Geroldswil

Sie machen Oldtimer fit für die Zukunft: Diese Corvette fährt rein elektrisch

300 Kilometer weit kann man mit der Corvette von Silvia und Till Marton fahren, bis man mit dem Oldtimer an die E-Tankstelle muss.

Silvia und Till Marton verwandeln in ihrer Manufaktur Liebhaberfahrzeuge in Elektroautos.

Sie steht wie ein Schmuckstück auf der blauen Hebebühne: die gelbe Corvette mit Jahrgang 1962. Der Wagen namens «Dinora» ist Silvia und Till Martons ganzer Stolz. Drei Jahre lang restaurierte das Ehepaar aus Geroldswil den Oldtimer. Das klingt im ersten Moment nicht aussergewöhnlich. Beim Öffnen der Motorhaube zeigt sich dann aber, dass es sich um eine ganz besondere Corvette handelt. Den charakteristischen V8-Motor mit über fünf Litern Hubraum sucht man vergebens. Zum Vorschein kommt stattdessen eine Batterie mit 91 Zellen. Wo früher das Getriebe war, befindet sich der Elektromotor. Das Auto verfügt über eine Batteriekapazität von 68 Kilowattstunden. Das soll mindestens für eine 300 Kilometer lange Fahrt genügen. «Liebhaber von Ami-Schlitten werden wohl denken, dass wir dem Auto die Seele herausgerissen haben», sagt Silvia Marton. «Man könnte aber auch sagen, dass wir der Corvette mit zukunftsweisender Technologie neues Leben eingehaucht haben», sagt Till Marton.

Die beiden verwandeln in ihrer Manufaktur in Küssnacht am Rigi Oldtimer und Liebhaberfahrzeuge in Elektroautos. Im Frühjahr vollendeten sie den Umbau der Corvette. «Seit Mitte Mai haben wir eine Strassenzulassung. Seither ist die Corvette unsere Botschafterin. Wir haben bereits über 1000 Kilometer zurückgelegt», sagt Silvia Marton.

Batteriereichweite statt Ölstand.

Batteriereichweite statt Ölstand.

Das Paar setzt voll und ganz auf Elektromobilität nach Mass. Die Arbeit in der Manufaktur ist nämlich mehr als ein Hobby. Die Agronomin und der Informatiker haben ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. 2018 gründeten sie ihre Firma Manufaktur Marton. Sie restaurieren aber nicht nur Fahrzeuge. «Wenn jemand kein passendes Auto besitzt, helfen wir auch bei der Suche eines speziellen Objekts», sagt Till Marton. Unterdessen hat das Paar eine Mitarbeiterin, die sich um die Konstruktion und das Design kümmert. Silvia Marton ist Geschäftsführerin, ihr Mann übernimmt die technische Leitung. Eigentlich wollten die beiden ihre Geschäftsidee früher verwirklichen. Doch die Geburt ihrer Zwillinge Leila und Fabio im Oktober 2018 kam dazwischen. Silvia Marton war damals die erste Patientin im Neubau des Spitals Limmattal.

Porsche als Versuchskaninchen

Dass die beiden 36-Jährigen nun Oldtimer zu Elektroautos umbauen, haben sie ihrem Porsche 968 zu verdanken. «Er war nicht alltagstauglich und wir wollten ihn eigentlich verkaufen. Als wir eine TV-Reportage sahen, in der Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor einen Elektroantrieb erhielten, kam uns die Idee, das auch mit unserem Auto zu machen», erzählt Till Marton. Zuerst liessen sie Experten an ihren Porsche. Nach einigen Enttäuschungen kamen sie jedoch zum Schluss: «Wir können das auch, und zwar besser.» Das war 2011. «Abgesehen vom Tesla Roadster gab es damals keine sportlichen Elektroautos. Diese galten als langweilig und vermochten keine Emotionen auszulösen», sagt Till Marton. Das wollte das Paar ändern. «Es war ein Ausprobieren, der Porsche war sozusagen unser Versuchskaninchen», gibt Till Marton zu.

Mit der Corvette als Vorzeigemodell wollen die Geroldswiler nun durchstarten. Sie sind auf der Suche nach Aufträgen. «Es wäre schön, wenn wir jährlich drei bis fünf Autos umbauen könnten. Wir sind ja keine riesige Garage, bei uns ist alles Handarbeit», sagt Till Marton.

Von ihrer Geschäftsidee sind die beiden überzeugt. «Die Schweiz hat wohl die grösste Oldtimer-Dichte in Europa», sagt Till Marton. Es gebe einige Oldtimer-Besitzer in der Schweiz, die sich schämen, ihr Auto aus der Garage zu holen. Oder andere, die gerne einen Klassiker fahren wollen, sich aber nicht getrauen, einen zu kaufen. «Aufgrund der heutigen Klimadebatte hinterfragt man sein Verhalten mehr», sagt Silvia Marton. Das komme ihnen gelegen. «Für Personen, die nicht auf ein solches Fahrzeug verzichten wollen, stellt unser Angebot eine gute Alternative dar.»

Die Corvette stammt aus dem Jahr 1962.

Die Corvette stammt aus dem Jahr 1962.

Als Klimaretter könne man die elektrobetriebenen Oldtimer aber nicht bezeichnen. «Wer sich um das Klima sorgt, der fährt mit dem Velo oder nutzt die öffentlichen Verkehrsmittel», sagt Silvia Marton. Und trotzdem: «Unsere Corvette ist im Vergleich zum herkömmlichen Verbrenner-Modell spätestens nach 40'000 Kilometern aus Klimasicht amortisiert.» Weil auch Elektroautos ökologische Spuren hinterlassen, erstelle man derzeit eine eigene Ökobilanz für die Corvette. Der Elektroantrieb im Oldtimer bietet aber noch andere Annehmlichkeiten. «Wir machen alte Autos fit für die Zukunft. Oldtimer sind dank Elektroantrieb zuverlässiger und weniger wartungsintensiv. Elektroautos brauchen keinen Ölwechsel», sagt Till Marton.

Für das Paar geht mit der eigenen Manufaktur ein Traum in Erfüllung. «Aufgrund unserer Aufgabenteilung gehen wir uns zum Glück nicht auf die Nerven. Wir sind auch nicht immer gleichzeitig in Küssnacht», sagt Silvia Marton. Wenn sie Administratives erledige, könne sie das auch von zu Hause aus tun. «Dass wir uns selbstständig gemacht haben, beeinflusst auch unser Familienleben positiv», sagt Till Marton. Es sei nun egal, ob er am Wochenende oder abends in der Maufaktur an technischen Lösungen herumtüftle. «Wir sind flexibler und können uns die Betreuung unserer Zwillinge viel besser einteilen. Das ist toll», sagt seine Frau. Längerfristig planen die beiden, ihre Manufaktur im Limmattal zu betreiben. «Falls wir uns vergrössern können, möchten wir zumindest einen Standort in der Nähe von Geroldswil haben», sagt Till Marton.

Acht Tage durch die Schweiz

Für die Martons ist nun viel Marketingarbeit angesagt, um auf sich aufmerksam zu machen. Doch am meisten beachtet wird das Paar natürlich, wenn es mit seiner Botschafterin, der gelben Corvette, auf den Strassen unterwegs ist. «Man kommt ins Gespräch. Manchmal können wir sogar skeptische Oldtimer-Liebhaber von unserer Idee überzeugen. Das motiviert uns noch mehr», sagt Till Marton. Den nächsten Ausflug mit der Corvette unternehmen Silvia und Till Marton am 14. Juni. Dann beginnt die «Wave Switzerland 2019», eine Rallye für Elektromobile. In acht Tagen werden die Martons durch 26 Kantone fahren und versuchen, die Schweiz für ihren besonderen Oldtimer zu begeistern.

Verwandte Themen:

Autor

Sibylle Egloff

Meistgesehen

Artboard 1