Urdorf

Vom Limmattal nach Nepal: Bald wandert sie aus

Jeanine Eberle eröffnet mit ihrem Freund eine Schule sowie ein Heim für sozial benachteiligte Kinder. Sie schaut ihrer Auswanderung mit gemischten Gefühlen entgegen.

Die Urdorferin Jeanine Eberle will im Lauf des Oktobers auswandern. Die 26-jährige Primarlehrerin wird gemeinsam mit ihrem nepalesischen Freund und Sekundarlehrer Amit Bidhyarthi in dessen Heimat eine neue Schule eröffnen. Zudem wollen beide ein dazugehöriges Kinderheim aufbauen. Noch ist aufgrund der Coronakrise jedoch unklar, ob Eberle bereits jetzt nach Nepal reisen kann. Momentan werden nämlich nur Nepalesen, Diplomaten und Touristen mit wichtigen Aufgaben ins Land gelassen. In Nepal herrscht bereits der zweite Lockdown. Zahlreiche Schulen wurden inzwischen aus Geldmangel ganz geschlossen und die Kinder erhielten keinen Onlineunterricht als Ersatz. Nun bestehe die Hoffnung, dass die Schulen bald wieder aufgehen und die Eltern wieder anfangen, ihre Kinder einzuschreiben, sagt Eberle.

«Wir rechnen mit etwa 50 Anmeldungen, wenn die Schulen in Nepal wieder öffnen dürfen», sagt sie. Der Plan sei dann, langsam aufzustocken, bis die maximalen 200 Plätze alle belegt seien. Die Schule namens Junkiri Planet, was auf Nepali soviel wie «Glühwürmchenplanet» bedeutet, liegt in Tilottama nahe der Stadt Butwal.

Auch in Yoga werden die Kinder unterrichtet

Zehn Lehrpersonen, die Bidhyarthi und Eberle bereits für das Projekt gewinnen konnten, werden gemeinsam mit ihnen unterrichten. Dabei stehen nicht nur die üblichen nepalesischen Schul­fächer Englisch, Nepali, Naturwissenschaften, Computer Science, Social Studies und Mathematik auf dem Stundenplan. Auch in Kunst, Sport, Werken, Landwirtschaft und Yoga werden die Schüler unterrichtet. Gelehrt wird je nach Sprach­fähigkeiten auf Nepali oder ­Englisch.

Eberle hat sich die Landessprache Nepals selber ein bisschen mit einem Buch beigebracht. «Zur Integration ist es aber wichtig, dass ich mein Nepali bald festige», sagt sie. Die «Junkiri Planet»-Schule bietet Unterricht vom Kindergarten bis zur 10. Klasse. Dann sollen die Abgänger gut auf die letzten beiden Schuljahre in Nepal vorbereitet sein, um in Zukunft auch die Möglichkeit auf ein Studium zu erhalten.

Eberle und Bidhyarthi wollen auch Strassenkindern und sozial benachteiligten Kindern eine Chance geben, die teils jahrelang keine Schule besucht haben. Hier kommt das geplante Kinderheim «Sano Prakash», zu Deutsch kleines Licht, ins Spiel. Auf dem obersten Stock des Schulgebäudes sollen die Kinder kostenlos wohnen und vor Ort eine Schulbildung erhalten.

Alle anderen Schüler müssen ein Schulgeld von umgerechnet 10 bis 25 Franken im Monat bezahlen. Damit soll das Heim querfinanziert werden. «Unser Plan ist, dass nächstes Jahr, wenn sich die Schule etwas etabliert hat, die ersten etwa vier oder fünf Strassenkinder einziehen», sagt Eberle. Die Anzahl aufgenommener Strassenkinder soll stetig erhöht werden.

In Finnland hat alles angefangen

Sano Prakash heisst auch die Hilfsorganisation, die das Paar 2015 gründete. Seit 2017 besteht sie auch als offizieller Verein in der Schweiz unter Eberles Leitung. In Nepal ist Bidhyarthi verantwortlich. Dank in der Schweiz gesammeltem Geld konnte die Non-Profit-Organisation vor Ort immer wieder Projekte mit Schülern durchführen. Auch die Schule wird teilweise durch Spenden aus der Schweiz finanziert.

Kennengelernt haben sich Eberle und Bidhyarthi vor fünf Jahren in Finnland. «Ich habe dort ein Austauschsemester verbracht und er hat sieben Jahre lang dort studiert», sagt sie. Schon früh habe sie gewusst, dass sie einmal ein Hilfsprojekt umsetzen möchte. Durch ihn sei sie auf Nepal gekommen. «Nepal ist ein schönes Land, aber es hat auch mit viel Armut zu kämpfen. Hilfsprojekte wie das unsrige hat das Land nötig.»

Die Schule haben Eberle und Bidhyarthi zusammen mit einer Lizenz zum Unterrichten gekauft. «Seit einigen Jahren bekommt man in Nepal keine neue Unterrichtslizenz mehr und kann daher keine Schule eröffnen», sagt sie. «Das Schulwesen dort ist ein Business. Privatschulen können sich nur wohlhabende Nepalesen leisten, öffentliche Schulen sind qualitativ schlecht.» Glücklicherweise habe Bidhyarthi in Nepal über seine Mutter, die in der Politik aktiv sei, gute Beziehungen. «Ansonsten ist es vor allem als Ausländerin nicht einfach, etwas zu erreichen», sagt sie.

Teilweise fragt sich Eberle, was sie da eigentlich macht

«An die Unpünktlichkeit der Nepalesen werde ich mich gewöhnen müssen», sagt Eberle und lacht. Sie werde lernen müssen, geduldiger zu sein und sich nicht über Unzuverlässigkeit aufzuregen. «Teilweise freue ich mich unglaublich auf das Auswandern und kann es kaum erwarten, manchmal frage ich mich aber auch, was ich da eigentlich mache», sagt die Urdorferin. «Ich lasse nun einfach alles auf mich zukommen und lege meinen Fokus auf unsere zukünftigen Schulkinder.»

Die 26-jährige Eberle, die im Sommer ihren ersten Klassenzug an der Schlieremer Schule Reitmen verabschiedet hat, liebt ihre Arbeit als Lehrerin. Daher werde sie vielleicht in ein paar Jahren manchmal für Vikariate in die Schweiz zurückkehren, sagt sie. «Wenn alles gut läuft, ist aber der Plan, viele Jahre in Nepal zu bleiben. Einen Zeitplan habe ich allerdings nicht.»

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