FC Dietikon
Unheilbar krank: Dank seiner Frau ist Jure Karadza trotzdem glücklich

Am Samstag startet der FCD in Mendrisio in die 1.-Liga-Saison. Jure Karadza ist nicht mit von der Partie, er befindet sich im Aufbautraining. Das grenzt nach schmerzhaften Monaten und einer niederschmetternden Diagnose allerdings an ein Wunder.

Raphael Biermayr
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Jure und Jessica Karadza heirateten am Tag des Dietiker Aufstiegs standesamtlich.

Jure und Jessica Karadza heirateten am Tag des Dietiker Aufstiegs standesamtlich.

zVg

Vor bald zwei Jahren ist in der Limmattaler Zeitung ein Text über Jure Karadza erschienen. Er handelte vom erfolgreichen Kampf des Dietiker Innenverteidigers, der sich nach einer beidseitigen Hüftoperation und einem Eingriff am Knie seinen Stammplatz zurückerobert hatte. Diese Geschichte ist mittlerweile um ein grosses Kapitel gewachsen.

Am 7. Juni 2014 erfasste ihn zunächst eine Welle an grossen positiven Gefühlen: Karadza heiratete am Mittag auf dem Standesamt seine Freundin Jessica – und stieg am Abend auf dem Rasen mit dem FC Dietikon in die 1. Liga auf.

Eigentlich hätte er nicht spielen sollen, weil er sich gelbgesperrt wähnte. Doch weil der Schiedsrichter eine Woche zuvor einen Mitspieler als verwarnt notiert hatte, war Karadza an jenem historischen Tag mit von der Partie.

Der Schock

In der folgenden 1.-Liga-Vorrunde absolvierte er fast alle Partien. Alles war gut. Bis er im vergangenen Januar eines Morgens erwachte und sein bereits zweimal operiertes Knie so geschwollen war, dass er es nicht allein aus dem Bett schaffte.

In der Folge begegnete man einem 24-Jährigen, der sich nur noch an Krücken fortbewegen konnte – wenn überhaupt: Der Glasfaserkabelleger mit eigener Firma wurde wochenlang von lähmenden Rücken- und Hüftschmerzen ans Bett gefesselt. Fast zur Verzweiflung brachte ihn aber die Ungewissheit: «Kein Arzt konnte mir sagen, was das Problem war.»

Die Diagnose

Auch nach den Operationen drei und vier am Knie wurden die Schmerzen nicht weniger. Bis eines Tages die Diagnose gestellt werden konnte: Morbus Bechterew, eine seltene chronische Rheumaerkrankung, die von der Wirbelsäule und dem Becken in den Körper ausstrahlt. Sie ist unheilbar.

Der Befund war niederschmetternd. «Aber jetzt wusste ich wenigstens, was es ist und was ich dagegen tun kann», sagt Karadza. Einmal pro Woche setzt er sich selbst eine Spritze mit starken Medikamenten. Der Verlauf der Krankheit ist unberechenbar. Im besten Fall war die Attacke vom Frühjahr «nur ein starker Schub, der sich nicht wiederholt.» Es gehe für ihn darum, «so gut wie möglich damit zu leben».

Die Rückkehr

Der Kroate arbeitet seit kurzem wieder, in einem 40-Prozent-Pensum. Dank der Krankentaggeldversicherung hatte er auch während des siebenmonatigen Ausfalls ein Auskommen. Und er steht wieder auf dem Fussballplatz. In der langen Phase der Unklarheit hiessen die Ärzte ihn an, keinen Sport mehr zu machen. Mittlerweile raten sie ihm dringend dazu, «damit die Gelenke flüssig bleiben», erklärt er.

Im runderneuerten Team der Dietiker (siehe Artikel unten) kam sich Karadza bei seinem Trainingseinstieg vor «wie ein Testspieler.» Dies, obwohl er nach dem Abgang von Zivko Cajic und der zwischenzeitlichen Auszeit von Raphael Candreia der dienstälteste Spieler im Kader ist (seit 2010).

Er rechne damit, mindestens noch drei Wochen zu brauchen, um wieder genug fit für Einsätze zu sein. Die Teamkollegen trainieren neu viermal wöchentlich, Karadza macht drei Einheiten mit. «Ich möchte nichts überstürzen und eine Verletzung riskieren», sagt er, und dankt Trainer Goran Ivelj für dessen Vertrauen.

Der Dank an seine Frau

In den letzten Monaten geriet der Fussball in den Hintergrund. Die junge Ehe hatte eine grosse Prüfung zu bestehen. «Ohne Jessica hätte ich das alles nicht geschafft», sagt er.

Den Kinderwunsch müssen die beiden noch aufschieben: «Wegen der starken Medikamente haben die Ärzte uns davon abgeraten, es momentan zu versuchen.» Obwohl Morbus Bechterew genetisch übertragbar ist, wollen sie nicht auf Nachwuchs verzichten. «Das Risiko ist gering, dass meine Kinder es auch bekommen würden», sagt Karadza.

Trotz seiner unendlichen Leidensgeschichte blickt er zuversichtlich in die Zukunft.

Neuer Transferrekord

Beim FC Dietikon ist vor dem Saisonstart am Samstag in Mendrisio (16 Uhr, Comunale) vieles neu. Für Trainer Goran Ivelj und Sportchef Pietro Iellamo fiel während der kurzen Saisonpause eine Menge Arbeit an: 18 (!) Zuzüge stehen 10 Abgängen gegenüber. Das ist eine Konsequenz von Iveljs Bestreben, die Verhältnisse auf der Dornau zu professionalisieren. Neu trainieren die Limmattaler viermal wöchentlich – das wollten nicht alle mitmachen. Darüber hinaus hatte Ivelj Mühe mit der aus seiner Sicht laschen Einstellung mancher Spieler gegen Ende der vergangenen Saison. Es gilt: Wer sein Feuer nicht teilt, hat keine Zukunft. Das grosse Reinemachen sorgt für eine der jüngsten Dietiker Equipen der letzten Jahre (Durchschnitt: 22 Jahre). Das ist eine Abkehr von der Erfahrungsgläubigkeit des FCD-Trainers. Allerdings ist es trügerisch, vom Alter auf die Routine zu schliessen: Aussenverteidiger Andrei Herlea beispielsweise ist erst 22 Jahre alt, bestritt aber schon 68 1.-Liga-Partien sowie deren fünf in der Challenge League (bei Aufsteiger Lugano). Er ist allerdings wie einige andere heute noch nicht spielberechtigt. Goran Ivelj hält grosse Stücke auf die «jungen Wilden». Weil die Mechanismen im umgebauten Team noch nicht greifen, bittet er sich Zeit aus. Vom Verein wird er die zweifelsohne erhalten, schliesslich geniesst Ivelj nach zwei Aufstiegen in den letzten vier Jahren Heldenstatus. Das Minimalziel ist infolge der Umstellungen erneut der Klassenverbleib. In der vergangenen Saison reichten 27 Zähler dafür aus. «Wir werden mehr Punkte holen», sagt Ivelj. Nebenschauplätze verträgt es auf dem Weg dahin kaum. Eine Gefahr dafür besteht im auslaufenden Vertrag des Trainers. Das sorgte schon einmal für Irritationen, als sich 2012/13 die Verhandlungen über die Verlängerung über Wochen hinzog. Sportchef Pietro Iellamo sagt: «Goran ist aus unserer Sicht in Dietikon zu Hause. Solange er will, kann er bleiben.» (bier) Prognose: Rang 8

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