Dietikon

Während Limmattalbahn-Baustelle: Die Gewerbler sollen in Container ziehen

Platz für Container: Philipp Müller (FDP) sieht den Kirchplatz als möglichen Pop-up-Store-Standort.

Platz für Container: Philipp Müller (FDP) sieht den Kirchplatz als möglichen Pop-up-Store-Standort.

Philipp Müller (FDP) will dem Dietiker Gewerbe während der Limmattalbahn-Baustelle Hand bieten. Nun zieht auch die Stadt mit.

Baulärm, Zufahrtsbehinderungen, Vollsperrungen, Staubemissionen und Stau: Das erwartet Dietiker Gewerbetreibende und ihre Kunden an der künftigen Limmattalbahnstrecke zwischen 2019 und 2022. Dann soll die zweite Bauetappe von Schlieren bis Killwangen erstellt werden — vorausgesetzt, dass die Volksinitiative dagegen abgelehnt wird.

Dass die Bauzeit die Gewerbler auf die Probe stellen wird, ist sich auch der Dietiker Stadtrat bewusst. Deshalb will er ihnen nun Hand bieten. «Die Stadt ist bereit, Massnahmen zu ergreifen und Unterstützung zu bieten, die einer Mehrheit der Gewerbebetreibenden während der Bauphase der Limmattalbahn zugutekommen», schreibt er in seiner Antwort auf die Interpellation von Philipp Müller (FDP), der bisher im Gemeinderat war und am 4. März in den Stadtrat gewählt wurde.

Müller forderte, dass die Stadt dem Gewerbe während der Bauzeit unter die Arme greift. Müller befürchtet nämlich, dass sich diese negativ auf die Geschäfte auswirkt. «Vor allem Unternehmende, welche auf Publikumsverkehr angewiesen sind, werden während der Bauzeit wohl Umsatzeinbussen erleiden», schrieb Müller in der Interpellation.

Er lieferte auch gleich ein paar Ideen, wie dem Gewerbe geholfen werden könnte, so etwa mit Öffnungszeiten am Abend und an Wochenenden ausserhalb der Bauzeiten und mit temporären Ersatzstandorten für Verkaufsgeschäfte, sogenannte Pop-up-Stores. Der FDP-Politiker sieht auf dem Rapid-, dem Kirch- und Zelgliplatz am meisten Potenzial für mögliche Pop-up-Store-Standorte. «Dort könnten Container hingestellt werden.» Wie lange das möglich sei und wie die Strom- und Wasserversorgung bewerkstelligt werden könne, müsse die Stadt entscheiden.

Frage nach Ressourcen

Müllers Vorschläge scheinen beim Stadtrat Anklang zu finden. Er sieht beide Ideen als mögliche Massnahmen, die die Stadt unterstützen könnte. Und trotzdem fragt er sich, ob sie tatsächlich machbar sind. «Die Gewerbetreibenden müssen in der Lage sein, die notwendigen Ressourcen dafür aufzubringen.» Massnahmen, die für alle Geschäfte allgemeine Gültigkeit haben, will der Stadtrat nicht formulieren, weil das Gewerbe in Dietikon sehr unterschiedliche Bedürfnisse in Bezug auf Erreichbarkeit und saisonal bedingte Verkaufsschwerpunkte habe.

Konkret wollen sich die Standortförderung Dietikon und die Limmattalbahn AG mit Konsumenten und Vertretern des Gewerbes treffen und vor Ort beurteilen, welche Massnahmen infrage kommen. Am nächsten Gewerbler-Zmorge will der Stadtrat diese den betroffenen rund 200 Gewerbetreibenden vorstellen. «Dann wird geprüft, ob die evaluierten Massnahmen vom Gewerbe und deren Kunden gewünscht und genutzt würden», so der Stadtrat. Das Datum für den Anlass ist laut Michael Seiler, Leiter der Standortförderung, noch nicht fix.

In der Stadtratsantwort war auch Thema, dass man bei der Bauetappe in Dietikon auf Intensivbaustellen setze. «Um Einschränkungen so gering wie möglich zu halten, besteht die Strategie darin, mit maximaler Kapazität zu bauen und einzelne Baustellen so kurz wie möglich zu betreiben.» Das bedeute, dass vereinzelt eine kurze Vollsperrung einer Strassenverbindung einer deutlich längeren Bauphase ohne Vollsperrung vorgezogen werde. Müller kann das nachvollziehen. Für einige Gewerbebetriebe sei es wohl die beste Lösung, aber sicher nicht für alle.

Von den Erfahrungen in Schlieren lernen

Dass seine Forderungen beim Stadtrat auf Gehör stossen, freut Müller. «Ich finde es positiv, dass sich der Stadtrat bewusst ist, dass die Problematik für das Gewerbe besteht und er sich mit den Betroffenen unterhält und die Bedürfnisse abholen möchte.» Er hoffe, dass so dem Gewerbe geholfen werden könne und es die bestmöglichen Rahmenbedingungen erhalte. Denn: «Wenn man durch Schlieren fährt und das Ausmass der Baustelle vor Augen hat, wird einem klar, was uns auch in Dietikon blüht.» Er fände es gut, wenn man von den Erfahrungen in Schlieren lernen könnte. «Wenn bei uns die Bagger vorfahren, ist die Baustelle bei ihnen zu Ende. Es wäre sicher gut, sich auszutauschen und zu schauen, wie man dort mit der Baustelle umgegangen ist.

Ein Schlieremer, der sich stark mit dem Thema Limmattalbahn-Baustelle auseinandergesetzt hat, ist Philipp Locher. Der Drogist und Präsident der Detaillistenvereinigung Pro Schlieren schloss im Januar seine Filiale in Schlieren. Ein Grund dafür war nicht nur, dass er kurz vor der Pension stand, sondern auch die Baustelle der Limmattalbahn. «Meine solventesten Kunden in Schlieren fuhren mit dem Auto zu uns. Wir wären teilweise nur noch von der Engstringerbrücke erreichbar gewesen. In einer Bauphase im Sommer 2018 wären die Bahnhofstrasse und die Engstringerbrücke gleichzeitig gesperrt gewesen. Unsere Kunden hätten uns nur noch mit dem Helikopter erreichen können», sagt Locher.

Die Baustelle sei für das Schlieremer Gewerbe einschneidend. «Einige Betriebe haben ganz besonders Mühe damit.» Vor allem die Läden, die nicht ganz auf etwas spezialisiert seien, hätten das Nachsehen. «Die Leute sind bequem. Am liebsten wollen sie ins Geschäft reinfahren. Wenn es ersetzbare Produkte sind, die es auch woanders zu kaufen gibt, gehen sie dorthin oder bestellen online.»

«Stadt ist machtlos»

Wie die Stadt Schlieren mit der Baustellensituation umgegangen ist, hält Locher für vorbildlich. «Man hat sich extrem Mühe gegeben, uns Detaillisten zu unterstützen.» So habe die Stadt mit Aktivitäten und Anlässen, wie etwa einem Wochenendmarkt an der Bahnhofstrasse, den Gewerbetreibenden die Möglichkeit gegeben ihre Produkte zu präsentieren. Und trotzdem: «Die Baustelle stört nach wie vor. Die Bahn muss gebaut werden. Dagegen ist die Stadt machtlos», sagt Locher.

Er hält die Massnahme, Pop-up-Stores aufzustellen, für keine gute Lösung. «Nur für wenige mag diese Variante aufgehen. So vielleicht für einen Kleiderladen. Für eine Drogerie oder einen Imbissstand ist es nicht praktikabel.» Ein Gastrobetrieb bräuchte Platz für Kühlgeräte, eine Drogerie müsse die Medikamente gesetzeskonform lagern können. In einem Container sei der Raum begrenzt. Und auch verlängerte Öffnungszeiten sieht der Unternehmer kritisch. «Das nützt nichts. Längere Öffnungszeiten bedeuten mehr Personal. Mehr Personal heisst mehr Ausgaben.» Wenn man humane Löhne zahlen wolle, sei das nicht möglich.

Locher empfiehlt: «Die Stadt Dietikon soll die Zentrumsvereinigung finanziell stärken, damit diese noch aktiver Einfluss auf den örtlichen Detailhandel nehmen kann.» Sie habe gute Ideen. Standortförderung bedeute eben nicht nur, neue Firmen anzusiedeln, sondern Bestehendes zu pflegen und auszubauen.

Für Müller ist das Thema nicht erledigt: «Ich werde mich auch im Stadtrat für die Anliegen des Gewerbes einsetzen und hoffe, dass wir geeignete Massnahmen finden.»

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