Limmattal
Kurzfristige Verordnungen und Lieferengpässe: So brachte die Pandemie die Alterszentren ans Limit

Obwohl Seniorenzentren in der Pandemie besonders geschützt werden sollen, haben Schweizer Heime in letzter Zeit schwere Vorwürfe gegenüber den Behörden erhoben, weil sie sich im Stich gelassen oder schikaniert fühlen. Drei Limmattaler Alterszentren erzählen nun von ihren Erfahrungen.

Lydia Lippuner
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Zu Beginn der Pandemie vor gut einem Jahr waren viele Alterszentren stark gefordert, um schnell genügend Schutzmaterial zu besorgen.

Zu Beginn der Pandemie vor gut einem Jahr waren viele Alterszentren stark gefordert, um schnell genügend Schutzmaterial zu besorgen.

Keystone

Schweizer Alterszentren fühlten sich zu Beginn der Pandemie im Stich gelassen. Sie störten sich besonders an widersprüchlichen Verordnungen mit zu kurzen Fristen, mangelnder Schutzausrüstung, fehlender finanzieller und militärischer Unterstützung sowie teilweise an der Medienberichterstattung. Auch im Limmattal stellten kurzfristige politische Verordnungen und ein Mangel an Schutzmaterial zu Beginn der Pandemie die Einrichtungen vor grosse Herausforderungen.

In Weiningen musste teures Schutzmaterial dazu gekauft werden

René Brüggemann wählt seine Worte mit Bedacht. Er habe sich mit seiner Kritik bereits einmal zum Fenster hinausgelehnt, sagt der Leiter des Weininger Seniorenzentrums Im Morgen. Im letzten September bemängelte er gegenüber der «Limmattaler Zeitung», dass die Massnahmen widersprüchlich seien. Dies führe dazu, dass die Heime kritisiert würden, egal, ob sie das Risiko einer Ansteckung minimieren oder dem Anspruch der Bewohner auf Freiheit Rechnung tragen wollten. Auch wenn er es heute anders formuliert, bleibt die Aussage, dass die Situation für die Alterszentren in der Pandemie schwer zu bewältigen war: «Als der Bund führte, waren die Regeln klar und nachvollziehbar, danach wurde es schwierig», sagt er.

Insgesamt kam das Seniorenzentrum Im Morgen glimpflich davon: In der ersten Welle infizierte sich niemand mit dem Virus, seither sind drei Bewohner leicht an Covid-19 erkrankt, wie Brüggemann sagt. Im letzten Frühjahr sei das Zentrum aufgrund der fehlenden Schutzmaterialien noch gar nicht für einen grossen Ausbruch gewappnet gewesen. «Wir erhielten anfangs 50 Masken von der Kantonsapotheke. Das war angesichts der ganzen Pandemie lächerlich. Den Rest mussten wir zu hohen Preisen selbst dazu kaufen», sagt er. Auf finanzielle Unterstützung zur Umsetzung der Schutzmassnahmen habe man vergeblich gewartet. Die Massnahmen seien zum Teil immer noch mit einem enormen Zusatzaufwand verbunden.

Die Rolle der Medien sieht Brüggemann zweischneidig: Die Berichterstattung habe, wie auch die Auflagen des Bundes, einen direkten Einfluss auf die Belegung der Heime gehabt. «Als die Medien von eingesperrten Bewohnern berichteten, hatten wir keine Anfragen von interessierten Senioren. Mittlerweile konnten wir die freien Betten wieder belegen», sagt er. Er sei dankbar, dass die Medien die Bevölkerung für die Coronakrise sensibilisierten. «Anfangs unterschätzten viele die Situation und wollten nicht einsehen, dass sie nun anders mit ihren Angehörigen umgehen müssen», sagt Brüggemann.

Vorwürfe gegen Politik und Medien

Die Vorwürfe von Schweizer ­Altersheimen wegen mangelnder politischer Unterstützung und der Medienberichterstattung kamen in einer Erhebung von Tamedia zutage. Befragt wurden rund 1400 Heime in der ganzen Schweiz, in denen total rund 160000 Menschen leben. Mehr als ein Viertel antwortete. Daniel Höchli, Direktor des Branchenverbands Curaviva, kritisierte die Massnahmen des Bundes sowie Medienberichte, die Altersheime als «Todes­falle» darstellten. Wenn man mit solchen Schlagwörtern konfrontiert sei, sei es schwierig, die bestmögliche Arbeit zu machen. «Die Öffentlichkeit hat die Alters- und Pflegeheime am Anfang etwas ver­gessen», liess er sich im «Tages-Anzeiger» zitieren. Aus seiner Sicht muss man herausfinden, welche Massnahmen wirklich geholfen haben, Todesfälle zu verhindern, und überlegen, welche Massnahmen überhaupt umsetzbar sind. (lyl)

Kurzfristige Verordnungen forderten das Urdorfer Alterszentrum

Ihn störe am meisten, dass die Covid-Verordnungen oft sehr kurzfristig angeordnet wurden, sagt Otto Kaufmann, Leiter des Alterszentrums Weihermatt in Urdorf. Er berichtet von Anordnungen, die am Freitagabend oder kurz vor einem Feiertag bekanntgegeben wurden. Was ihn weiter verärgerte, war die Darstellung der Alterszentren in den Medien: Viel zu einseitig, befand er. Es werde zu viel über die Todesfälle berichtet. Er sagt: «Ich persönlich würde viel lieber mal lesen, dass in den Alterszentren tolle Arbeit geleistet wird und sehr schnell und professionell auf neue Herausforderungen reagiert wird.»

Andere Probleme fielen in Urdorf weniger ins Gewicht: Der Mangel an Schutzmaterial dauerte etwa nur kurz.

«Anfänglich hatten wir einen Engpass bei den Masken und Handschuhen. Doch das legte sich sehr schnell und wir erhielten die gewünschten Artikel innert kurzer Zeit.»

Zudem habe er das Glück gehabt, sagt Kaufmann, dass kaum Mitarbeitende ausgefallen seien. Deshalb sei das Zentrum nicht auf die Hilfe der Armee angewiesen gewesen.

Das Dilemma zwischen Schutz und Freiheit in Dietikon

«Die Verordnungen des Bundes und der Kantone forderten uns einerseits auf, verhältnismässig zu agieren, und auf der anderen Seite setzten sie uns unter enormen Druck. Wir steckten sehr oft im Dilemma, den Bewohnern Freiheit zu gewähren und sie gleichzeitig bestmöglich zu schützen», sagt Karin Ament, Leiterin Pflege und Betreuung im Alters- und Gesundheitszentrum Dietikon. Die politischen Anordnungen seien zudem oft zeitlich knapp oder zu ungünstigen Zeitpunkten veröffentlicht worden.

Zu Beginn der Pandemie seien Lieferengpässe bei den Masken, Schutzkitteln und Handschuhen ein Thema gewesen. «Wir mussten sehr kreativ sein und stellten Überlegungen an, unser Personal mit selbstgenähten Schutzkitteln und Masken zu schützen.» Dazu sei es aber glücklicherweise nie gekommen. Unterstützung habe das Heim von der Stadt Dietikon erhalten, sagt Ament. In der zweiten Welle kamen auch Zivilschützer zum Zug. Sie betreuten die Senioren und übernahmen andere praktische Aufgaben vor Ort. ­Finanziell sei die Unterstützung jedoch spärlich ausgefallen. «Am Anfang mussten wir ja auch die Tests selber bezahlen, obwohl diese so wichtig für uns gewesen wären», sagt Ament.

Was sie überdies empörte, waren Medienberichte über Senioren, die «wie in einem Gefängnis leben» oder «Tote, die man in Kauf nehmen müsse». Solche Artikel hätten sie deprimiert und verärgert. Nun hoffe sie, dass die Heime in der aktuellen Phase nicht vergessen gehen. Die Politik solle keine leeren Versprechen machen, sondern echte Betroffenheit zeigen und aktiv werden.

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