Limmattal
Touristisch ist das Limmattal ein blinder Fleck im Schatten der Grossstadt

Auch im Herbst kommen Touristen nach Zürich. Wer in einem der populären Reiseführer stöbert, sucht vergeblich nach Einträgen über das Limmattal. Warum eigentlich?

Raphael Biermayr
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Die Türen des Klosters Fahr sind für Besucher offen
11 Bilder
Tourismus im Limmattal
Brücke über die Reppisch: Postkarte aus Dietikon
Wie ein Gemälde: Sonnenaufgang von Andreas Petrin
Urtier im Bruno Weber Park
Lisebethli Limmattal-Strassenbahn Postkarte um 1920
Ein Highlight des Limmattals Der Bruno Weber Park.
Ein Fläschchen Kirsch aus dem Kloster Fahr als Limmattaler Souvenir
Wer wird von diesem herbstlichen Farbenspiel nicht ins Limmattal gezogen?
Andreas Petrin fängt die dämmernde Magie des Limmattals von Kindhausen aus ein
Zürich und Baden weisen Touristenattraktionen auf, dazwischen herrscht Leere.

Die Türen des Klosters Fahr sind für Besucher offen

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Ist der Gedanke so abwegig? Ueli Heer lacht in den Telefonhörer, nachdem er das Anliegen vernommen hat. Das Limmattal Bestandteil eines international erhältlichen Reiseführers? Nein, ihm sei keiner bekannt, sagt der Mediensprecher von Zürich Tourismus.

Zürich und Baden weisen Touristenattraktionen auf, dazwischen herrscht Leere.

Zürich und Baden weisen Touristenattraktionen auf, dazwischen herrscht Leere.

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«Marco Polo», «Lonely Planet», «Reise Know-how» heissen einige der Titel von beliebten Reiseführern im deutschsprachigen Raum. Da nach wie vor die meisten Touristen Zürichs und seiner Umgebung deutscher Sprache sind (360'000 Übernachtungen im Oktober 2014), ist es von grossem Wert, darin Erwähnung zu finden. Im erstgenannten Titel kommt das Wort «Limmattal» tatsächlich einmal vor, wie die Google-unterstützte Suche zeigt. Allerdings nur als Gegend, über die man von einem Restaurant auf dem Zürichberg aus hinwegschauen kann: «Phänomenale Aussicht in das industrialisierte Limmattal (...) auf die Berner und Zentralschweizer Alpen». Wer lässt bei dieser Beschreibung seinen Blick nicht von Anfang an in die Ferne schweifen?

Dabei verfügt die Region durchaus über Alleinstellungsmerkmale, die einen Besuch rechtfertigen – selbst aus der Stadt Zürich. Der Bruno-Weber-Park in Dietikon oder das Kloster Fahr beispielsweise. Diese beiden Publikumsmagnete finden sich auch auf dem einflussreichen Bewertungsportal Tripadvisor im Internet wieder. Gerade die Fantasiewelt Webers hat Besucher von weit her angelockt: Ein Mann aus dem russischen Magnitogorsk empfiehlt den Besuch des Parks, rät allerdings von den – sinngemäss übersetzt – «überteuerten Souvenirs» ab.

«Wir haben kein Rütli»

Den Bruno-Weber-Park als Grund für einen Besuch im Limmattal nennt auch Bruno Hofer. Der Standortförderer der Region macht keinen Hehl daraus, dass die Gegend über alles gesehen für den Massentourismus nur wenig zu bieten hat. «Wir müssen realistisch bleiben: Wir haben kein Rütli», lautet sein Bonmot dazu. Hofers Primäraufgabe ist es denn auch, den Bewohnern respektive Zuzügern die Vorteile der Region schmackhaft zu machen.

«Wir müssen realistisch bleiben: Wir haben kein Rütli im Limmattal.» Bruno Hofer Standortförderer Limmattal

«Wir müssen realistisch bleiben: Wir haben kein Rütli im Limmattal.» Bruno Hofer Standortförderer Limmattal

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Im vergangenen Jahr lancierte seine Organisation zu diesem Zweck analog und digital die «Freizeitkarte Limmattal», worauf sich Sehens- und Erlebenswertes in neun Gemeinden befindet. Diese Karte gehe auch an Hotelgäste, die mangels Zimmern in Zürich ins Limmattal auswichen. Hofers Versuch, eine historische Sehenswürdigkeit von überregionaler Ausstrahlung zu schaffen, war im vergangenen Frühjahr nicht von Erfolg gekrönt: Der Kanton äussert Bedenken, was den angeregten Wiederaufbau der Burg Glanzenberg anbelangt. Deren spärliche Ruine liegt oberhalb der Überlandstrasse auf Unterengstringer Gebiet. Hofer bedauert das, zumal die Region kaum Historisches zu bieten habe, auch keine Altstadt wie beispielsweise Baden. In diesem Bereich kann das Kloster Fahr einen Einstieg in die Region schaffen, wie Hofer bestätigt.

Dem Standortförderer ist klar, dass es für die Region stets schwierig sein wird, sich im Schatten der grossen Stadt zu behaupten. Zürich Tourismus ist klar auf die Metropole ausgerichtet, auch wenn sie nach Eigenbeschrieb «verantwortlich für das Destinationsmarketing der Stadt und Region» ist. Auf eine schriftliche Anfrage lässt Mediensprecher Heer ausrichten: «Das Limmattal gehört zu den Regionen, die wir innerhalb von Zürich Tourismus vermarkten. So wird zum Beispiel der Bruno-Weber- Skulpturenpark oder die Umweltarena aktiv beworben.» Wer allerdings auf der Homepage www.zuerich.com unter den Punkten «Sehenswürdigkeiten» oder «Kultur» die interaktive Karte absucht, vermisst einen Eintrag im Weinrebenquartier, wo Webers Skulpturen ausgestellt sind. Und auch die Umweltarena in Spreitenbach ist nicht darauf vermerkt. Der einzige Punkt westlich vom Üetliberg markiert die Stadt Baden.

Chance in der Nische?

Nach dem Bruno-Weber-Park am zweitmeisten Tripadvisor-Bewertungen bei Limmattaler Sehenswürdigkeiten hat das Kinderparadies Trampolino in Dietikon. Ein Familienvater aus Kalifornien hält in der Kommentarspalte geradezu eine Lobrede darauf und beschreibt detailgetreu die Anreise vom Hauptbahnhof. Zürcher Hoteliers empfehlen ausländischen Gästen mit Kindern die Reise nach Dietikon, ist auf Nachfrage bei Trampolino zu erfahren. Vielleicht schafft es die Region ja, sich wenigstens in der Nische der Familienreiseführer einen Eintrag zu sichern.

Im Limmattal gibt es durchaus Sehenswertes

Was würden Sie einem Touristen empfehlen, wenn er nach einer Sehenswürdigkeit im Limmattal fragt? Natürlich den Bruno-
Weber-Park mit seinen von Gaudi inspirierten Skulpturen. Auch das Kloster Fahr mit seinem historischen Charme ist ein Besuch wert. Darüber hinaus lockt Weiningen mit seinem weitherum unvergleichlichen Ortsbild inmitten von Rebhängen. Natur- und Wanderfreunden ist ebenfalls gedient: Von Dietikon aus geht es der Reppisch entlang an Bergdietikon,
Urdorf, Birmensdorf und Aesch vorbei bis zum Türlersee.

Was die Kulinarik anbelangt, wird es besonders schwierig für die Region, der Stadt Zürich Paroli zu bieten. Doch neben den beiden jüngst bestätigten Gault-Millau-
Restaurants in Dietikon («Krone» und «Ochsen») gibt es gemäss den Nutzern der grossen Bewertungsplattform Tripadvisor in Schlieren zwei lohnenswerte Optionen: Das «Rolli’s Steakhouse» und das «Stürmeierhuus» erhielten jeweils 4,5 von 5 Sternen (Stand gestern Mittag; nur Lokale mit 20 oder mehr Bewertungen wurden berücksichtigt). (bier)

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