Ethik

Dieses neue Schulbuch soll Ethik für fast alle Lebenslagen liefern – und Schüler zum Nachdenken anregen

Badiszenen machen Nähe und Abstand zum Thema.

Badiszenen machen Nähe und Abstand zum Thema.

Wie bringt man Sieben- bis Sechzehnjährige zum Philosophieren? Das neue Schulbuch «Schauplatz Ethik» bietet Anschauungsunterricht dazu. Mit dem neuen Schuljahr wird es im Kanton Zürich obligatorisch. Auch andere Kantone dürften darauf zurückgreifen.

Hier geht es um die grossen Fragen: Wer bin ich? Was darf man, was nicht? Was ist Glück, was Wahrheit? Und was hat das alles mit unserem Alltag zu tun? Solche Fragen werden ab dem kommenden Schuljahr mit dem neuen Lehrmittel «Schauplatz Ethik» verhandelt, das soeben im Lehrmittelverlag Zürich erschienen ist. Im Kanton Zürich ist es obligatorisch, in anderen Deutschschweizer Kantonen dürfte es ebenfalls zum Einsatz kommen. Schliesslich ist es das erste mit dem Lehrplan 21 vereinbare Lehrmittel, das den Fachbereich Philosophie und Ethik von der ersten bis zur neunten Klasse abdeckt, wie die Zürcher Bildungsdirektion gestern mitteilte. Zum Einsatz komme es vor allem im Fach «Religionen, Kultur und Ethik».

Doch wie bringt man Sieben- bis Sechzehnjährige zum Philosophieren? Die Idee wird beim Durchblättern rasch ersichtlich: mit viel Bildmaterial und wenig Text. Im ersten Band, der für die Erst- und Zweitklässler gedacht ist, zeigen gezeichnete Wimmelbilder alltagsnahe Situationen, zum Beispiel aus der Badi. Anschliessend werden anhand von Bildausschnitten einzelne Themen angesprochen, etwa Angst und Mut – oder Nähe und Abstand. Wobei gerade die Bildsprache zum Thema Abstand zeigt: Das Buch entstand noch vor der Coronapandemie.

Die im Buch aufgeworfenen Fragen bleiben aber aktuell – oder sind gar noch aktueller geworden: «Wann tut Nähe gut?», heisst es da etwa. Oder: «Wann ist jemand zu nahe?» Zum Nachdenken regen gerade jetzt auch Fragen zur Bedeutung von Festivals an, wie sie im vierten Band für die Siebt- bis Neuntklässler gestellt werden: Die Schweiz sei das Land mit der weltweit grössten Festivaldichte, heisst es da, und: «Warum sind Festivals so attraktiv?»  Was das mit Philosophie und Ethik zu tun hat? Nun, es geht dabei auch um die Bedeutung von Traditionen, um das Zusammenleben, um Kunst und Kultur sowie deren Grenzen. Oder, um es mit einer Frage aus dem Buch zu sagen: «Bräuchte ein Mensch auf einer einsamen Insel auch Traditionen?»

Das Blättern in den vier Bänden verdeutlicht, in was für einer vielschichtigen Welt Kinder und Jugendliche heute aufwachsen: So sind die virtuellen Realitäten von Games, Filmen, die Vielstimmigkeit in Klassenchats und die mediale Aufbereitung von Wirklichkeit Themen im Band für die Fünft- und Sechstklässler. Und damit verbunden philosophische Fragen wie: Was ist wahr, was falsch? Was privat, was öffentlich?

Von Fussballstar Mesut Özil zur Asylunterkunft

Auch die Frage nach dem Glück wird gestellt. Im Band für die Dritt- und Viertklässler anhand eines Chilbi-Wimmelbildes und verknüpft mit der Bedeutung von Geld und Gefühlen. Oder im Band für die Fünft- und Sechstklässler am Beispiel des Fussballstars Mesut Özil, der mit dem Weltmeister-Pokal in der Hand höchste Glücksgefühle erlebte – und im Text daneben erzählt, was für Einschränkungen der Starrummel im Alltag mit sich bringe Ein Thema, über das sich streiten lässt, wie auch über das Thema Asylunterkunft, das im letzten Band von «Schauplatz Ethik» angeschnitten wird.

Für den Inhalt des Lehrmittels ist ein Leitungsteam von den pädagogischen Hochschulen Zürich und Luzern, von der Universität Luzern und vom Institut Unterstrass verantwortlich. Es sei nicht darum gegangen, inhaltliche Positionen zu einzelnen Themen zu beurteilen, betont Beat Schaller, Direktor des Lehrmittelverlags Zürich. «Vielmehr geht es um stichhaltiges Argumentieren. Die unterschiedlichen Perspektiven und Werthaltungen sollen thematisiert werden.» Dazu bietet «Schauplatz Ethik» reichlich Gelegenheit.

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