Asylwesen

Wegen sinkenden Flüchtlingszahlen: Limmattaler Asylorganisationen entlassen Personal

Die tiefen Belegungszahlen in der Asylunterkunft Lanzrain in Oberengstringen sind laut Sozialvorstand Kurt Leuch (Forum) ideal, weil gerade Renovationen durchgeführt werden.Bild: Florian Schmitz

Die tiefen Belegungszahlen in der Asylunterkunft Lanzrain in Oberengstringen sind laut Sozialvorstand Kurt Leuch (Forum) ideal, weil gerade Renovationen durchgeführt werden.Bild: Florian Schmitz

Nach den 40 000 Asylgesuchen, die 2015 gestellt wurden, haben sich die Asylzahlen nun innert weniger Jahre stark reduziert. Diese Tendenz spüren auch die Städte und Gemeinden im Limmattal.

Die Anzahl Asylgesuche geht zurück. 2018 waren es knapp über 15 000 Menschen, die in der Schweiz Zuflucht suchten. Noch weniger waren es zuletzt 2007. Das geht aus der Asylstatistik des Staatssekretariats für Migration hervor. Für 2019 rechnen die Verantwortlichen zwar mit einem leichten Anstieg. Aber nach den 40 000 Asylgesuchen, die 2015 gestellt wurden, haben sich die Asylzahlen nun innert weniger Jahre stark reduziert.

Diese Tendenz spüren auch die Städte und Gemeinden im Limmattal. In Dietikon beispielsweise stieg die Anzahl Asylsuchender von 127 im Jahr 2014 auf 186 zwei Jahre später an – der bisherige Höchstwert. Ende letzten Jahres lag die Zahl bei niedrigen 124. Auch in Schlieren, das 2015 genau 100 Asylsuchende unterbrachte, stieg diese Zahl ein Jahr später auf 133 und sank 2018 wieder auf 112. Grosse Unterschiede auch in Birmensdorf: 2015 beherbergte die Gemeinde 26 Asylsuchende, zwei Jahre später 47. Aktuell liegt der Wert bei 33 Personen.

Diese Schwankungen sind grosse Herausforderungen für die Betreuer der Asylsuchenden. Innert kurzer Zeit musste während des Anstiegs der Zahlen zusätzlicher Wohnraum beschafft und Betreuungspersonal rekrutiert werden. Und jetzt sinken die Zahlen wieder.

AOZ arbeitet für fünf Gemeinden im Limmattal

Das kann zu Problemen führen. Wie die «NZZ» diese Woche berichtete, plagen die Asylorganisation Zürich (AOZ) Massenentlassungen, schlechte Stimmung im Betrieb und ein Millionendefizit. Nachdem 2017 ein Plus von knapp 140 000 Franken resultierte, folgte 2018 ein Minus von knapp 1,8 Millionen Franken.

Im Gespräch mit teils anonymen Quellen aus den Reihen der AOZ kommen Geschichten über schlechte Kommunikation, starke Kürzungen, grosse Personalwechsel und unzureichende Betreuung ans Licht. AOZ-Direktor Thomas Kunz führt die Kritik im Interview mit der «NZZ» auf die Ausnahmesituation mit den hohen Flüchtlingszahlen zurück. «Es ging um kurzfristiges Bewältigen von grossen Veränderungen.»

Die meiste Kritik beziehe sich zudem auf den Bereich der unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden, in deren Heim es zu mehreren Zwischenfällen gekommen ist. Einzige Alternative, so Kunz, wäre die Einbindung der Minderjährigen in reguläre Strukturen gewesen.

Die AOZ ist auch im Limmattal ein beliebter Partner im Asylwesen. Sie erbringt Leistungen für Geroldswil, Weiningen, Oetwil und Unterengstringen. Auch Schlieren vertraut die Betreuung der Asylsuchenden der AOZ an. «Wir haben keine Überforderung des Systems feststellen können», sagt Stephan Bloch, Abteilungsleiter Soziales, auf Anfrage.

In Quartalsberichten werde die Stadt jeweils über relevante Vorkommnisse unterrichtet. Bei Problemen können die Asylsuchenden jederzeit die Sozialabteilung kontaktieren, versichert Bloch. «Bis heute haben wir noch keine Reklamationen erhalten.»

AOZ-Sprecher Thomas Schmutz verweist darauf, dass Schwankungen bei den Fallzahlen aus Gründen wie Statuswechsel, Familiennachzug oder Arbeitsverlust an der Tagesordnung seien. «In Schlieren werden aktuell einige Wohntrakte freigehalten. Unter Umständen können diese als Notwohnungen verwendet werden», sagt er. Zudem sei die Belegung heute weniger dicht. In der Regel würden sich zwei Personen ein Zimmer teilen.

Bezüglich der Entlassungen, die andernorts vorgenommen werden mussten, sagt Schmutz, dass es in der kommunalen Asylbetreuung eine relativ geringe Reduktion der Klienten gebe und somit auch beim Personalbedarf. Bei der zentralen AOZ-Sozialberatung und Asylbetreuung in Schlieren wurde eine 80-Prozent-Stelle nach einer Kündigung nicht mehr ersetzt. Drei weitere Mitarbeiter hätten ihr Pensum auf eigenen Wunsch reduziert.

Dietikon diskutiert mit ORS wegen Verlängerung

Mit dem zweiten grossen Player der Branche, die ORS Services, arbeiten auch einige Limmattaler Gemeinden zusammen. Sie ist verantwortlich für die kantonale Notunterkunft in Urdorf sowie für die Abwicklung des Asylwesens in Aesch, Bergdietikon, Birmensdorf und Dietikon.

Obwohl man grundsätzlich mit der von ORS geleisteten Arbeit zufrieden sei, komme es hin und wieder zu Differenzen, sagt der Dietiker Sozialvorstand Philipp Müller (FDP) auf Anfrage. «Diese können jedoch im Gespräch bereinigt werden.» Auffälligkeiten im Zusammenhang mit dem Auf- und Abbau der Asylkapazitäten hat es demnach keine gegeben. Trotz des guten Zeugnisses für die ORS: Der Vertrag läuft demnächst aus und man diskutiere aktuell über eine Verlängerung, so Müller.

Birmensdorf arbeitet bereits seit 20 Jahren mit der ORS zusammen, erklärt Fabiane Müller, Leiter der Abteilung Soziales und Gesellschaft. «In der Praxis ist eine hohe Flexibilität aufseiten der Asylkoordination nötig, da die Betreuungszahlen schwer zu planen sind.» Auch hier kein kritisches Wort.

«Zwar musste die ORS trotz rückläufiger Asylzahlen und den damit verbundenen Schliessungen von Einrichtungen auf operativer Ebene keine Massenentlassungen vornehmen, aber auch wir mussten uns von Mitarbeitern trennen», sagt Lutz Hahn, Sprecher der ORS Services. Eine der Kündigungen habe das Betreuungsmandat Dietikon betroffen. «Der Rest konnte durch Selbstkündigungen oder natürliche Abgänge kompensiert werden.»

Bezüglich Wohnsituation hat es offenbar keine grossen Anpassungen gegeben. Einzig in Aesch wurde eine Wohnung, in der Asylsuchende untergebracht waren, an die Gemeinde zurückgegeben.

Drei Limmattaler Gemeinden arbeiten nicht mit AOZ oder ORS zusammen. In Uitikon betreut die Gemeinde die Asylsuchenden selber. Gleich ist es in Oberengstringen. Auch hier machen sich sinkende Asylzahlen bemerkbar. Noch gebe es aber keinen dringenden Handlungsbedarf, sagt der Oberengstringer Sozialvorstand Kurt Leuch (Forum). Da die Asylunterkunft Lanzrain derzeit renoviert werde, gebe es genug zu tun. «Für uns sind die tiefen Zahlen eigentlich ideal. Wäre die Unterkunft voll belegt, könnten wir nicht so renovieren», sagt Leuch.

In Urdorf sind derzeit keine Asylsuchenden untergebracht, die die Gemeinde betreuen muss. Entsprechend besteht auch hier keine Zusammenarbeit mit AOZ oder ORS.

Grosse Herausforderungen trotz tiefer Zahlen

Sinken die Asylzahlen, werden die Herausforderungen für Städte und Gemeinden nicht kleiner. Mit der Einführung der beschleunigten Asylverfahren und der Umsetzung der Integrationsagenda werden zusehends mehr vorläufig aufgenommene Asylsuchende in den Gemeinden untergebracht, die während sieben Jahren nach der Einreise integriert werden sollen, wie Müller erklärt. «Dies ist für uns eine grosse Herausforderung.»

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