Oetwil
Frau Tipptopp: Margrit Gähwiler betreute die ersten Asylbewerber des Dorfs

Die Limmattalerin des Jahres 2018 kümmerte sich in den 1970er-Jahren um fünf Männer aus der Türkei und machte sie mit dem Alltag in der Schweiz vertraut.

Sibylle Egloff
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Die Oetwilerin Margrit Gähwiler ist für ihr soziales Engagement in Oetwil und im Limmattal bekannt. 2018 wurde sie von der Leserschaft zur Limmattalerin des Jahres gewählt.

Die Oetwilerin Margrit Gähwiler ist für ihr soziales Engagement in Oetwil und im Limmattal bekannt. 2018 wurde sie von der Leserschaft zur Limmattalerin des Jahres gewählt.

Britta Gut

Als Margrit Gähwiler in der «Limmattaler Zeitung» von der neu sanierten Asylunterkunft in der Geroldswiler Fahrweid las, wurden bei ihr Erinnerungen an ihr eigenes Engagement für die ersten Asylbewerber der Gemeinde Oetwil wach. Kurzerhand meldete sich die 83-Jährige bei der Redaktion, um die Geschichte mit der Leserschaft zu teilen.

Sie liegt einige Jahrzehnte zurück. Doch Gähwiler kann sich gedanklich noch gut in die 1970er-Jahre zurückversetzen. «Damals wurde auch unser Dorf im Rahmen der allgemeinen Flüchtlingsnot dazu verpflichtet, ein Kontingent an zugewiesenen Zugereisten aufzunehmen», sagt Gähwiler. Es handelte sich dabei um fünf Männer aus der Türkei im Alter zwischen 30 und 35 Jahren. «Es waren Menschen wie du und ich, nur waren sie viel ärmer und bedürftiger. Und unsere Welt war ihnen fremd», erzählt die Seniorin. An ihre Namen könne sie sich leider nicht mehr erinnern.

Dass die damalige Gemeinderätin und Gesundheitsvorständin Elsbeth Brönnimann (FDP) Gähwiler mit der Betreuungsaufgabe betraute, erstaunt nicht. Gähwiler war damals zwar noch nicht zuständig für den Oetwiler Fahrdienst, den sie fast 30 Jahre lang leitete und dafür 2018 zur Limmattalerin des Jahres ausgezeichnet wurde, doch sie engagierte sich bereits gemeinnützig im Dorf.

Die Gemeinderätin bat sie um Mithilfe

Bekannt war sie als Präsidentin des Frauenvereins und des Samaritervereins. «Es war ein Glück, dass Elsbeth Brönnimann neben all ihren Kompetenzen auch über die nötige Einfühlsamkeit für die neuen Leute verfügte», sagt Gähwiler. Ohne zu zögern, willigte sie ein, als die Gemeinderätin sie um Mithilfe bat. «Es war für mich selbstverständlich, dass ich mich für die Männer aus der Türkei einsetze.» Sie sei auch als Samariterin stets als erste vor Ort gewesen und habe in der Not geholfen.

Und so schickte sich Gähwiler in die für sie völlig neue Aufgabe. Die erste Herausforderung stellte die Unterbringung der Asylsuchenden dar. «Es wäre zwar eine gemeindeeigene Wohnung zur Verfügung gestanden, doch die Bedenken der Nachbarschaft gegenüber den Zuzügern waren gross.» Und so mussten die Männer mit einer alten Scheune im Oberdorf vorlieb nehmen. Gähwiler erzählt:

«Es war wirklich eine notdürftige Unterkunft. Ich schämte mich fast, als ich mit ihnen die Hühnerleiter zum Boden hinaufkletterte, wo sich ihre schmalen Betten befanden.»

Und auch das Lavabo zum Waschen und Zähneputzen sei winzig gewesen. «Sie scheint das aber nicht gestört zu haben. Im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, es sei ein Segen für sie.»

Gähwiler sorgte auch dafür, dass ihre Schützlinge in eine Krankenkasse aufgenommen wurden. «Zur damaligen Zeit war es üblich, dass grössere Krankenkassen auf kleine Agenturen in fast jeder Gemeinde setzten. Und wie es der Zufall wollte, leitete ich so ein Büro in Oetwil.» Gähwiler sass sodann mit den fünf türkischen Männern und einem Übersetzer am Tisch, um die behördlich verschriebene Aufnahme vorzunehmen. «Verstanden habe ich natürlich gar nichts von dem, was sie untereinander gesprochen haben», sagt sie mit einem Schmunzeln. Das hielt Gähwiler auch davon ab, eine richtige Beziehung zu den Asylbewerbern aufzubauen. «Und gewünscht war der Umgang mit ihnen sowieso nicht.»

Sie zeigte ihnen, wie der Kochherd funktioniert

Nichtsdestotrotz nahm sich Gähwiler Zeit für die Männer. Täglich besuchte sie sie in der alten Scheune und schaute nach dem Rechten. «Nach kurzer Zeit fand man erfreulicherweise eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in der Fahrweid nahe der Limmatbrücke. Das Haus steht heute noch», sagt die Seniorin. Im einfach eingerichteten Heim gehörte es zu Beginn noch zu ihren Aufgaben, die neuen Bewohner mit den für sie zum Teil ungewohnten Gerätschaften bekannt zu machen. «Ich zeigte ihnen, wie der Kochherd, der Boiler und die Dusche funktionieren.» Grösstenteils unbekannt sei ihnen zudem auch das vielfältige Angebot im Dorfladen gewesen, daher habe sie sie auch beim Einkaufen begleitet. In ihrer Küche hätten die Männer dann einfache Gerichte zubereitet. Dazu erinnert sie sich an eine amüsante Anekdote:

«Meinen Dank und mein Lob äusserte ich meistens mit einem ‹tipptopp›. Und so war dann auch mein neuer Name geboren: Frau Tipptopp.»

Nach ein paar Monaten übernahm die Gemeinde Geroldswil die Verantwortung für die Asylsuchenden. Damit endete Gähwilers erstes Engagement für Flüchtlinge. Doch die Erinnerungen bleiben bis in die Gegenwart. «Wenn ich heute an ihrem damaligen Wohnhaus in der Fahrweid vorbeifahre, frage ich mich noch oft, was wohl aus ihnen geworden ist.»

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