Dietikon

Sigas filmreifes Leben kommt jetzt auf die Leinwand

An der Limmat feilt Siga im Sommer am liebsten an seinen Texten.

Flüchtling, Problemteenager, Bodyguard, Rapper, Vater - die beeindruckende Lebensgeschichte von Siva „Siga“ Ganesu wird jetzt verfilmt.

Manchmal schreibt das Leben die interessantesten Geschichten: viel Dramatik, spannende Wendepunkte und Lebenslektionen, ein emotionales Happy End. Wer die Biografie von Siva «Siga» Ganesu kennt, begreift, wieso sein Leben von der renommierten Zürcher Filmschmiede Schild Productions als Dokumentarfilm auf die Leinwand gebracht wird.

Als Vierjähriger mit seinen Eltern aus Sri Lanka geflüchtet, wuchs er im deutschen Bielefeld auf. Dort geriet er auf die schiefe Bahn und landete mehrmals auf dem Polizeiposten. Doch der tragische Tod eines guten Freundes in London und ein eindringliches Gespräch mit seinem Vater leiteten die Wende ein. 2009 zog es ihn in die Schweiz, wo er in Dietikon in der WG eines Freundes Unterschlupf fand. Während seiner Arbeit als Bodyguard erhielt der Hobbyrapper nach einer Kostprobe seiner Fähigkeiten von Schauspiellegende Denzel Washington den Rat, seinem Musiktalent zu folgen.

Nach der Geburt seines Sohnes kehrte er dem Gangster-Rap den Rücken zu, obwohl er damit seine grössten Erfolge gefeiert hatte. Heute lebt Siga mit seiner Familie in Dietikon, arbeitet als Sicherheitsbeauftragter für eine Bank und erlangte musikalisch im vergangenen Jahr viel Aufmerksamkeit mit seinem Gehörlosen-Projekt «Du». Die junge Pfälzerin Vanessa Feller-Jung übersetzt Sigas nachdenklichen Rap mit aus dem Leben gegriffenen Texten in Gebärdensprache, damit er auch für Gehörlose erfahrbar wird. Ausschlaggebend dafür war die Fanpost eines gehörlosen Mädchens, das seine Musik erleben wollte.

Plötzlich ging es schnell

«Ich hatte immer schon im Kopf, irgendwann mal alles aufzuschreiben, was ich erlebt habe», sagt Ganesu. Als ihn eine Journalistin bei einem Treffen auf wichtige Ereignisse in seinem Leben ansprach, begann er, sich intensiv mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Nach nur drei Tagen wurde ihm bewusst, wie filmreif sein Leben eigentlich ist. «Noch am gleichen Abend hab ich nach Filmproduzenten in der Region gesucht und bin auf Alexandra Schild gestossen.» Seine spontane Mail ins Blaue hinaus hatte Erfolg. «Ich habe selten so schnell aus dem Bauch heraus auf eine Anfrage reagiert», sagt Produktionsleiterin Alexandra Schild. Kurze Zeit später sassen sich beide gegenüber und Ganesu erzählte seine Lebensgeschichte. Ihr sei sofort klar gewesen, dass sein Leben den perfekten Stoff für einen Dokumentarfilm bietet: «Wenn Siga erzählt, kann man gar nicht anders, als begeistert sein. Und wieso etwas erfinden, wenn die Geschichte schon da ist.»

Gute Stimmung bei der Vertragsunterschrift: Produzentin Alexandra Schild (von links), Regisseur This Lüscher und Siva Ganesu.

Gute Stimmung bei der Vertragsunterschrift: Produzentin Alexandra Schild (von links), Regisseur This Lüscher und Siva Ganesu.

Als möglichen Regisseur fasste Schild schnell This Lüscher ins Auge, der sich mit Filmen wie «Hoselupf», «Rider Jack» und mehreren «Bestatter»-Folgen einen Namen gemacht hat. «Er kommt selbst von der Musik her und kann unglaublich gut mit Menschen umgehen», sagt sie. Zudem sei ihr klar gewesen, dass diese Geschichte einen Regisseur brauche, der nicht einfach klassisch erzählt, sondern eine starke und formal aussergewöhnliche Handschrift hat. Überzeugungsarbeit war keine nötig: Als sie Lüscher vom Projekt erzählte, sei er vom Stuhl aufgesprungen und habe sofort zugesagt. Am 24. Januar, keine drei Monate nach der Anfrage, war der Vertrag für den Film «Siga – vom Flüchtling zum Sieger» unterschrieben. «Die Chemie war schon bei unserem ersten Treffen zu dritt sehr gut», sagt Ganesu.

Derzeit fangen die Kameraleute Ganesus Alltag in Dietikon und Zürich ein. Auch in Bielefeld und in London sind Aufnahmen geplant. Und im Mai wird er bei seiner ersten Reise nach Sri Lanka von Kameras begleitet. Die schlimmen Kriegsgeschichten seiner Eltern hätten ihn immer abgeschreckt, sich mit seinem Herkunftsland auseinanderzusetzen. Aber nach der Geburt seines Sohnes wuchs das Verlangen in ihm, den eigenen Wurzeln auf den Grund zu gehen und seinem Sprössling die eigene Herkunft zu zeigen.

Durchbruch auf dem Rapidplatz

Heimisch fühlt sich der 34-Jährige mittlerweile in der Schweiz: «Hier bin ich im Leben angekommen und konnte meine Träume realisieren.» Dass er nach einem Intermezzo in Zürich und Umgebung mit seiner Familie nach Dietikon zurückkehrte, ist kein Zufall: «Ich hatte die Stadt in guter Erinnerung, deshalb suchten wir eine Wohnung in der Region.» Im Sommer feilt er am liebsten an der Limmat an seinen Texten. Und am Stadtfest feierte er auf dem Rapidplatz seinen ersten grossen Auftritt in der Schweiz, nachdem er von der Stadt angefragt worden war. «Ich fühl mich wohl hier. Ich hab alles, was ich brauche und komme trotzdem zur Ruhe.»

2020 soll der Dokumentarfilm erscheinen. Gleichzeitig plant Ganesu, seine Biografie in schriftlicher Form zu veröffentlichen. Mit seiner Geschichte will er einerseits Flüchtlingen als Vorbild dienen, an sich zu glauben und etwas aus sich zu machen. Aber auch unmotivierten Jugendlichen und «Menschen, die ohne Träume leben» will er zeigen, dass es sich lohnt, an sich selbst zu arbeiten. «Ich habe gelernt, immer wieder aufzustehen.»

Musikalisch herrscht bei Siga trotz vollem Terminkalender ebenfalls kein Stillstand. Noch im Februar soll «Geld kommt, Geld geht» erscheinen – die fünfte Single im Rahmen des Projekts «Du». Zeitnah zum Filmstart soll dann sein erstes Album erscheinen, ebenfalls komplett übersetzt auf Gebärdensprache. «Die Songs sind bereits geschrieben», sagt er. Und den Soundtrack für den Film übernimmt er auch gleich selbst.

Zunächst widmet sich Ganesu aber verstärkt seiner Familie. Voraussichtlich im Juli steht die Geburt seines zweiten Kindes an. Wie die stolzen Eltern diese Woche erfahren haben, erhält ihr 4-jähriger Sohn eine kleine Schwester. Damit wird dem Film ein weiterer emotionaler Höhepunkt beschert.

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