Arbeitsbedingungen
Zürcher Linke bringen 35-Stunden-Woche in den Gemeinderat

Weniger arbeiten bei 100 Prozent Lohn: SP und AL der Stadt Zürich fordern in einer Motion, dass die Stadt die 35-Stunden-Woche testet. Einerseits bei eigenen Angestellten, andererseits mit interessierten Unternehmen aus der Privatwirtschaft. Entscheiden wird das Parlament.

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Weniger arbeiten bei gleichem Lohn: SP und AL der Stadt Zürich fordern einen Pilotversuch mit einer 35-Stunden-Woche.

Weniger arbeiten bei gleichem Lohn: SP und AL der Stadt Zürich fordern einen Pilotversuch mit einer 35-Stunden-Woche.

Symbolbild: Tobias Garcia

Viele Angestellte würden heute unter Stress leiden oder gar monatelang wegen Burn-out ausfallen, begründen SP und AL ihre Motion. Vor allem Angestellte in sogenannt «systemrelevanten Berufen» seien oft überbeansprucht, etwa jene in der Pflege.

Der Anteil jener Mitarbeitenden, die ihr Pensum reduzieren oder die Branche sogar wechseln, steige deshalb laufend. In einer Motion fordern die beiden Parteien deshalb einen wissenschaftlich begleiteten Pilotversuch für eine 35-Stunden-Woche.

Wissenschaftlich untersucht werden soll dabei der allgemeine Gesundheitszustand der Teilnehmenden und ihre psychische Gesundheit. Aber auch die Produktivität und der CO2-Ausstoss durch die Reduktion der Pendlerbewegungen sowie eine allfällige Neuverteilung von unbezahlter Betreuungs- und Hausarbeit sollen analysiert werden.

Auch für Polizisten und VBZ-Angestellte

Diesen Versuch soll die Stadt Zürich mit jenen Angestellten durchführen, die im Schichtbetrieb tätig sind. Neben Mitarbeitenden in Pflege und Betreuung wären dies gemäss Motion auch solche in der Reinigung, bei der Polizei oder den Verkehrsbetrieben.

Die kürzere Arbeitswoche würde bedeuten, dass die Stadt jedoch mehr Leute anstellen müsste, was zusätzliche Ausgaben in noch unbekanntem Umfang verursachen würde. Zusätzlich zum «Selbstversuch» soll die Stadt die 35-Stunden-Woche auch mit interessierten Unternehmen aus der Privatwirtschaft ausprobieren und deren Erfahrungen ebenfalls wissenschaftlich auswerten.

Der Gemeinderat wird in einer seiner kommenden Sitzungen über den Vorstoss entscheiden. Angesichts der links-grünen Mehrheit im Rat dürfte er aber gute Chancen haben. Für den Versuch verantwortlich wäre dann der Grüne Finanzvorsteher Daniel Leupi.

Bundesrat befürchtet Wohlstandsverlust

Auch auf Bundesebene war die Forderung «Weniger Arbeit für gleichen Lohn» bereits Thema, unter anderem wegen einer Motion der SP. Der Bundesrat hält dies jedoch für eine schlechte Idee. Er fürchtet gar um den Wohlstand im Land, wie er im Februar bekannt gab. Für die gleiche Arbeit brauche es bei reduzierter Arbeitszeit mehr Leute, was sich viele Unternehmen nicht leisten könnten.

Keine Angst vor Wohlstandsverlust haben offenbar die Isländerinnen und Isländer: Dort stellte das ganze Land im vergangenen Jahr auf die 35-Stunden-Woche um. Nach einem dreijährigen Test, der erfolgreich verlief, arbeiten heute 90 Prozent der Isländerinnen und Isländer bei gleichbleibendem Lohn mit reduziertem Pensum. Produktivität und Steuererträge gingen bisher nicht zurück.

Auch andere Länder starten Versuche mit einer reduzierten Arbeitszeit, etwa Belgien, Spanien, Neuseeland oder Grossbritannien. (sda)