Geroldswil
Wenn plötzlich alles zu Pop wird

Sie mag keinen Mainstream und findet, auch Heavy Metal könne Pop sein. Sie sammelt Instrumente, liebt ihre Plastikorgel und will ihr Album in einer Kirche einspielen. Mara Miccichè aus Geroldswil ist eine ungewöhnliche Pop-Heldin.

Von Bettina Hamilton-Irvine
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Sammelt Instrumente: Mara Miccichè

Sammelt Instrumente: Mara Miccichè

Limmattaler Zeitung

Wer an Popmusik denkt, denkt schnell an Britney Spears. An Lady Gaga, Katy Perry, die Spice Girls. An Hitparade und teuer produzierte, etwas zu farbige Musikvideos. Was man eher weniger mit Popmusik assoziiert, ist hingegen eine junge Frau, zierlich, fast zerbrechlich, die, scheinbar in sich versunken, an einer roten Plastikorgel sitzt. Die rote Plastikorgel, die zu ihrer Instrumentenfamilie gehört, wie sie es nennt, steht in einem kleinen Atelier im Jugendkulturhaus Dynamo und ist ein bisschen verstimmt.

Die junge Frau trägt schwarze Leggings, einen langen, dunkelblauen Pullover und einen freundlichen, aber konzentrierten Blick im Gesicht. Neben ihr stehen ein rotes Damenvelo, ein Schlagzeug, ein paar Mikrofone und Lautsprecher. Wenn die junge Frau die Augen schliesst und den Kopf senkt, sodass ihr eine Strähne der dunklen Haare über das Gesicht fällt, ihre schmalen Finger über die Tasten der Plastikorgel gleiten lässt und sachte anfängt, zu singen, dann weht eine wohlige, düstere Melancholie durch den kleinen Raum, wie eine überraschende Brise in einer warmen Nacht. Dann denkt man an Björk, vielleicht ein bisschen an Portishead. Aber sicher nicht an Pop.

Doch genau das ist es: Pop. Denn die junge Frau an der Plastikorgel heisst Mara Miccichè und ist eine Meisterin des Pop. Und zwar ganz sprichwörtlich: Sie schliesst diesen Monat als eine der ersten fünf Pop-Studierenden der Schweiz ihr Studium an der Zürcher Hochschule der Künste mit dem Master of Arts ab. Britney Spears und Charts-Musik interessieren die 25-Jährige nicht: «Ich höre ganz selten Radio», sagt sie. «Ich sage nicht, dass Hitparadenmusik schlecht ist. Aber mir klingt alles zu ähnlich.»

Pop ist nicht Mainstream

Pop ist nicht zwingend Mainstream. Davon ist die Geroldswilerin überzeugt – und gibt gleich ihre eigene Definition zum Besten: «Pop ist alles, was nicht Klassik oder Jazz ist.» Früher einmal, da sei Jazz Pop – oder populär – gewesen, noch früher gar Klassik. Heute biete Pop vor allem Freiheit und ein Gefäss für musikalische Experimente. Gerade weil Pop eigentlich gar keine Stilrichtung sei.

«Weil Musikmachen mir am meisten Freude von allem macht», wie sie
mit einem Lächeln sagt, hat sich Mara Miccichè vor fünf Jahren für den damals brandneuen Studiengang beworben. Und eben: wegen der Freiheit. «Absolut frei» sei man, schwärmt sie: «Es gibt keine stilistischen Schranken.» Dürfte man folglich auch Heavy Metal spielen im Pop-Studiengang? Sie nickt sofort, ernsthaft und mit Überzeugung in den grossen, dunklen Augen. «Wir setzen uns mit allem auseinander», betont sie.

Im Pop-Studiengang gehe es denn auch um weit mehr als nur darum, Musik zu schreiben und zu spielen, erklärt Mara Miccichè. «Das Ziel ist, eine Vision zu entwickeln», sagt sie: «Wer bin ich, was mache ich und wie setze ich das um?» Dazu gebe es viel Theorie und Geschichte sowie Kurse, um zu verstehen, wie die Musikbranche funktioniere. Denn es geht auch um Vermarktung: «Das macht den Studiengang alltagstauglich», sagt die Musikerin, die im Hauptfach Gesang und Musikproduktion belegt hat.

Möglichst viele Menschen erreichen

Über ihre eigene Vermarktung macht sich Mara Miccichè noch wenig Gedanken. Sicher wolle sie so viele Menschen wie möglich erreichen, sagt sie. Je mehr, desto besser. Doch: «Ich mache Musik aus einem inneren Impuls heraus und nicht, weil ich in die Charts kommen will. Ich will nicht Musik machen müssen, von der ich glaube, dass sie populär wird.»

Auch wenn man generell versucht sein könnte, diese Aussage als Koketterie abzutun: Der Limmattaler Musikerin glaubt man es sofort. Zu eigenständig wirkt sie, zu originell, zu authentisch. Dazu passt, dass sie eine Leidenschaft für ungewöhnliche, alte Instrumente hat, die sie oft über das Internet findet. Nebst zwei alten Plastikorgeln gehören dazu unter anderem ein Harmonium, ein Wersi Pianostar – ein Mix aus Synthesiser und E-Piano – oder eine Melodica. Die Tatsache, dass diese oft nicht perfekt klängen, machten ihren besonderen Charme aus, erklärt sie. «Man muss sich selber zuhören und etwas Eigenes machen», sagt sie. «Ich schaue einfach, was aus mir herauskommt.»

Aus der zart wirkenden jungen Frau, die schon mit viereinhalb Jahren angefangen hat, Klavier zu spielen, kommt erstaunlich viel heraus – auch viel Verschiedenes. «Ich mache heute ganz andere Musik als früher», sagt sie. Dies sei nicht dem Studium per se zu verdanken, sondern vielmehr der Tatsache, dass sie sich weiterentwickelt und «viel gelernt» habe, «vor allem über mich selbst», sagt sie. Ihr aktuelles Projekt «Iokoi», das auch ihre Masterarbeit ist, klingt nach Trip-Hop, Melancholie und Fernweh, ist etwas traurig, gleichzeitig luftig leicht und wunderbar düster. Damit habe sie keineswegs bewusst versucht, vom Pop-Klischee abzuweichen, betont sie: «Es ist einfach, was ich mache.» Ganz von ungefähr kommen die schrägen, sphärischen Klänge aber nicht: Mara Miccichè, die gemäss eigenen Angaben «alles hört, was mich neugierig macht», bewundert die isländische Sängerin Björk. «Ich finde sie unglaublich spannend, nicht nur als Musikerin», sagt sie.

Sie kann ganz anders sein

Dass Mara Miccichè aber auch noch ganz anders kann, beweisen ihre früheren musikalischen Projekte, welche sie zugunsten des Studiums und neuer Horizonte unterdessen alle aufgegeben hat. Da sind einmal die Sidewalkpoets, eine Indie-Pop-Band, die bereits da und dort euphorisch bejubelt worden war, bevor sie sich vor drei Jahren auflöste. Albert Kuhn beschrieb deren Musik 2008 in der «Weltwoche» als «atemlosen, souverän trockenen Rock», Sängerin Mara Miccichè als «extrem ausgeschlafen» und die Texte als «erstaunlich unblöd». Im Akustik-Trio Minou, welches ebenfalls nicht mehr aktiv ist, war die Musikerin für Akustikgitarre und Gesang zuständig, während sie in der Indie-Band von Studienkollege Omar Fra, Death of a Cheerleader, die Synthesizer bediente und Backingvocals sang. Sie habe sich schliesslich für ihr eigenes Projekt entscheiden müssen, sagt sie, streicht sich eine Strähne Haare hinter das Ohr und nippt nachdenklich an einer Tasse Milchkaffee. «Ich brauche noch etwas mehr Zeit für mich.»

Zeit wird die vielseitige Musikerin, die nicht nur singt und Tasteninstrumente spielt, sondern auch Gitarre und allerlei aus ihrem Instrumentensammelsurium in ihre Musik einbaut, nach dem Studium viel haben. Sie wolle sich vor allem auf ihr aktuelles Projekt «Iokoi» konzentrieren, erzählt sie. Bis Ende Jahr will sie ein Album bereithaben, aufgenommen werden soll es in einer leer stehenden Kirche in Sizilien, wo ihre väterlichen Wurzeln liegen. Dies sei passend, da «Iokoi» viel mit «Räumen und Hall» arbeite.

Dass der talentierten Musikerin mit der verträumten, samtigen Stimme noch vieles gelingen wird, glaubt man gern. Nicht zuletzt, weil ihr Träume realistisch sind: Sie möchte von der Musik leben können, wie auch immer. Sondern vor allem, weil sie ihre Freiheiten nutzen wird. Und Freiheit hat sie. Denn alles ist Pop. Alles ausser Jazz und Klassik.

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