Unterengstringen
Adieu, altes Pfarrhaus! Anwohner verabschieden sich von einem Stück persönlicher Vergangenheit

Schon bald wird das über 100-jährige Gebäude an der Unterengstringer Bergstrasse abgerissen. Besucher hatten am Donnerstag und Freitag die Gelegenheit, ein letztes Mal durch die Räumlichkeiten zu schreiten und in Erinnerungen zu schwelgen.

Sven Hoti
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Leitete im alten Pfarrhaus in den 1970er-Jahren die Sonntagsschule: die Unterengstringerin Susi Herter.

Leitete im alten Pfarrhaus in den 1970er-Jahren die Sonntagsschule: die Unterengstringerin Susi Herter.

Bild: Severin Bigler

Abschied nehmen ist nicht immer einfach. Das trifft auch auf Gebäude zu, mit denen langjährige Erinnerungen verbunden sind. Ein solches ist das ehemalige Pfarrhaus der Reformierten Kirchgemeinde Weiningen an der Bergstrasse 5 in Unterengstringen. Es soll schon bald abgerissen werden, um Neubauten Platz zu machen. Interessierte erhielten am vergangenen Donnerstag und Freitag ein letztes Mal die Gelegenheit, die Räume zu besichtigen.

Das Gebäude war bereits leer geräumt, der Strom und das Wasser im Haus abgeschaltet. Einzig das Cheminée im Erdgeschoss spendete ein wenig Wärme. An einem Ende des Raumes stand ein Flipchart, dort konnten Besucherinnen und Besucher ihre Erinnerungen an vergangene Zeiten im alten Pfarrhaus festhalten. An beiden Tagen standen der Pfarrer Christoph Frei und André Kuchen von der Kirchenpflege Weiningen für Fragen und Gespräche zur Verfügung.

Auf dem Areal des alten Pfarrhauses in Unterengstringen stehen schon bald Abriss- und Aushubarbeiten an.

Auf dem Areal des alten Pfarrhauses in Unterengstringen stehen schon bald Abriss- und Aushubarbeiten an.

Bild: Severin Bigler

Im Erdgeschoss fanden in den vergangenen Jahren jeweils Gottesdienste und andere kirchliche Veranstaltungen statt. Viele Besucher erinnerten sich insbesondere an die «Oase» – einen monatlichen liturgischen Besinnungsabend, an dem auch Musik gemacht und gekocht wurde. Mitgeholfen hatte auch Lotti Locher: «Es war immer sehr glatt», sagte die Unterengstringerin. «Wir haben jeweils für 40 Personen gekocht.»

«Auch gut, dass es nun etwas Neues gibt»

Susi Herter verbindet ebenfalls viele Erinnerungen mit dem alten Pfarrhaus. In den 1970er-Jahren habe sie hier jeweils die Sonntagsschule geleitet, erzählt sie. «Ich habe mit den Kindern gebastelt, gesungen und ihnen Geschichten erzählt. Drei meiner Sonntagsschüler sind heute Pfarrer.» Dass das alte Pfarrhaus nun abgerissen werde, tue schon weh, sagt Herter. «Aber gleichzeitig entsteht auch wieder etwas Neues.»

Ähnlich geht es auch Barbara Haller. Sie ist die ehemalige Präsidentin der Kirchenpflege Weiningen. Ihr blieben vor allem das grosse Engagement der Leute, die im Pfarrhaus verkehrten, in Erinnerung. Auch die Gottesdienste gefielen ihr jeweils sehr gut. Doch Haller sieht auch positive Aspekte im Ganzen: «Natürlich schwingt mit dem Abbruch etwas Wehmut mit. Aber es ist auch gut, dass es nun etwas Neues gibt.»

Die Besucher konnten ihre Erinnerungen an das alte Pfarrhaus auf ein Flipchart schreiben.
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Einzig das Cheminée im Erdgeschoss spendete Wärme.
An Anlässen wurde hier viel gekocht.
Besucher durften am vergangenen Donnerstag und Freitag ein letztes Mal durch die Räume des alten Pfarrhauses schreiten.
Im obersten Stockwerk lebte bis anhin noch eine Wohngemeinschaft.
Wandzeichnung in einem Raum in den oberen Stockwerken des Gebäudes.

Die Besucher konnten ihre Erinnerungen an das alte Pfarrhaus auf ein Flipchart schreiben.

Bild: Severin Bigler

Die Reformierte Kirchgemeinde Weiningen, zu der auch Unterengstringen, Geroldswil und Oetwil gehören, hat das 1914 errichtete Haus 1971 erworben. Ab den 1980er-Jahren diente es unter anderem als Unterkunft für die Pfarrer und deren Familien sowie religiöse Veranstaltungen. Im Jahr 2016 zog der letzte Pfarrer aus. Seither nutzte eine Kindertagesstätte sowie eine Wohngemeinschaft die Räumlichkeiten. Auch gewisse Gottesdienste fanden in und um das Haus noch statt.

Auf dem rund 3000 m2 grossen Grundstück sind zwei Neubauten mit insgesamt 26 altersgerechten 1,5- bis 3,5-Zimmer-Wohnungen geplant. Bauherrin und Verwalterin ist die Belano Group AG aus Horgen. Die Gebäude umfassen diverse Gemeinschaftsräume, die auch von der Kirchgemeinde für kirchliche Anlässe genutzt werden dürfen. Zusätzlich finden sich eine Cafeteria, Ateliers und Fitnessräume. Die ersten Mieter sollen im Herbst 2022 einziehen.

Langjährige Diskussionen um Neunutzung

Die zukünftige Nutzung des ehemaligen Pfarrhauses beschäftigt die Reformierte Kirchgemeinde Weiningen schon lange. Für Diskussionen sorgte bereits der 2018 von der Kirchgemeindeversammlung gutgeheissene Projektierungskredit über 180'000 Franken. Ein Bürger hatte nachträglich eine Urnenabstimmung gefordert, die Bezirkskirchenpflege gab ihm recht.

Sie ersetzen das alte Pfarrhaus: So sollen die beiden Neubauten an der Bergstrasse 5 dereinst aussehen.

Sie ersetzen das alte Pfarrhaus: So sollen die beiden Neubauten an der Bergstrasse 5 dereinst aussehen.

Visualisierung: zvg

Ein Jahr später verlor der positive Entscheid der Urnenabstimmung zum Projektierungskredit jedoch bereits wieder an Gültigkeit. Die Kirchenpflege hatte sich in der Zwischenzeit gegen einen Bau mit Eigenmitteln entschieden. Zudem hatte sich die Baufirma einverstanden erklärt, die Kosten für eine Projektstudie zu übernehmen.

Mit der Kreisgemeindeversammlung im November 2019 in Geroldswil endete die jahrelange, hitzige Debatte schliesslich. Die Stimmberechtigten sprachen sich dafür aus, das Land für eine Laufzeit von 99 Jahren an die Belano Group im Baurecht abzugeben. Damit übernimmt die Baufirma den Bauauftrag sowie die Verwaltung der Immobilien, die Kirchgemeinde erhält künftig einen jährlichen Baurechtszins von 140'000 Franken.

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