Geroldswil

Telefonat als Soforthilfe: So meistert die Leiterin der psychosozialen Spitex den Corona-Alltag

Obwohl es normal sei, dass einem einige Fälle sehr nahe gehen, so sei es doch wichtig, dass man zuhause wieder abschalten könne, sagt Angelina Seifert.

Obwohl es normal sei, dass einem einige Fälle sehr nahe gehen, so sei es doch wichtig, dass man zuhause wieder abschalten könne, sagt Angelina Seifert.

Vermutlich gibt es inzwischen niemanden mehr in der Region, der von den Auswirkungen des Coronavirus nicht in irgendeiner Art betroffen ist. Die Geroldswilerin Angelina Seifert besucht zwar noch immer psychisch kranke Patienten zuhause – jedoch werden persönliche Einsätze seltener.

Angelina Seifert fährt zur Zeit nur noch zu drei Klienten mit ihrem schwarzen Smart. Früher war die Geroldswilerin viel mehr auf Achse. Nun haben Leitungs- und Administrationsaufgaben die persönlichen Einsätze verdrängt.

Die Leiterin der psychosozialen Spitex bleibt auch im Stau relativ gelassen, obwohl ihr Klient einige hundert Meter weiter vorne wartet. Dies ist wohl ein Überbleibsel aus der anspruchsvollen Zeit als Psychiatriepflegefachfrau. «Damals arbeitete ich auf der geschlossenen Abteilung. Immer wieder stand ich unter dem Druck von aggressiven Leuten», sagt sie.

Als sie mit ihrem ersten Kind, der mittlerweile vierjährigen Tochter, schwanger war, wollte sie nicht mehr unter solchen Umständen arbeiten. So entschloss sie sich, sich als freiberufliche Psychiatriekrankenschwester zu registrieren. «Es lief sehr gut an, so kündete ich nach wenigen Monaten meine Fixstelle», sagt Seifert. Der Ein-Frau-Betrieb wuchs schnell. Auch nach der zweiten Schwangerschaft mit einem Jungen arbeitete Seifert im ambulanten Dienst weiter. «Es ist mir wichtig, dass ich Familie und Beruf vereinen kann», sagt sie. In der privaten Psychiatrie-Spitex kann sie dies zu grossen Teilen.

Der junge Mann, den sie nun in Zürich treffen soll, sei eine Ausnahme: Normalerweise kümmere sie sich hauptsächlich um das Limmattal, das Fricktal, Baden und Aarau. In Zürich habe es genug andere Angebote. Zudem sei es kompliziert, mit dem Auto durch die Stadt zu kommen. «Das sind unbezahlte Zeiten, so rechnet sich die Arbeit nicht.»

Kein Konkurrenzkampf unter Spitexen

Die Angebote der privaten psychosozialen Spitex sind die gleichen wie diejenigen der regionalen Spitex. Auch die Tarife sind dieselben und werden ebenfalls von der Krankenkasse übernommen. «Der Vorteil bei uns ist, dass die Klienten eine Bezugsperson haben», sagt Seifert. Das werde sehr geschätzt. Kaum jemand wolle ständig alles neu erzählen. Von einem Konkurrenzkampf unter den verschiedenen Spitexen könne man trotz der verschiedenen Möglichkeiten nicht reden. «Wir haben genug Anfragen, da ist es schön, dass es verschiedene Angebote gibt», sagt Seifert.

Die meisten ihrer Klienten sind an affektiven Störungen wie Depression, Angsterkrankungen oder Burnout erkrankt. «Andere leiden an Schizophrenie oder sind suizidal», sagt Seifert. Letzteres sei bei einigen Klienten der Fall. Durch die enge Betreuung verhindert die psychosoziale Spitex öfters, dass die Klienten in die Psychiatrie eingeliefert werden müssen. «Dies schätzen viele Klienten, da sie sagen, es gehe ihnen nicht unbedingt besser, wenn sie stationär sind», sagt Seifert.

Für die Betreuerinnen könne es aber durchaus belastend sein, wenn sie einen Klienten begleiten, der an Selbstmord denke. In solchen Fällen arbeitet Seiferts Team mit dem Psychiater, den Therapeuten und dem Sozialarbeiter zusammen. «Besonders an der Teamsitzung können wir uns, zumindest anonymisiert, über die Fälle austauschen. Das tut gut», sagt Seifert. Denn obwohl es normal sei, dass einem einige Fälle sehr nahe gehen, so sei es doch wichtig, dass man zuhause wieder abschalten könne.

Beim Klienten angekommen, grüsst Seifert ihn mit einem Ellbogengruss. Auf dem nachfolgenden Spaziergang ist die Stimmung zwischen den beiden locker und gleichzeitig professionell. Es brauche ein wenig Anlaufzeit, bis man ins Gespräch komme und der andere sich öffnen könne, sagt Seifert. So müsse man meistens erst über Corona und das Wetter reden, bevor man die Bewältigung des Stresses am Arbeitsplatz oder die Work-life-Balance thematisieren könne. Seifert stellt Fragen wie: «Was entspannt Sie?», «Wer genau gibt Ihnen das Gefühl, mehr machen zu müssen?», «Wie stark belastet Sie diese Situation?», Der Klient antwortet ausführlich und ehrlich.

Spaziergänge geben dem Klienten ein Gefühl der Sicherheit

Seifert bietet selten Lösung, mehr hakt sie nach oder setzt in Relation. Die beiden gehen zügigen Schrittes über den Spazierweg. Es geht um Sport, das schlechte Gewissen nicht überall dabei zu sein, den Weg aus der Angst und um soziale Kontakte. Nach über einer Stunde sind die beiden wieder am Ausgangspunkt angekommen. Die Sitzungen der Psychiatriespitex dauern zwischen einer und zwei Stunden. Der Klient sagt zum Schluss, die Spaziergänge würden ihm jeweils ein Gefühl der Sicherheit geben. «Die Angst und Probleme rücken dabei in den Hintergrund.»

Am Ende machen die beiden einen neuen Termin aus. Sollte zwischenzeitlich etwas Aussergewöhnliches passieren, kann sich der Klient auch per Telefon melden. Das empfindet der Mann als grosse Hilfe. «Wenn es mir schlecht geht, weiss ich, dass ich anrufen und die Situation besprechen kann», sagt er. Längst nicht alle erhalten dieses Angebot. «Doch er würde sich nur im Notfall melden und dann ist ein Telefongespräch eine gute Soforthilfe», sagt Seifert. Sie setzt sich in den Smart und fährt zurück nach Geroldswil. Dort freut sich ihre Tochter bereits auf sie.

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