Kunsthaus
Eine goldene Pforte führt nun in den Zürcher Kunsthimmel

Der Zürcher Kunsthaus-Neubau des britischen Stararchitekten David Chipperfield ist fertig: 206 Millionen Franken hat der Erweiterungsbau gekostet - noch enthält er keine Kunstwerke, stellt aber selber eines dar.

Michel Wenzler
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Der Kunsthaus-Erweiterungsbau
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Im Kunsthaus-Erweiterungsbau von David Chipperfield werden die Besucherinnen und Besucher in einer imposanten Eingangshalle empfangen.
Leere weisse Wände, Boden aus warmem Eichenholz: Noch verliert man sich in den Ausstellungsräumen.

Der Kunsthaus-Erweiterungsbau

Bilder: Keystone

Wie eine vereinzelte helle Wolke, die sich unter die Hochnebeldecke ins graue Zürich verirrt hat – so präsentiert sich der soeben fertiggestellte Erweiterungsbau des Kunsthauses mit seiner Fassade aus weissem Jurakalkstein. Eine grosse goldene Tür schwingt auf, vielleicht ist es die Pforte zum Kunsthimmel. Jedenfalls ist sie ein Kontrast zum «Höllentor», einer schwarzen Bronzeskulptur von Auguste Rodin, die auf der anderen Seite des Heimplatzes neben dem Haupteingang des Kunsthauses steht.

Die bedrohlich wirkende Kulisse im Rücken, tritt man gerne in den luftigen Neubau ein, den der britische Stararchitekt David Chipperfield entworfen hat. Nicht nur aussen, auch in der fast 20 Meter hohen Eingangshalle ist es hell, trotz des Sichtbetons und trotz des grauen Marmorbodens aus Kärnten. Das Licht fällt von mehreren Seiten ein. Die goldenen Handläufe aus Messing funkeln.

Die schlichte Eleganz von Stein und Messing

Chipperfield, der als philosophischer Architekt gilt, hat sich für den Kunsthaus-Erweiterungsbau von den übrigen Gebäuden am Heimplatz inspirieren lassen. Etwa vom sogenannten Moser-Bau gegenüber, einem Jugendstilgebäude von 1910, das ebenfalls schlichte Eleganz ausstrahlt. Im Innern dominieren auch dort Stein und Messing. Diese Elemente hat der Brite im Neubau aufgegriffen.

Grau und Gold – die beiden Farben passen gut zueinander in dieser Jahreszeit und in Pandemiezeiten erst recht. Als symbolisierten sie den düsteren Schleier, der sich derzeit über die Seele vieler gelegt hat, und einen kleinen Hoffnungsschimmer, der den Menschen eine bessere Zukunft verheisst.

Menschen hätten an diesem Freitag auch den Neubau bevölkern sollen. Nach einer Bauzeit von über fünf Jahren ist den Verantwortlichen nämlich der Schlüssel des Kunsthauses übergeben worden. Doch die Coronapandemie lässt kein grosses Fest zu, stattdessen gibt es eine schlichte Feier im kleinen Rahmen und ein Rundgang für Medienschaffende.

Noch ist der Bau die einzige Kunst

Kunstwerke sind aber nicht zu sehen. Noch ist der Bau die Kunst. In den beiden Obergeschossen gelangt man von der majestätischen Halle aus nach links und rechts in die Ausstellungsräume. Sie sind bereits angeschrieben, auch jene der umstrittenen Bührle-­Sammlung (siehe Zweittext unten). Die Wände sind aber noch so leer und weiss, wie man sie nie mehr zu sehen bekommen wird.

Der Boden aus Eichenholz verleiht den Ausstellungsräumen ein warmes, heimeliges Ambiente. Er wird noch etwas nachdunkeln. Auch das goldene Messing, mit dem die Türen und einige Wände verkleidet sind, wird seine Farbe verändern. Es oxidiert. Erste Altersflecken sind bereits zu sehen. Das Haus bekommt somit nach und nach Patina, was ausgezeichnet zu einem Museum passt. Verstaubt wird das Museum dennoch nicht wirken, dafür ist es zu modern und nach neuestem technologischen Wissen gebaut. Es erfüllt die Kriterien der 2000-Watt-Gesellschaft, hat beispielsweise Sonnenkollektoren auf dem Dach. Mit Wasserschläuchen in den Wänden lassen sich zudem die Räume wärmen oder kühlen.

Auch sonst gibt es manch überraschenden Schnickschnack: Hinter den Messingrohren befindet sich schwarze Mineralfaserwolle – ein Akustikfilter, der den Lärm schluckt. Das Echo in der grossen Eingangshalle verschwindet somit hinter einer Stange Gold.

Aufstieg zum grössten Schweizer Kunstmuseum

Eine Stange Geld hat der Neubau auch gekostet: 206 Millionen Franken, finanziert von Stadt und Kanton sowie privaten Geldgebern. Dank der Erweiterung wird das Kunsthaus zum grössten Kunstmuseum der Schweiz. Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) spricht in ihrer Ansprache von einer «enormen Chance für Zürich». Endlich erhalte die Kunst gebührend Platz. «Derzeit kann das Kunsthaus nur zehn Prozent seiner Schätze zeigen. Das ist schade. Kunst gehört gezeigt und nicht ins Depot.» Dank des Neubaus wird die Präsentationsfläche nun mehr als doppelt so gross.

Auch David Chipperfield richtet sich – per Videobotschaft – an die ­kleine Festgemeinde. Er bedauert es, dass die Bevölkerung an diesem Tag nicht dabei sein kann. «Ein Museum gehört jedem», sagt er. Immerhin: Im kommenden Frühling soll der Neubau ­während mehrerer Wochen öffentlich zugänglich sein. Verschiedene Fest­akte und Vorführungen sollen dann statt­finden. Vielleicht. Denn wer weiss schon heute, was morgen noch möglich ist.

Fest steht lediglich, dass der grösstenteils noch leerstehende Bau über den Sommer schliessen wird. Dann zügeln die Mitarbeiter die Exponate in den Erweiterungsbau, damit dieser im Oktober 2021 offiziell eröffnet werden kann. Mit den restlichen Gebäuden des Kunsthauses ist er über einen rund 70 Meter langen Gang verbunden, der unterhalb des Heimplatzes verläuft. Der Korridor ist im Moment bis etwa zur Hälfte begehbar. Dann versperrt eine behelfsmässig errichtete Mauer den Weg. Noch steht man also vor einer grauen Wand – und hofft auf den baldigen Durchbruch.

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