Schon bald nach Ladenöffnung um 16 Uhr steigt süsslicher Rauch auf im Fumoir der Niagara-Lounge zwischen Bahnhof und Flugplatz Dübendorf. Dario Tobler, 36-Jahre alt, adretter Haarschnitt, Geschäftsführer der Bio Can AG, hat gerade einen Joint angezündet. Gefüllt ist sein Zigarettenpapier mit einer ganz legalen Mischung: etwas Tabak und etwas Hanf, bei dem der Anteil des psychoaktiven, in grösseren Mengen verbotenen Wirkstoffs THC unter einem Prozent liegt. Am Gründonnerstag hat Tobler die Niagara-Lounge als ersten Coffeeshop der Schweiz nach Amsterdamer Vorbild mitlanciert; doch anders als in Holland benebeln sich die Gäste hier nicht mit stark THC-haltigem Haschisch oder Gras, sondern rauchen THC-arme Cannabis-Produkte, die seit letztem Sommer legal im Handel sind.

Tobler ist dabei dick im Geschäft: Die von ihm geführte Bio Can AG war als einer der ersten Anbieter in der Lage, den sich neu auftuenden Markt in grösserem Umfang mit legalem Cannabis zu beliefern. Sein Geschäftspartner Markus Walther hatte schon Ende der 1990er-Jahre Hanf mit deftigem THC-Gehalt für Duftsäckchen produziert, als die Legalisierung in der Luft zu liegen schien. Sie liess dann bis heute auf sich warten. Nach der Handelszulassung von THC-armem Hanf im Sommer 2016 durch das Bundesamt für Gesundheit wittert Tobler nun eine neue Chance.

Herr Tobler, was bezwecken Sie mit der Eröffnung des ersten Coffeeshops der Schweiz?

Dario Tobler: Es geht mir nicht darum, einfach einen Raum zu schaffen, in dem die Kiffer kiffen können, sondern darum, dass der Cannabis-Konsum nicht mehr so stigmatisiert wird. Die Leute kämen nie auf die Idee, jemanden, der sein Feierabendbier trinkt, gleich als alkoholabhängig zu bezeichnen. Ich will erreichen, dass man es als normal anerkennt, wenn Leute in der Öffentlichkeit Cannabis rauchen.

Soll dieser Coffeeshop also den Boden für die vollständige Legalisierung von Cannabis ebnen?

Auf jeden Fall. Die Leute, die kiffen wollen, kiffen so oder so, ob es verboten ist oder nicht. Aber Leute, die aus medizinischen Gründen Cannabis brauchen und keine Kollegen haben, die ihnen etwas mitbringen können, haben ein Problem. Denn sie müssen es auf der Strasse bei irgendwelchen dubiosen Gestalten kaufen. Die ganze Repression hat schon so viel Leid generiert.

Das Bundesamt für Gesundheit warnt, übermässiger Cannabis-Konsum könne zu Gesundheitsproblemen und psychischer Abhängigkeit führen. Spricht das nicht gegen eine Legalisierung?

Nein. Alkohol ist viel gefährlicher, und trotzdem hat die Gesellschaft einen Weg gefunden, damit umzugehen.

Aber Sie streiten nicht ab, dass Cannabis-Konsum ein Gesundheitsrisiko sein kann. Wie soll denn die Legalisierung aussehen?

Wie beim Alkohol: mit einer Altersbeschränkung. Grundsätzlich gilt in der Schweiz bei Rauchwaren eine Alterslimite von 16 Jahren. Wir verkaufen unsere Cannabis-Produkte erst an mindestens 18-Jährige. Und das ist vernünftig, genauso, wie es für Zigaretten und Alkohol vernünftig wäre. Holland hat unter Jugendlichen die tiefste Cannabis-Einstiegsquote, obwohl man es überall bekommt. Aber es eignet sich dort nicht mehr, um zu Hause zu rebellieren.

Schon Ende der 1990er-Jahre schien die Cannabis-Legalisierung in der Schweiz greifbar nahe. Was ist diesmal anders?

Cannabis ist verbreiteter. In Deutschland gibt es medizinisches Cannabis. In mehreren US-amerikanischen Staaten wurde Cannabis legalisiert. Damals, in den 1990er-Jahren, sagte man uns: Redet nicht von medizinischem Cannabis, ihr wollt einfach eure Sucht legitimieren. Heute ist medizinisches Cannabis eine Realität. Es ist schmerzlindernd, entzündungshemmend und reduziert spastische Anfälle.

Sehen Sie die Legalisierung von Cannabis in einzelnen US-Staaten als Beschleuniger für eine Freigabe in der Schweiz?

Gestern ist eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um das Budget für eine neue Volksinitiative zur Legalisierung von Cannabis zusammenzubringen. Denn wir meinen, dass der aktuelle Trend und die neuen Produkte dazu führen müssten, dass es einen normalisierten Umgang mit Cannabis in der Gesellschaft gibt. Allerdings deuten die Aktivitäten der Polizei nicht darauf hin, im Gegenteil. Darum ist es legitim, fast zehn Jahre nach der letzten Volksabstimmung eine neue Volksinitiative zu lancieren. Der Wissensstand hat sich verändert, es gibt neue Erkenntnisse. Die Legalisierung ist heute im Volk mehrheitsfähiger als damals.

Wer will die Volksinitiative lancieren?

Das Crowdfunding mache ich. Die Unterschriftensammlung wird, wenn das Budget zusammenkommt, zusammen mit dem Verein Legalize it! gemacht, dem ältesten Verein auf diesem Gebiet in der Schweiz. Er hat den Initiativtext bereits vorbereitet. Es ist frustrierend: Jetzt können die Leute legal THC-armes Cannabis kaufen, werden aber vor den Läden immer noch von der Polizei eingeschüchtert.

Der Cannabis-Handel boomt. Vergangenen August hat der Bund den Handel mit THC-armem Cannabis genehmigt. Das schweizerische Handelsblatt verzeichnet unter dem Stichwort «Cannabis» im Jahr 2017 bereits 13 Neueintragungen von Firmen. Wie stark ist ihre Firma seit letztem August gewachsen?

Sehr stark. Wir hatten jahrelang gearbeitet, ohne zu wissen, ob wir mit unserem Hauptprodukt je durchkommen. Kurz vor der Zulassung ging uns das Budget langsam aus, wir mussten den Betrieb herunterfahren. Als wir am 6. August dann die Zusage des Bundes erhielten, wendete sich das Blatt. Vorher waren wir zeitweise nur noch drei Leute im fixen Team. Jetzt arbeiten gegen 30 Leute täglich für uns, wobei nicht alle vollzeitangestellt sind. Wir haben auch neue Standorte, nachdem wir anfangs nur mit der Gärtnerei in Ossingen arbeiteten.

Warum waren Sie früher startklar als die meisten Konkurrenten?

Als wir 2014 mit der Firma Blühauf in Ossingen anfingen, gab es neben uns in der Schweiz drei Firmen, die auf dem gleichen Gebiet arbeiteten. 2015 gründeten wir Bio Can, weil wir uns auch im Bereich medizinisches Cannabis etablieren wollten. Die Gärtnerei in Ossingen war vorher zehn Jahre lang stillgelegt. Sie war aber in den 1990er-Jahren schon in diesem Bereich tätig.

Ihr Geschäftspartner Markus Walther war damals mit Duftsäckchen im Hanf-Geschäft.

Er hat das Duftsäckchen sozusagen erfunden, nachdem er eine Grauzone im Gesetz entdeckt hatte. In Ossingen wurde nie illegal gearbeitet. Man hat einfach das Gesetz genau interpretiert. Als nach dem Millennium das Gesetz geändert wurde, fing die Repression an, zuerst im Kanton Zürich, dann in Basel, Bern, zuletzt im Tessin. In der Folge übernahmen Kriminelle den Hanfhandel, die breite Masse zog sich zurück. Diese Gefahr besteht auch jetzt, wenn sie sehen, dass sich mit legalem, THC-armem Hanf fast gleich hohe Gewinne wie mit illegalem Cannabis erzielen lassen. Deshalb wollen wir mit unserer Preispolitik eher in die Kategorie eines Tabakersatzprodukts kommen, nicht eines Cannabisprodukts.

Wird man damit reich?

Am Anfang, als noch keine Mitbewerber da waren, konnte man davon profitieren. Für jemanden, der eine Gärtnerei hat, ist es immer noch attraktiver als, sagen wir, Gurken und Tomaten. Längerfristig gibt es jedoch nichts, was den jetzt noch hohen Preis von 13 Franken pro Gramm rechtfertigt