Kloten

Biber, Hermelin und Rotmilan: Warum der Flughafen einen Wildtiermanager braucht

Die am Flughafen Zürich lebenden Tiere von der Piste fernzuhalten, ist für Wildtiermanager Sandro Stoller eine tägliche Herausforderung. Manchmal muss er dazu auch zum Gewehr greifen.

Tiere lieben den Flughafen Zürich. Für sie ist das knapp 900 Hektaren grosse, eingezäunte Areal eine ideale Rückzugsmöglichkeit. Hier leben sie unbehelligt von Autos und Menschen. 75 Hektaren davon bilden eines der grössten zusammenhängenden Naturschutzgebiete des Kantons. Diese Naturoase ist der Arbeitsplatz von Sandro Stoller. Er ist Leiter Wildtiermanagement des Flughafens Zürich. Wer mit ihm über das Gelände fährt, fühlt sich wie auf einer Safari. Da erspäht er einen Biber unter der Wasseroberfläche, dort zeigt er einen Dachsbau oder die Spuren eines Hermelins. Nur das einzige Reh auf dem Areal hat sich schon länger nicht mehr blicken lassen. Es scheint, als sei Stoller gar nicht so unglücklich darüber, denn eigentlich müsste er – der 33-Jährige besitzt das Jagdpatent – es dann erlegen. Es könnte unvermittelt im falschen Moment über die Rollbahn rennen.

Vögel in Pistennähe sind ein Sicherheitsrisiko

Immer wieder schweift Stollers Blick in Richtung Himmel. Dabei hat er weniger die startenden und landenden Maschinen im Visier als vielmehr die unzähligen Vögel: Rotmilane und Mäusebussarde ziehen ihre Kreise, von weitem nähert sich ein Schwalbenschwarm. Was das Herz eines Ornithologen erfreut, lässt Stoller seufzen. Vögel in Pistennähe sind für ihn vor allem eins: ein Sicherheitsrisiko. Andere Tiere lassen sich durch einen Zaun fernhalten, Vögel nicht. Sie lassen sich auch vom Lärm nicht abschrecken. Was für sie zählt: mit wenig Aufwand zu möglichst viel Nahrung kommen. Diese Rechnung scheint am Flughafen aufzugehen.

Geraten einzelne Tiere oder Vogelschwärme in ein Triebwerk, kann das gefährlich werden. Man erinnere sich an Chesley Sullenbergers Notwasserung auf dem Hudson River vor zehn Jahren. Grund für den Triebwerkausfall war eine Kollision mit Wildgänsen. Zum Glück gehen Vogelschläge nur selten so dramatisch aus. Viel häufiger sind Triebwerkschäden, damit verbunden immense Reparaturkosten und Flugzeuge, die den Airlines für längere Zeit nicht zur Verfügung stehen. Stoller und seine Kollegen müssen dafür sorgen, dass es möglichst selten so weit kommt. Die europäischen Flugsicherheitsbehörden machen klare Vorgaben bezüglich Prävention. «Passiert ein Vogelschlag, müssen wir nachweisen, dass wir alles versucht haben, dies zu verhindern.»

Doch Stoller hat ein kleines Tierchen, das gegen ihn arbeitet: die Maus. Für Vögel ist sie eine begehrte Beute. «Deshalb fördern wir hier alles, was Mäuse frisst und nicht fliegt», sagt Stoller. Ein Allheilmittel gebe es nicht: «Es sind vielmehr verschiedene Rädchen, an denen wir schrauben können.» So lässt man die Wiesen wachsen, damit die Greifvögel die Nager nicht von weitem erspähen.

An einem 3,7 Kilometer langen und rund 40 Zentimeter hohen Mäusezaun entlang der Piste 16/34 sind alle paar Meter Klappfallen angebracht. Geleert werden sie vor allem vom Fuchs. «Eine Fuchsmutter frisst bis zu 10 000 Mäuse pro Jahr.» Fleissige Mauser sind auch Hermeline. Für die schlanken und nervösen Raubtierchen hat man über 70 Wieselburgen aus Astholz aufgeschichtet. Dort können sie ihre Jungen aufziehen. Und dann, ein ohrenbetäubender Lärm: Über Piste 16 startet eine Boeing 777. Während sich die Zuschauer die Ohren zuhalten, zieht gleich daneben ein Turmfalke unbeeindruckt seine Kreise. Bis vor kurzem durfte er sich auf einer der zahlreichen Signaltafeln ausruhen. Doch die haben Stoller und seine Kollegen mit spitzigen Drähten bestückt – auch das eines dieser kleinen Rädchen im Interesse der Flugsicherheit.

Oft hilft nur noch der Griff zu Petarde und Flinte

Oft bleibt aber nichts anderes, als die Tiere zu «vergrämen». Dann schiessen Stoller und seine Kollegen von der Airport Authority Petarden in die Luft. Speziell im Fokus: die Piste 16, auf der die schweren Langstreckenmaschinen in Richtung dicht besiedeltes Gebiet abheben. Hier könnte ein Vogelschlag mit Triebwerkausfall besonders folgenschwer sein. «Der Graureiher lässt sich nach dem Vergrämen länger nicht mehr blicken», weiss der Wildtiermanager. Mäusebussarde erweisen sich dagegen als unbelehrbar. Sie merken, dass ihnen die Petarden nichts anhaben: «Das gibt uns manchmal schon das Gefühl, wir würden eine Sisyphusarbeit machen.»

Dann hilft ihm vielleicht ein Blick auf die Zahlen. Am Flughafen kommt es pro 10 000 Flugbewegungen lediglich zu 3 bis 5 Vogelschlägen. Eine Zahl, die sich im europäischen Vergleich sehen lassen darf. Damit sie nicht ansteigt, müssen Stoller und seine beiden Kollegen mit Jagdpatent gelegentlich auch scharf schiessen. Stoller, der seine Ausbildung zum Wildtierforscher an der Fachhochschule Wädenswil absolviert hat, greift auch dann zur Flinte, wenn er ein verletztes Tier erlösen muss. Besteht eine gute Aussicht auf Heilung, werden die Tiere extern in Pflege gegeben. Kadaver werden zu Tierfutter. Mit einer Ausnahme: Während der regulären Jagdzeit erlegte Stockenten legt Stoller dann in die Tiefkühltruhe. Kommen einige zusammen, räuchert sie der gelernte Zimmermann im selbst gebauten Ofen – Gaumenfreude im Dienst der Flugsicherheit. Apropos Sicherheit: Steigt man noch in ein Flugzeug, wenn man täglich gegen eine der Gefahren in der Fliegerei kämpft? Er selber sei kein Vielflieger, sagt Stoller. «Aber ich würde jeden in meiner Familie bedenkenlos ab Zürich fliegen lassen.»

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