Zürich

Zehn Jahre Europaallee: Der neue Stadtteil sucht seine Identität und überteuerte Angebote verschwinden

Zürichs neuer Stadtteil beim Hauptbahnhof ist fast fertig. Die Europaallee soll nächstes Jahr zu Ende gebaut sein. Der neue Stadtteil schwangt jedoch noch irgendwie zwischen Luxusmeile, Trendquartier, Jugendlichkeit und Alterssiedlung.

Zehn Jahre nach dem Spatenstich ist die Europaallee, Zürichs neuer Stadtteil beim Hauptbahnhof, fast fertig. Nächstes Jahr soll sie zu Ende gebaut sein. Doch trotz aller Bemühungen der Bauherrin SBB, die hier rund 1,4 Milliarden Franken investierte, hat der neue Stadtteil seine Identität noch nicht so recht gefunden. Er schwankt irgendwie zwischen Luxusmeile, Trendquartier, Jugendlichkeit und Alterssiedlung.

Wobei er gerade im Segment der luxuriösen Alterswohnungen einen Rückschlag erlitten hat: Dieser Tage gab die Di-Gallo-Gruppe bekannt, ihr Angebot an Wohnungen mit umfassenden Serviceleistungen an der Europaallee aufzugeben. Die Nachfrage habe sich als zu gering erwiesen, teilte Di Gallo in einem Communiqué mit. Die gemietete Immobilie gehe per 1. Oktober zurück an die SBB. Auch das dazugehörige Nobelrestaurant Gustav verschwindet.
Laut «NZZ» betrifft der Di-Gallo-Abgang gut 70 Wohneinheiten, die bei der Eröffnung im Jahr 2016 für monatlich 7000 bis 15 000 Franken angeboten wurden. Später seien die Preise etwas gesenkt worden: 1,5 Zimmer habe es dann schon ab 5000 Franken monatlich gegeben. Wie ein Mitarbeiter der SBB Immobilien am Dienstagabend bei einem öffentlichen Rundgang durch die Europaallee sagte, wollen die SBB die Wohnungen nächstes Jahr neu vermieten. Wer schon dort wohne, könne aber bleiben, hiess es weiter.

Das teure Wohnen in der Europaallee war von Anfang an ein Politikum. Schon im Abstimmungskampf 2006 kritisierten linke Kreise, dass die SBB die Vorgaben zum Wohnanteil mit teils überteuren Angeboten erfüllen würden.

Doch die meisten der insgesamt geplanten 400 Wohnungen fanden bislang ihr Publikum, wie ein Blick auf die Europaallee-Website verrät. Und dies trotz Preisen von 2000 Franken für eine 1,5- oder 5000 Franken für eine 4,5-Zimmer-Wohnung. Dennoch ist die Kritik
nicht verstummt. So war an der abendlichen Besichtigung selbst von der Führerin, die seit Jahren im Auftrag der SBB tätig ist, der Satz zu hören: «Man hat die Europaallee nicht sozialverträglich entwickelt.» Dafür hätten die SBB nun jenseits der Gleise, an der Zollstrasse, günstige Wohnungen ermöglicht – wie auch andernorts.

Die SBB betonten beim Thema Europaallee stets ihren von der Politik erhaltenen Auftrag. Demnach müssen sie mit ihren Immobilien Geld verdienen, um ihre Infrastruktur zu finanzieren. Mit anderen Worten: Die teure Europaallee trage zu günstigen Bahnreisen bei.
Doch wie wohnt es sich eigentlich in den teuren Wohnungen? «Gut, es ist schön ruhig», sagt eine Europaallee-Bewohnerin mit Basler Akzent, die beim Rundgang auch dabei ist. Vom Baulärm entlang der Gleise bekomme sie nicht viel mit. Und mit den Nachbarn habe sie kaum Kontakt. «Typisch Zürich», entfährt es ihr – um sich sogleich zu korrigieren: «Ich weiss nicht, ob das typisch ist. Es ist ja meine erste Wohnung in Zürich.»

Ohnehin ist die Europaallee, die auf 78 000 Quadratmetern Grundfläche über 270 000 Quadratmeter Nutzfläche umfasst, ja nicht in erster Linie ein Wohnquartier. 6000 Arbeitsplätzen stehen 1200 Bewohnerinnen und Bewohner gegenüber. Hinzu kommen rund 1800 Studierende der Pädagogischen Hochschule Zürich, die sich ebenfalls eingemietet hat. Sie und die Schülerinnen und Schüler der Juventus-Schulen verleihen der Europaallee eine junge Ausstrahlung.

Auch mit der Vergabe der Ladenlokale zielten die SBB auf eine gewisse Durchmischung ab: Outdoorsport-Läden dominieren die Ladenpassage nahe der Sihlpost. Richtung Langstrasse sind dann vielfältige kleine Läden aneinandergereiht: Da gibts Tee und Gewürze, Kleider von lokalen Designern und Spezialabfüllungen von Spirituosen, um nur einige Angebote zu nennen. Sehr präsent sind Cafés und Bars: 18 Prozent der Erdgeschossnutzungen sind Gastrobetriebe.

Dass das gehobene Preissegment nicht überall der Nachfrage entspricht, mussten die SBB auch in der Ladenpassage erfahren: Ein hochpreisiger Kleiderladen zog kürzlich aus. Der Laden ohne Tageslicht liess sich in der Folge nur schwer vermieten, wie der SBB-Immobilienmann beim Rundgang sagte. Nun ist vorübergehend eine Art Indoor-Spielplatz eingezogen. Er nennt sich Pixel-Zoo, weil die Wände mit bewegten Tierbildern gestaltet sind. Der Eintritt kostet zehn Franken pro Kind.

Nun ist vorübergehend eine Art Indoor-Spielplatz eingezogen.

Nun ist vorübergehend eine Art Indoor-Spielplatz eingezogen.

Der «Google-Faktor» ist nicht unbedingt ein Vorteil

Hauptmieter der Europaallee ist aber Google: Der Internetgigant bezieht ein Haus nach dem anderen. Insgesamt hat er Arbeitsplätze für 5000 Angestellte in der Europaallee gemietet. Viel zur Belebung des Quartiers tragen sie allerdings nicht bei, wie ein Teilnehmer des abendlichen Rundgangs bemerkt. Schliesslich seien die Google-Arbeitsplätze so ausgerüstet, dass die Angestellten sie kaum je verlassen müssen. Er nennt dies den «Google-Faktor», der schon so manchen Gastronomen dazu gebracht habe, die Europaallee wieder zu verlassen.

Auch wenn sie mancherorts noch düster wirkt, da die abendliche Beleuchtung erst nach Abschluss der Bauarbeiten eingerichtet wird: Es ist durchaus Leben eingekehrt in die Europaallee. Am spürbarsten wird dies auf dem Platz vor dem Kulturhaus Kosmos und dem 25-Hours-Hotel an der Langstrasse: Hier sitzen die Leute selbst an einem kühlen Herbstabend noch draussen.

Vor dem Kulturhaus Kosmos und dem 25-Hours-Hotel sitzen die Leute selbst an einem kühlen Herbstabend noch draussen.

Vor dem Kulturhaus Kosmos und dem 25-Hours-Hotel sitzen die Leute selbst an einem kühlen Herbstabend noch draussen.

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