypnosetherapie wird er darauf vorbereitet, sie selbst wieder zurückzuholen», sagt Wiederkehr. Eine medizinische Behandlung könne mit Hypnose kombiniert werden. Nach Operationen verkürze sich die Reha-Zeit, wenn Hypnosetherapien durchgeführt werden.

Ein weiterer Anbieter im Bereich der Hypnosetherapie im Limmattal ist Mike Kock, der eine seiner Praxen in Schlieren betreibt. Er macht deshalb bei der Solidaritätsaktion mit, weil er findet, dass Kinder in dieser Pandemie-Situation gratis behandelt werden sollten. «Mein Schwerpunkt sind Erwachsene, mit Kindern arbeite ich nur bei einer Weiterempfehlungen und in Ausnahmesituationen. Es ist schlimm, wenn man als Zehnjähriger zu einer Therapie muss», sagt Kock.

Wissenschaft ist sich uneins, ob Hypnose wirkt

Die Wissenschaft ist sich uneinig bezüglich der Wirkung der Hypnosetherapie. Eine Studie aus dem «Clinical Psychology Review» vom April 2021 zum Thema besagt, dass die Hypnose als Folgebehandlung bei einem chirurgischen Eingriff das Potenzial habe, den Heilungsprozess zu verkürzen. In der Metastudie wird angemerkt, dass die Methode nicht bei allen Patienten anschlägt. Dazu wurden die Studien nur mit Erwachsenen durchgeführt.

«Die Hypnosetherapie wird in keiner Behandlungsleitlinie für kinder- und jugendpsychologische oder psychiatrische Störungen empfohlen, da ein wissenschaftlicher Beweis der Wirksamkeit bislang fehlt», sagt Dr. Susanne Walitza, seit 2008 Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Es gäbe zwar Studien für die Schmerzbehandlung, aber keine ausreichende Grundlage, um eine Empfehlung für Kinder auszusprechen.

Die lange Dauer von unbehandelten psychischen Störungen wirke sich negativ auf den Genesungsverlauf aus. «Diese Länge der unbehandelten Störung kann man aber nur mit Therapien, von denen man weiss, dass sie wirksam sind, effektiv verkürzen», sagt Walitza, die auch den Lehrstuhl für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der medizinischen Fakultät der Universität Zürich führt. «Wenn also jetzt die Wartezeiten für anerkannte Behandlungen ansteigen, kann dies nicht einfach mit Therapien kompensiert werden, die noch nicht genug auf ihre Wirksamkeit hin untersucht worden sind», sagt Walitza. Aus der Sicht der Professorin müsste mehr in die Prävention von psychischen Krankheiten sowie in Therapien investiert werden, die gemäss dem Stand der Wissenschaft wirksam sind.

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