Diskriminierung

Wenn Schorsch Gaggo das «Negermeitli Susu» besucht: So gehen Limmattaler Bibliotheken mit rassistischen Inhalten um

Nicht alle Kinderbücher sind so harmlos wie «Die Wundertonne»: Wie die Bibliotheken in der Region mit älteren Werken und veralteter Sprache umgehen.

Nicht alle Kinderbücher sind so harmlos wie «Die Wundertonne»: Wie die Bibliotheken in der Region mit älteren Werken und veralteter Sprache umgehen.

Nicht selten stolpern Eltern beim Vorlesen älterer Kinderklassiker auf heute nicht mehr gebräuchliche Wörter, darunter das N-Wort. Viele Bibliotheken der Region sehen solche Werke als wichtige Zeitzeugnisse an.

Auf den Tod des Afroamerikaners George Floyd durch Polizisten im Mai dieses Jahres reagierten Menschen in verschiedenen Ländern mit Protesten. Unter dem Namen «Black Lives Matter» kämpfen sie gegen Rassismus und Polizeigewalt. Die Demonstrationen haben eine Diskussion über das Thema Rassismus ausgelöst, auch in der Schweiz. Dass man gewisse Wörter nicht mehr verwendet, die heute als rassistisch gelten, war bereits vorher gesellschaftlicher Konsens. Eine Frage, die sich in diesem Zusammenhang jedoch stellt, ist: Wie geht man damit um, wenn beim Vorlesen der Gute-Nacht-Geschichte des Kindes plötzlich diskriminierende Wörter auftauchen? Wie reagiert man, wenn bei «Pippi Langstrumpf» vom «Negerkönig» die Rede ist oder Chasperli mit Schorsch Gaggo nach Afrika reist, um das «Negermeitli Susu» zu besuchen?

Wie eine Umfrage ergeben hat, sind sich viele Limmattaler Gemeindebibliotheken einig: Ältere Kinderbuchklassiker mit Inhalten, die heute als diskriminierend betrachtet werden, bleiben im Bestand. So handhaben es die Bibliotheken in Dietikon, Schlieren, Oberengstringen, Uitikon, Geroldswil und Unterengstringen. Die Auseinandersetzung mit den Inhalten gemeinsam mit den Kindern sei sinnvoller als das Herausnehmen der betroffenen Bücher aus dem Bibliotheksbestand, lautet der Kanon. Auch Erich Kästners Bücher, «Jim Knopf» oder «Tim und Struppi» sind Beispiele für Geschichten mit heute nicht mehr zeitgemässen Ausdrücken oder Inhalten. «Eine Verbannung solcher Kinderbücher aus dem Sortiment könnte man als Zensur bezeichnen», sagt Monique Roth, Leiterin der Bibliothek Schlieren.

«Die Bücher in einer Bibliothek dienen auch der Meinungsbildung, so muss es Platz für kontrovers diskutierte Themen haben», sagt Roth. Zudem seien die besagten Bücher nicht nur wichtige Zeitzeugnisse, sondern auch nach wie vor bei den Lesern sehr beliebt. Dies bestätigt ebenso Agnes Matt, Leiterin der Stadt- und Regionalbibliothek Dietikon: «Unsere Kunden würden es nicht verstehen, wenn wir diese Bücher, die ja teilweise Klassiker sind, einfach aus dem Bestand nehmen würden. Sie sind teilweise mit den Büchern aufgewachsen, weshalb sie oft exakt diese ihren Kindern vorlesen wollen.»

Auch Zeichnungen können problematisch sein

«Fast alle unserer älteren Kinderklassiker sind mangels Aktualität und Platz im Archiv und werden auf Anfrage hervorgeholt», sagt hingegen Karin Baeriswyl, Leiterin der Bibliothek Unterengstringen. Aufgrund der veralteten Sprache und Inhalte komme es selten vor, dass Kinder die alten Klassiker zur Hand nehmen, sagt sie. «Wir erachten unser Publikum auf jeden Fall als eigenständige Leserinnen und Leser, die selber entscheiden sollen, welche Bücher sie lesen möchten und welche nicht.»

Nicht nur heute als diskriminierend geltende Wörter können zum Problem werden, auch Zeichnungen oder sprachliche Darstellungen bestimmter ethnischer Gruppen. So steht zum Beispiel der Comicband «Tim im Kongo» des belgischen Tim und Struppi-Zeichners Hergé aufgrund seines sehr primitiven Bilds der Kongolesen immer wieder in der Kritik. «Wir finden es nicht gut, wie die Einheimischen in ‹Tim im Kongo› dargestellt werden», sagt Marianna Portaluri, Leiterin der Bibliothek Geroldswil. «Wünschenswert wäre aus unserer Sicht eine zeitgemässe Aufarbeitung oder Neuauflage der betroffenen Bücher oder ein Vorwort, welches dem Geschriebenen einen Kontext gibt.» Für Karin Baeriswyl ist wichtiger, dass die Geschichten dem Geist der Entstehungszeit entsprechen: «Ich fände es nicht in Ordnung, wenn man Anpassungen vornehmen würde. Man stelle sich vor, die Märchen von Grimm und Andersen würden umgeschrieben.»

Verlage sind auf Rassismus sensibilisiert

«Wir gehen davon aus, dass Vermittlungspersonen die Problematik mit den Kindern besprechen», heisst es bei der Bibliothek Oberengstringen auf Anfrage. Man setze auf Eigenverantwortung und sei der Ansicht, dass es nicht die Aufgabe einer Bibliothek sei, zu zensieren. Ein anderes Thema seien aber neue Bücher mit diskriminierenden Inhalten: «Wenn uns ein neues Buch diesbezüglich auffällt, nehmen wir es gar nicht in den Bestand auf», heisst es. «Solche Bücher wird es aber hoffentlich immer weniger geben.»

Häufig seien beim Einkauf von Medien rassistische Inhalte nicht auf den ersten Blick ersichtlich, sagt Ursula Eigenmann, Leiterin der Bibliothek Uitikon. «Jedoch sind die Verlage seit Langem auf diese Themen sensibilisiert und publizieren nur noch angemessene Inhalte. Wir richten uns nach der Nachfrage der Kundschaft und nach dem Angebot im Handel», sagt sie. Zudem gebe es Verlage, die bei ihren Büchern speziell auf eine möglichst breite Repräsentation verschiedenster Personengruppen achten, sagt Agnes Matt von der Stadt- und Regionalbibliothek Dietikon. Auch die Schlieremer Bibliothek greife auf Verlage zurück, die in Hinblick auf Interkulturalität und Vielfalt ein sehr differenziertes Programm haben, sagt Monique Roth.

Der Markt passe sich den aktuellen Themenwelten an, sagt die Unterengstringer Bibliotheksleiterin Karin Baeriswyl. «Nach den idyllischen Familiengeschichten wie etwa ‹Wir Kinder aus Bullerbü› von Astrid Lindgren gab es viele Bücher, in denen die Eltern der Buchheldinnen und -helden zum Beispiel geschieden waren, weil die Gesellschaft bereit dazu war, dieses Thema nicht mehr zu tabuisieren.» Später seien gleichgeschlechtliche Eltern und Patchwork-Familien ins Geschehen gekommen, sagt sie. «Auch Flüchtlingskinder und Kinder aus anderen allenfalls benachteiligten Gruppen finden immer wieder präsente Rollen in Kinderromanen.»

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