Jahrheft 2019

Vom Cabaret Rotstift bis zur Wassershow: Ein Rückblick auf 50 Jahre Schlierefäscht

Die multimediale Wassershow ist derart beliebt, dass es auch dieses Jahr wieder eine gibt. Das Werk stammt von Urs Habegger.

Feste soll man feiern, wie sie fallen. In Schlieren fielen die zehn bisherigen Stadtfeste verteilt auf die letzten 50 Jahre. Das Jahrheft 2019, das ab Montag erhältlich ist, zeigt die Entwicklung des Schlierefäschts über die Jahrzehnte anekdotisch auf.

Bahnbrechendes ereignete sich im Sommer 1969. Ende Juli betrat Neil Armstrong als erster Mensch den Mond und sorgte bei Millionen Fernsehzuschauern, die der Live-Übertragung beiwohnten, für Erstaunen. «Bald rückte dieser Meilenstein der Menschheit – zumindest in Schlieren – wieder in den Hintergrund, weil das Fest nun immer deutlichere Konturen annahm», schreibt Charly Mettier im neusten Band des Schlieremer Jahrhefts. Unter dem Titel «Öises Schlierefäscht» wirft er im Namen der Kommission für Ortsgeschichte einen Blick zurück auf die vergangenen 50 Jahre des Stadtfestes. Ab Montag sind die 800 Kopien an verschiedenen Verkaufsstellen erhältlich.

Zwei Jubiläen sind wohl der Grund, weshalb das Stadtfest nun seine erste Jahrheft-Publikation erhält. Nebst dem, dass sich die erste Austragung heuer zum 50. Mal jährt, ist es auch insgesamt das zehnte Schlierefäscht. Das erste Fest von 1969 lässt sich aber kaum mit jenem vergleichen, für das am kommenden Freitag der Startschuss fällt. «Gesellschaftliche, kulturelle und technologische Entwicklungen sowie das gewaltige Wohlstandswachstum und die alles verändernde Digitalisierung haben sehr deutliche Spuren hinterlassen», schreibt Mettier in seinem Vorwort. «So wäre es heute kaum mehr vorstellbar, dass sämtliche Vereine Freiwilligenarbeit und Frondienst für ein Stadtprojekt leisten würden, wie dies vor 50 Jahren zugunsten des Altersheimes der Fall war.» Damals wurde während dreier Tage in einem Festzelt auf dem Areal des Schulhauses Hofacker gefeiert und dabei ein Umsatz von gut 260'000 Franken erzielt. Der Reingewinn von 175'000 Franken kam den Betagten des Altersheims Sandbühl zugute.

Cabaret Rotstift verzichtete auf seine Gage

Dass der Erlös einem wohltätigen Zweck zugutekam, sorgte nicht nur für viel Freiwilligen-Arbeit seitens der Vereine. Auch die Schlieremer Prominenz wollte mithelfen. Ganz ohne Gage trat das Cabaret Rotstift am Wochenende nach dem Schlierefäscht, das Programm sollte nicht überladen werden, im Salmensaal auf. Einzige Kompensation soll ein feines Nachtessen gewesen sein, wie es im Jahrheft heisst. Dies sollte aber längst nicht der letzte Einsatz sein, den die Cabaret-Mitglieder – allesamt waren Lehrer aus Schlieren – für das Fest leisten sollten. Anlässlich der zweiten Austragung 1976 schrieb Werner von Aesch das «Schlierefäscht-Lied». Dieses war ein durchschlagender Erfolg bis in die Politik. Denn an der letzten Sitzung vor dem Fest-Startschuss brachte Parlamentsmitglied und Tenor Karl Weiss die Politiker dazu, das Lied zu singen. «Selbstverständlich wurde am Fest selber immer wieder das Schlierefäscht-Lied angestimmt, das sich wie ein roter Faden durch das Wochenende zog», schreibt Mettier. Die Organisatoren unterschätzten mit den 1200 Sitzplätzen für Festbesucher den Publikumsaufmarsch. Daher entstanden zahlreiche inoffizielle Beizli, die nicht in die Statistik aufgenommen wurden. Doch auch ohne diese sei das Ergebnis eindrücklich: An den drei Festtagen wurden 13'000 Würste und 1200 Wurstweggen verkauft.

Pumpenvoll war das Festzelt anlässlich der ersten Austragung des Schlierefäschts im Jahr 1969.

Pumpenvoll war das Festzelt anlässlich der ersten Austragung des Schlierefäschts im Jahr 1969.

Drei Jahre später, 1979, hatte die Stadt wieder Grund zu feiern. Nebst dem 1151. Geburtstag Schlierens war auch die Einweihung des Stadthaus-Neubaus der Grund. Auf die Feier eines runden Geburtstags der Stadt sei nicht etwa aus einer nonkonformistischen Haltung heraus verzichtet worden, schreibt Mettier. Praktische Gründe wurden ins Feld geführt: Einerseits war das neue Stadthaus im Jubiläumsjahr noch nicht fertiggestellt und zudem sei das richtige Jubiläum wegen der hektischen Bau- und Planungszeit im Jahr davor ein wenig untergegangen. Der damalige Stadtpräsident Heiri Meier hielt in seiner Begrüssung fest, dass «man die Feste feiern soll, wie sie fallen, und nicht, wie sie der Kalender vorschreibt».

Das Schlierefäscht-Lied aus der Feder von Werner von Aesch.

Das Schlierefäscht-Lied aus der Feder von Werner von Aesch.

Dass es Grund zum Feiern gab, war zwar unbestritten, doch gingen die Meinungen über Details auseinander. Zu reden gab etwa, dass einige Vereine das während der Festwirtschaft erhaltene Trinkgeld an die Organisatoren ablieferten, während andere es für sich behielten. «Generell war die Aufteilung des Gewinns unter den Vereinen immer ein Zankapfel. Während die einen Vereine fair abrechneten, pflegten andere eher eine kreative Buchhaltung, um das Ergebnis zu verbessern», schreibt Mettier.

Man beschreitet neue Wege im Bereich Kulinarik

Beim nächsten Fest 1986 wurde kein Gebäude, sondern die Natur gefeiert. Genauer gesagt der Schlieremer Stadtpark, für den die Stimmberechtigten 1980 einen 5,5-Millionen-Kredit gesprochen hatten. Manch andere Gemeinde würde Schlieren um den schönen Park beneiden, sagte der damalige Stadtpräsident Meier anlässlich der Feier. Erstmals wurden mehrere Festzelte für die Durchführung des Schlierefäschts aufgestellt, was bei den Besuchern gut ankam.

Die Kinder-Trachtengruppe sorgte beim Fest im Jahr 1986 für Unterhaltung.

Die Kinder-Trachtengruppe sorgte beim Fest im Jahr 1986 für Unterhaltung.

Was aus heutiger Sicht angesichts der zahlreichen Festivals zum Thema Essen lustig wirken kann, war damals beinahe revolutionär. «Es ist wohl dem wachsenden Wohlstand zuzuschreiben, dass einige Vereinswirtschaften kulinarisch neue Wege gingen», schreibt Mettier. Was dabei herauskam: Der Curling Club bot im Stürmeierhuus Lachs und Champagner an. Sie wurden von Gästen fast überrannt, und manch anderer Festwirt war wohl etwas neidisch.

Gerüchte, wonach einige städtische Vereine das Schlierefäscht 1992 boykottieren würden, machten im Vorfeld zum Anlass die Runde. Grund für die Spannungen war das Nein des Stimmvolkes zur Mehrzweckhalle am Zelgliweg, für welche die Vereine weibelten. Es sollten jedoch Gerüchte bleiben und die Stadt feierte unter dem Motto «Schlieren beschwingt». Zwar erfreute sich das Fest grosser Beliebtheit bei den Besuchern, doch gab es Negativschlagzeilen aus finanzieller Sicht. Neben teurer Infrastruktur und teilweise schlechtem Wetter blieben am Schluss nur noch 26'000 Franken, die auf die Vereine verteilt werden konnten. Im Nachzug der Austragung von 1986 waren es noch gut 62'000 Franken. Hinzu kam ein teures Missgeschick, wie es Mettier in seiner Aufzeichnung nennt. Eine Geldkassette mit 20'000 Franken soll bei der Bank bei den leeren Kassetten platziert worden sein. Trotz intensiver Suche blieb das Geld spurlos verschwunden. «Ganz offensichtlich war das kein ehrlicher Finder, der diese Überraschung beim Öffnen der vermeintlich leeren Geldkassette erlebte. Das Ergebnis wurde durch dieses Malheur nochmals deutlich geschmälert und sorgte im OK natürlich für grossen Frust.»

Wenn Western-Dancers die Trachtengruppe zum Tanz bittet

Schnörkellos ging es 1997 weiter. In seinem Grusswort in der Festzeitung machte der OK-Präsident Peter Suter unumwunden klar, dass die Stadt wirtschaftlich bessere Zeiten gesehen hatte. Hohe Arbeitslosigkeit und wenig Geld in der Stadtkasse führten dazu, dass man auch beim Schlierefäscht den Gürtel enger schnallte. «Wir haben kein Geld für ein Feuerwerk oder teure Stars verpulvert», betonte Suter. So wurden andere Höhepunkte geschaffen. Der Country and Western Dance Club «No Limits» führte die offizielle Schweizer Meisterschaft im Country and Western Dance durch. «Vielen damals Anwesenden dürfte in Erinnerung geblieben sein, dass die Mitglieder der Trachtengruppe von den Western-Dancers zum Tanz aufgefordert wurden, was diese gerne annahmen. Im Gegenzug hatten daraufhin aber die Countrygirls und -boys zu den bodenständigen Melodien des Handörgelers zu tanzen. Für Mitwirkende wie Zuschauer ein grosser Spass», so Mettier.

Auch das Basler Dybli besuchte das Schlierefäscht

Einer Seniorin dürfte das darauffolgende Stadtfest von 2005 in guter Erinnerung geblieben sein. Sie besuchte mit einer Briefmarke, die ihr als Konfirmationsgeschenk von ihrem Paten gegeben worden war, im Gepäck den Stand der Philatelisten, wo man seine Briefmarken schätzen lassen konnte. Die Sammler schauten nicht schlecht, als sie auf dem vergilbten Umschlag, den die Frau in den Händen hielt, ein Basler Dybli entdeckten. Kostete die Marke bei Verkaufsstart 1845 noch zwei Rappen, wird der heutige Wert auf rund 20'000 Franken geschätzt, wie Mettier festhält. Die Empfehlung des Standleiters Peter Holthausen war demnach sehr deutlich: «Stecken Sie das Couvert sofort wieder ein, klemmen Sie die Tasche unter dem Arm fest, rennen Sie nach Hause und verstecken Sie das wertvolle Geschenk oder noch besser: Mieten Sie ein Bankschliessfach!»

Quasi eine Neugeburt erlebte das Fest 2011. Unter dem OK-Präsidenten Rolf Wild sollte das Schlierefäscht erstmals zehn Tage dauern. Dabei sollte nicht das Programm der vorherigen Feste ausgedehnt, sondern das Angebot erweitert werden. Als Gesicht des neuen Festes verpflichtete das OK Clown Mugg, der mit seinem Team als Fest-Botschafter eingesetzt wurde. Dieser Entscheid sei goldrichtig gewesen, schreibt Mettier: «Die Muggs waren am Fest omnipräsent, studierten mit Schulkindern Zirkusvorstellungen ein, waren als Moderatoren und Spassmacher mit ihrer mobilen Clownbühne unterwegs, und sehr schnell kannte und schätzte wirklich jeder Festbesucher die stets gut gelaunten Clowns aus dem Glarnerland.»

Weitere Höhepunkte waren die mit Schlieremer Laiendarstellern besetzte Aufführung der «Kleinen Niederdorfoper» – sämtliche Aufführungen im Stürmeierhuus waren ausverkauft – und das von Martin von Aesch orchestrierte Comeback der Schlieremer Chind.

Jahrgangstreffen wurden bereits 1979 durchgeführt

Über 1200 Anmeldungen gingen bei den Organisatoren des Jahrgangstreffens ein, das im Rahmen des Schlierefäschts 2015 durchgeführt wurde. Ein Grosserfolg. Zweifelsohne war die am häufigsten gestellte Frage: «Weisch no?» Ursprünglich hatte das OK die Idee für den Anlass vom Urdorffäscht 2014 abgekupfert. Später habe man jedoch realisiert, dass der ehemalige OK-Präsident Philipp Locher bereits 1979 solche Klassentreffen durchführte, es sich also um eine alte Idee handelte. Eine richtige Neuheit am damaligen Fest, die heuer erneut durchgeführt wird, ist die multimediale Wassershow von Urs Habegger. Während 10 Tagen wurde sie auf dem Stadtplatz gezeigt. Die Fontänen im rund 400 Quadratmeter grossen Becken sprangen bis zu 50 Meter in die Höhe und wurden mit Musik, Licht, Feuer und Nebel angereichert.

Die Schlierefäscht-Präsidenten (1969-2019) 

Es wäre wohl kein echter Rückblick, kämen nicht die bisherigen OK-Präsidenten zu Wort. Neben Peter Schnüriger, der das Fest 1979 organisierte, sind dies Kari Wälti (1986), Philipp Locher (1992), Peter Suter (1997 und 2005) sowie Rolf Wild (2011, 2015 und 2019). Sie alle verweisen im Gespräch mit Mettier darauf, dass es sich beim Stadtfest um einen wichtigen Begegnungsort handle. So seien sie ein positives Zeichen einer lebendigen Stadt, wie Schnüriger es nennt. Zudem würde so die Identifikation mit Schlieren als Wohnort gefördert, sind Locher und Wälti überzeugt. Otto Scherer, der die Feste von 1969 und 1976 orchestrierte, ist zwischenzeitlich verstorben.

Das Schreiben der rund 70-seitigen Publikation ist für den Autor etwas Spezielles gewesen: «Ich bin nach 1997, 2011 und 2015 beim 2019er-Fest zum vierten Mal im Organisationskomitee. Deshalb war es mir eine besondere Freude, dieses Jahrheft verfassen zu dürfen», sagt Charly Mettier.

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