Urdorf
«Nach rund sechs Jahren sollte auch wieder neuer Wind ins Haus kommen» – Feuerwehrhauptmann Thomas Bollinger tritt ab

Thomas Bollinger wechselte den Job, um Urdorfer Feuerwehrkommandant zu werden. Nach sechs Jahren ist Schluss.

Lydia Lippuner
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Er war 25 Jahre lang in der Feuerwehr: Thomas Bollinger.

Er war 25 Jahre lang in der Feuerwehr: Thomas Bollinger.

Lydia Lippuner

Der Urdorfer Feuerwehrhauptmann Thomas Bollinger geht zu einem seiner Lieblingsfahrzeuge: Es ist das Fahrzeug mit der 30 Meter hohen Autodrehleiter. «Wir haben gleichzeitig angefangen», sagt Bollinger und öffnet die Tür. Das Fahrzeug wurde 1996 in Betrieb genommen. Er ist nun ein Vierteljahrhundert in der Feuerwehr Urdorf; sechs Jahre davon als Kommandant.

Um diese Funktion antreten zu können, wechselte er sogar den Job, da sie nicht mit einer Stelle zu vereinen ist, bei der man viel reisen muss. «Es war meine Vision, Kommandant zu werden. Doch nun ist es Zeit, abzutreten», sagt Bollinger.

In Urdorf sei man übereingekommen, das Alter der Kommandanten auf 50 Jahre zu beschränken, dies hat Bollinger nun erreicht. «Nach rund sechs Jahren sollte auch wieder neuer Wind ins Haus kommen», sagt Bollinger. Deshalb zieht er sich ab dem Januar 2021 ganz aus der Feuerwehr zurück.

Der Nachfolger ist noch länger dabei

Die Führung übergibt er in bekannte Hände: «René Kern war jahrelang mein Vize. Obwohl er jünger ist als ich, ist er schon länger in der Feuerwehr Urdorf», sagt Bollinger.

Denkt Bollinger an die vergangenen Jahrzehnte zurück, sind ihm besonders Einsätze mit Menschen in Erinnerung. Da sind Höhepunkte und schwierige Erfahrungen dabei.

Vor drei Jahren rückte die Feuerwehr Urdorf beispielsweise aus, um zwei Männer aus einer Jauchegrube zu retten. Die Männer waren infolge von ­giftigen Dämpfen ohnmächtig geworden und lagen in der Jauchegrube. Die Feuerwehrleute waren innert sieben Minuten am Einsatzort, erinnert sich Bollinger. Dort sahen sie die zwei Männer in der Jauchegrube liegen. Innert Kürze bargen sie die beiden leblosen Körper aus der Grube und begannen mit der Reanimation. «Die Wieder­belebungsversuche gestalteten sich sehr schwierig, aber mit ­vereinten Kräften gelang es schliesslich, die beiden Männer wieder zu beleben.» Anschliessend übernahm der Rettungsdienst, ein Helikopter holte die beiden ab.

Das seien intensive Erlebnisse, bei denen, nachdem die Anspannung vorbei sei, auch einmal die Emotionen hochkommen, sagt Bollinger. Für solche Fälle hat er jeweils Debriefing-­Experten für Gespräche beigezogen. «Früher hat man das nicht thematisiert, doch heute reden wir über die Erlebnisse», sagt er. Das sei wichtig, da die Feuerwehr auch zu Ereignissen gerufen werde, die nicht gut ausgehen. Etwa dann, wenn ein betrunkener Autofahrer in einen Menschen rast oder jemand bei einem Arbeitsunfall ein Körperteil verliert. «Das gehört zu unserem Job, doch es kann belasten», sagt Bollinger.

Die Feuerwehr Urdorf hat bis zu 70 Einsätze pro Jahr

In den letzten Jahren vergrösserte sich die Anzahl der jährlichen Einsätze auf bis zu 70 pro Jahr, zudem habe auch die Komplexität der Ereignisse zugenommen. Demgegenüber hat die Feuerwehr aber weniger Einsatz­leistende. Zurzeit gehören der Urdorfer Feuerwehr um die 50 Feuerwehrleute an, davon sind drei Frauen.

Was in den vergangenen Jahren aber gleich blieb, ist die Verpflichtung zum Einsatz. Das fordere nicht nur die Feuerwehrleute, sondern auch deren Familien heraus. «Der Eintritt und Austritt ist freiwillig. Das dazwischen fordert verbindlichen Einsatz», sagt Bollinger.

Die Zusammenarbeit im ­Bezirk schätzte er sehr

Die Feuerwehr wurde in den letzten Jahren vernetzter und dadurch professioneller. Aber auch die gesellige Seite kommt in der Feuerwehr nicht zu kurz. Bollinger sorgte dafür, dass an den verschiedenen Feuerwehr-Familienanlässen, an der Nacht der offenen Tore oder bei Übungen genügend Zeit blieb, um gemeinsame gemütliche Stunden zu verbringen.

Den Nervenkitzel habe der Job durch die vielfältigen Einsätze behalten. «Alle Feuerwehrleute werden zu Generalisten ausgebildet, die sich auf allen Maschinen auskennen und hohe Kompetenzen entwickeln», sagt Bollinger. Auch in diesem Bereich sei Austausch mit der Gemeinde Urdorf und den anderen Feuerwehren im Bezirk, der Polizei und der Sanität wichtig. Die Zusammenarbeit unter den Feuerwehren im Bezirk Dietikon funktioniere sehr gut, sagt Bollinger. Der Stabsoffizier, Ausbildungschef und Feuerwehrin­struktor Roger Wiederkehr von der Stützpunktfeuerwehr Dietikon bestätigt diese Aussage. Er werde Bollinger vermissen. «Die Zusammenarbeit war toll. Er hatte super Ideen», sagt er.

«Die Feuerwehr hängt nicht an einer Person, sondern muss für sich selbst stehen»

Auf der Autodrehleiter, mit der Bollinger unzählige Ein­sätze fuhr, steht der Name des Ex-­Kommandanten «Zeusli». Auch wenn Bollinger während seiner Zeit als Kommandant das Depot sanierte, die IT erneuerte und drei Fahrzeuge ­anschaffte, so hat er sich doch nirgends namentlich verewigt. «Die Feuerwehr hängt nicht an einer Person, sondern muss für sich selbst stehen», sagt er.

Anfang November war Bollinger krank und konnte deshalb nicht zur brennenden Scheune an der Dorfstrasse ausrücken. Doch der gelungene Einsatz habe ihm gezeigt, dass seine Kompanie einmal mehr in der Lage war, die Arbeit auch ohne ihn gut zu meistern. Das sei immer seine Vision gewesen. «Auch wenn es schwer war, zu Hause zu bleiben, so war ich doch sehr zufrieden mit der Arbeit meines Teams.»

Ab dem neuen Jahr wird es für ihn Alltag sein, dass er das Martinshorn nur noch aus der Ferne hört. Dafür wolle er sich wieder intensiver um die Familie kümmern und seinem neuen Job als Bereichsleiter Liegenschaften und Sportbetriebe der Gemeinde Urdorf widmen.

Daneben wird er wohl wieder mehr freie Zeit haben als bis anhin: Doch bei der Wahl einer Freizeitbeschäftigung mag er sich nach 25 Jahren verbindlichen Engagements noch nicht definitiv festlegen.