Es ist ein ungewohntes Bild. In der überschaubaren Küche des alten Schulhauses in Schlieren brutzelt ein uniformierter Polizist in aller Seelenruhe Pouletschenkel um Pouletschenkel, rührt zur Abwechslung in der köchelnden Sauce und schneidet Ananasrondellen zu Vierteln. Dabei handelt es sich nicht um irgendeinen Polizisten, sondern um Martin Litscher, den ranghöchsten Gesetzeshüter des Limmattals. «Kochen liegt meiner Familie im Blut. Mein Bruder betreibt gar ein eigenes Catering, daher bin ich mit Abläufen in Grossküchen vertraut», sagt er. Im Rahmen des Projekts «Cook with a Cop» bekochte der Chef der Regionalabteilung Limmattal und Albis der Kantonspolizei am Donnerstagabend rund 20 Migrantinnen und Migranten. Als Rahmenprogramm hielt Claudia Brandenberg vom Vernetzungsprogramm Brückenbauer der Zürcher Kantonspolizei einen Vortrag über häusliche Gewalt. Sie sei froh gewesen, dass der Anlass «Cook with a Cop» und nicht «Cook a Cop» heisst, sagte sie und hatte die Lacher des Publikums auf sicher.

Litscher ist mit einer Kamerunerin verheiratet und hat daher einen guten Draht zur schwarzen Community in der Schweiz, wie er sagt. Entstanden ist die Idee zu dieser Aktion aber in Schlieren. Anlässlich der Einweihung des neuen Polizeipostens lernte er Apiyo Brändle-Amolo kennen. Was er nicht wusste: Die Schlieremer Gemeinderätin und Präsidentin der SP Migranten und Migrantinnen Kanton Zürich arbeitet bereits seit Jahren mit regionalen Stadtpolizeien und der Kantonspolizei Zürich in Projekten zur Bekämpfung von Racial Profiling zusammen. «Im Scherz fragte sie mich, ob ich nicht für eine Gruppe Migrantinnen kochen möchte. Aus diesem Witz wurde schnell Ernst», sagt Litscher.

Es gibt keine inoffizielle Polizei

Dies ist bereits der zweite Anlass, den Brändle-Amolo und Litscher organisieren. Vor einigen Wochen veranstalteten sie einen Themenabend zu «Racial Profiling», an dem vorwiegend junge Männer teilnahmen. Eingeladen sind Migrantinnen und Migranten, ungeachtet dessen, ob sie über einen Schweizer Pass verfügen, Asylsuchende oder Sans-Papiers sind. Zahlreiche Teilnehmer erfuhren durch die Gruppe «Black Excellence» (siehe Text rechts) vom Anlass.

In Anlehnung an den Frauenstreik vom vergangenen Freitag trugen zahlreiche Besucherinnen die Farbe Lila. Darunter auch Carol Kurt, die eigens aus Pfungen bei Winterthur angereist war, um an der Aktion teilzunehmen. Sie hält es für wichtig, dass sich Einwanderer mit der Schweizer Polizei auseinandersetzen. «Wo ich herkomme, ist die Polizei nicht immer dein Freund und Helfer, sondern oftmals sehr streng, unfair oder gar korrupt. Dass man der Schweizer Polizei vertrauen kann, müssen viele Einwanderer erst lernen», sagt sie. Sie selber ist mit einem Polizisten verheiratet. Als afrikanische Freundinnen und Freunde vom Beruf ihres Mannes erfuhren, seien die Reaktionen teils sehr verhalten ausgefallen, sagt sie.

«Schwarzen wird weniger geglaubt»

Dies kann auch Brandenberg bestätigen. «Besonders bei Polizisten in Zivil haben viele Einwanderer das Gefühl, es handle sich um eine inoffizielle, obskure Polizei.» Im Rahmen ihrer Arbeit als Brückenbauerin könne sie die Menschen stets beruhigen, da es so etwas in der Schweiz nicht gebe. Sie und ihre Kollegen von der interkulturellen Fachstelle der Kantonspolizei halten zahlreiche Referate vor unterschiedlichen Migrationsgruppen, um die Arbeit der Polizei bekanntzumachen. «Weiss man, wie das System funktioniert, fällt die Eingliederung viel leichter», sagte Litscher, der dem Referat beiwohnte.

Zahlreiche der anwesenden Frauen ergriffen die Gelegenheit, ihre Schicksale oder jene von Bekannten mit den Polizisten zu teilen. Es wurde teils sehr emotional. Eine Dame erzählte von häuslicher Gewalt gegen einen männlichen Bekannten, der mit einer Schweizer Frau verheiratet ist und von dieser geschlagen wurde. «Als er Anzeige erstatten wollte, wurde er von den Beamten nicht ernst genommen, obwohl er zahlreiche Beweisvideos von Gewalt gegen sich hatte.»

Eine andere erzählte unter Tränen von einem tätlichen Angriff, in dessen Nachzug sich die herbeigerufene Polizei auf die Seite des Angreifers gestellt habe. «Schwarzen wird oftmals weniger geglaubt», sagte sie. «Für uns, die nicht anwesend waren, ist es schwierig, diese Fälle zu beurteilen», sagte Brandenberg und schaute zu Litscher, der nickte. «Denken Sie aber immer daran, dass jeder Polizist einen Vorgesetzten hat», erklärte Litscher, der selber Chef von rund 200 Polizisten ist. «Wir Vorgesetzten wollen es wissen, wenn ein Bürger nicht ernst genommen oder ungerecht behandelt wird.»

Da das Thema des Abends für derart emotionale Voten sorgte, die nicht unterbrochen werden sollten, wurde das Essen erst nach 22 Uhr serviert. Neben einem Mango-Avocado- und Papaya-Salat zur Vorspeise gab es als Hauptgang ein Gericht, das zwar vom afrikanischen Kontinent inspiriert war, aber dennoch «eingeschweizert» wurde, wie es Litscher formulierte. Die Pouletschenkel aus dem Ofen mit Ananas und Ingwer schmeckten den Anwesenden vorzüglich, wie etwa Lina Ngesu bestätigte. Die Schlieremerin hält es für eine grossartige Geste des Polizeichefs, die sicher zu einem besseren Miteinander beitrage.

Dass «Cook with a Cop» nicht nur positiv aufgenommen wurde, zeigte sich gleich anschliessend auf den sozialen Medien. Nachdem Brändle-Amolo einige Fotos vom Abend mit Frauenstreik-Flaggen auf Twitter veröffentlichte, gab es Kritik von einer Nutzerin. Sie fragte, warum denn solche Aktionen nicht gemeinsam mit Schweizerinnen abgehalten werden können. Brändle-Amolo antwortete kurz und bündig: «Wir sind Schweizerinnen und jeder und jede durfte kommen.»