Lernstube
Hier lernen Erwachsene richtig lesen und schreiben

Rund 15 Prozent der Bevölkerung fehlt es an Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben, Umgang mit Computern. Lernstuben sollen den Betroffenen helfen. Ein Besuch in der Lernstube der Caritas in Zürich Altstetten, wo am Donnerstag das Eröffnungsfest steigt.

Matthias Scharrer
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Lernstube der Caritas in Zürich-Altstetten, mit den Leiterinnen Simone Gschwend (links) und Renata Gattella: Hier können Erwachsene Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben und den Umgang mit Computern verbessern.

Lernstube der Caritas in Zürich-Altstetten, mit den Leiterinnen Simone Gschwend (links) und Renata Gattella: Hier können Erwachsene Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben und den Umgang mit Computern verbessern.

Matthias Scharrer

Wer Mühe mit Lesen und Schreiben, Computern und Handys hat oder wer Hilfe beim Verfassen von Bewerbungen braucht, ist im Stellwerk 500 an der richtigen Adresse: Das Gebäude an der Hohlstrasse 500 in Zürich Altstetten, gleich neben den Bahngleisen, beherbergt seit kurzem eine von der Caritas Zürich geführte Lernstube für Erwachsene. Nachdem der Betrieb bereits im August angelaufen ist, findet diesen Donnerstag zur Eröffnung das Lernstubenfest statt. Das Gratisangebot richtet sich an interessierte Erwachsene aus der Region Limmattal-Zürich, die in der Lernstube ihre Grundkompetenzen verbessern oder einfach mal reinschauen wollen.

Der helle, freundliche Raum wirkt wie ein Café und ist doch eine Bildungsstätte. Computer und Kaffeetassen stehen auf einigen Tischen, an denen Freiwillige bei Schreibarbeiten helfen. Auch Kurse gibt es hier. Zur Kinderbetreuung während der Kurszeiten steht eine Kinderkrippe in der Nähe zur Verfügung, ebenfalls gratis. In den Räumen herrscht coronabedingt Maskenpflicht, aber keine Zertifikatspflicht.

Von «Hi Daniela» zu «Frau Secchi»

In einem Nebenraum, der durch einen dicken schwarzen Vorhang vom Eingangsbereich abgetrennt ist, findet an diesem Dienstagnachmittag gerade ein Kurs zum Thema Lesen und Schreiben im Alltag statt. Kursleiterin Daniela Secchi von der Erwachsenenbildung Zürich hat eine Flipchart-Tafel aufgestellt. Darauf stehen Sätze und Satzteile wie: «Sehr geehrte Damen und Herren» oder «Vielen Dank im Voraus für Ihre Antwort».

Secchi erklärt: «Der Kurs richtet sich an Leute, die es nicht gewohnt sind, sich in einem formalen Rahmen sprachlich korrekt auszudrücken. Schreibfehler korrigiere ich nicht. Aber wenn jemand Du statt Sie schreibt, bin ich unerbittlich.»

Sie zückt ihr Handy und zeigt eine Übung, die sie mit einer Schülerin gemacht hat. Es handelt sich um einen SMS-Dialog, in dem Secchi in die Rolle einer strengen Sekretärin schlüpfte. In jeder Antwort zog sie die formell-korrekte Geschäftssprache konsequent durch, bis die Schülerin von der anfänglichen Anrede «Hi Daniela» über die Zwischenstufe «Frau Daniela» zu «Frau Secchi» gelangte. Ziel erreicht – nach mehreren Anläufen.

«Wir erreichen immer mehr unsere Zielgruppe»

Die Lernstube richtet sich an bildungsferne Erwachsene, sowohl solche mit deutscher Muttersprache als auch Fremdsprachige, die sich mündlich auf Deutsch verständigen können. «Wir erreichen immer mehr unsere Zielgruppe», sagt Simone Gschwend, die für die Lernstube der Caritas Zürich zuständig ist. Besonders gefragt seien der Schreibdienst und die Bewerbungswerkstatt sowie die Hilfe beim digitalen Zugang, ohne den heute fast nichts mehr läuft.

Auch die Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen aus der Region zahle sich allmählich aus, fügt Caritas-Mitarbeiterin Renata Gattella hinzu. Das Spektrum der Partnerorganisationen reicht von Regionalen Arbeitsvermittlungszentren über die Sozialberatung bis hin zur Fachstelle Arbeitsintegration der Stadt Dietikon. Immer wieder erhielten dadurch lernungewohnte Personen den Tipp, mal die Lernstube aufzusuchen.

Die nächste Lernstube entsteht in Wetzikon

Insgesamt gibt es derzeit vier Lernstuben im Kanton Zürich, die von verschiedenen Betreibern geführt werden: eine in Dübendorf, eine in Kloten, eine in Zürich Oerlikon/Affoltern und jene in Zürich Altstetten. Doch es sollen noch deutlich mehr werden.

Der Kantonsrat hat im vergangenen März einen Beitrag von 14,8 Millionen Franken bewilligt, um das Angebot im Rahmen des bundesweiten Programms Grundkompetenzen auszubauen. Wie der Regierungsrat in diesem Zusammenhang festhielt, haben im Kanton Zürich rund 140'000 Erwachsene Nachholbedarf in den Grundkompetenzen. Schweizweit seien es gemäss Studien 15 Prozent der Bevölkerung.

Anfang 2022 wird in Wetzikon eine weitere Lernstube eröffnet, wie beim kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamt zu erfahren ist. Ziel des 2021 gestarteten Programms Grundkompetenzen sei es, bis ins Jahr 2024 im Kanton Zürich jährlich zwei bis drei neue Lernstuben zu eröffnen. Seit Januar hätten etwa 800 Personen mit rund 3000 Besuchen von diesen Angeboten Gebrauch gemacht. Zudem sei im Rahmen des Programms Grundkompetenzen eine digitale Weiterbildungsplattform im Aufbau.

Lernstubenfest, Donnerstag, 25. November, 13.30–16.30 Uhr, Caritas Zürich, Stellwerk 500, Hohlstrasse 500, Zürich.

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