Phil Collins hatte immer etwas Schelmisches, Bubenhaftes. Umso trauriger ist das Bild, das sich den knapp 30000 Zuschauern (Angabe des Veranstalters) im Zürcher Letzigrund Stadion bietet. Gestützt auf einen Stock schleppt sich Pop-Superstar auf die Bühne und setzt sich für das Konzert auf einen Sessel. „Grüezi Zürich“, sagt er „you know I love Switzerland“. Man erinnert sich an das letzte Zürcher Konzert des gebrechlichen B.B. King, der das Konzert im Sitzen bestreiten musste. Doch der King of Blues war 87-jährig. Phil Collins dagegen erst 68-jährig.

Phil Collins hat einiges durchgemacht: Hörverlust, Alkoholsucht und ein geheimnisvolles Nervenleiden, das ihn zum zeitweiligen Rückzug von der Bühne zwang. Und Schlagzeug spielen, das kann er schon seit längerer Zeit nicht mehr - dabei war er mal Weltklasse. Heute ist er Trommel-Invalide. Stattdessen gibt sein 18-jähriger, in der Schweiz geborener Sohn den Takt an. Im roten Trikot der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft macht er seine Sache bemerkenswert gut. Den Humor hat Phil Collins aber noch nicht verloren. „Still not dead yet“ nennt er seine aktuelle Tour selbstironisch.

Mit über 250 Millionen verkauften Tonträger gehört Phil Collins weltweit zu den erfolgreichsten Popmusikern. Vor allem in den 80er-Jahren, die er, Solo und als Sänger bei Genesis, in den Charts wie kein anderer dominierte. Geliebt von den Massen, aber gehasst von einer einflussreichen Minderheit, die ihm, wie der Schreibende, nicht verzeihen konnte, dass er die progressive Rock-Gruppe Genesis nach dem Abgang von Sänger Peter Gabriel in eine hitparadentaugliche Pop-Rock-Band verwandelte. Mit klebrigen Keyboard-Türmen und einem bombastischen, neonfarbenen Mainstream-Pop lieferte Collins in den 80ern so etwas wie den Soundtrack für die grössten Mode-Verbrechen: Vokuhila-Rock und Schulterpolster-Pop. Phil Collins wurde zum Inbegriff des Uncoolen.

Auf seiner Comeback-Tour sind wir deshalb auf alles gefasst. Wie zu erwarten, verzichtet Collins auf neue Songs. Sein Konzert in Zürich, bei idealem Openair-Wetter, ist eine Hit-Parade seiner beliebtesten Songs: "Against All Odds (Take A Look At Me Now)", „Sussudio“, „Another Day in Paradise“ und, und, und. Dazu ein paar Genesis-Schinken. 

Doch für seine Comeback-Tour hat Collins die einst überladenen Songs entschlackt. Gitarre und vor allem Keyboards setzt er in der 14-köpfigen Band (inkl. 4 Backgroundsängern) zurückhaltend und dezent ein. Stattdessen präsentiert er eine formidable, vier Mann starke Bläsersektion, die die Songs prägen und ihnen den Charakter von 60ies Soul und 70ies-Disco-Soul à la Earth, Wind & Fire verleihen. Von den teilweise neuen, reduzierten Arrangements und dem transparenten Sound profitiert aber auch seine Stimme, die nicht nur in Songs wie dem Supremes-Klassiker „You Can’t Hurry Love“ eine soulige Qualität erhält. Collins ist wirklich noch gut bei Stimme. Dazu hat er sich und seine Songs ganz offensichtlich vom 80er-Bombast befreit und präsentiert sie im funky Kleid. Das steht ihnen gut. Und plötzlich wird auch dem einstigen Stänkerer bewusst, wie gut diese Songs eigentlich sind.

Vielleicht zum letzten Mal

Zu einem bewegenden, symbolhaften Moment der Ablösung kommt es bei „In The Air Tonight“, seinem grössten Hit. Als Sohn Nicholas am Schlagzeug die berühmten Breaks schlägt und dabei die Intensität erhöht, steht der stolze Vater und zollt ihm Respekt. 

"Take Me Home" singt er zum Abschluss und deutet damit abermals seinen endgültigen Abgang von der Pop-Bühne an. Phil Collins geniesst den Applaus, lässt sich feiern. Er winkt ins Publikum und hinkt von der Bühne.  Ein emotionaler Moment. Körperlich ist er sichtlich angeschlagen. Ob er wieder kommt, lässt er offen. Doch wir haben uns mit Phil Collins versöhnt.