Zürich
Fehlende Trainer, Funktionäre, Anlagen und Geld - Sie kennt die Sorgen der Sportvereine

Jeder vierte Zürcher, jede vierte Zürcherin betreibt Sport in einem Verein. Diese stehen jedoch unter Druck. Es fehlen Trainer, Funktionäre, Anlagen, Geld. Wie gehen Vereine damit um? Ein Gespräch mit Yolanda Gottardi, die 17 Jahre an der Spitze des kantonalen Dachverbands für Sport gewirkt hat.

Heinz Zürcher
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Yolanda Gottardi, hier bei der Baustelle für das Projekt WinCity in Winterthur, ist seit 17 Jahren die Geschäftsführerin des Zürcher Kantonalverbands für Sport.

Yolanda Gottardi, hier bei der Baustelle für das Projekt WinCity in Winterthur, ist seit 17 Jahren die Geschäftsführerin des Zürcher Kantonalverbands für Sport.

Marc Dahinden

Frau Gottardi, Sie haben als Treffpunkt den Baugrund für das Projekt WinCity vorgeschlagen, wo dereinst die Winterthurer Handball- und Unihockeyclubs spielen werden. Wieso?

Yolanda Gottardi: Weil hier die Herausforderungen der Sportvereine sehr schön sichtbar sind. Der Platzbedarf für Trainings und Nachwuchsförderung ist gestiegen, genauso die Anforderungen an die Anlagen: häufigere Trainings, mehr Vereinsmitglieder, veränderte Spielfeldgrössen, Sturzräume, getrennte Wege für Spieler und Zuschauer, Hygienevorschriften – all das erfordert Investitionen.

Nicht jeder Verein hat aber das Geld dazu.

Sie sind auf private und öffentliche Gelder angewiesen. Für WinCity haben wir vom Zürcher Kantonalverband für Sport (ZKS) Swisslos-Beiträge aus dem Sportfonds gesprochen.

Wie hoch sind diese Beiträge?

Bei Vereinsbauten werden 15 bis 35 Prozent der anrechenbaren Kosten übernommen, bei Anlagen von Gemeinden 10 Prozent. Vor drei Jahren waren es noch 10 bis 30, beziehungsweise 5 Prozent. Erfreulich ist, dass der Kantonsrat sich aktiv für eine Aufstockung der Gelder aus dem Lotteriefonds eingesetzt hat. Seit 2015 gehen 30 statt 21 Prozent in den Sport. Das zeigt, dass die Politik die Bedeutung des Vereinssports anerkennt und würdigt.

Zur Person

Yolanda Gottardi hat ihre sportliche Laufbahn mit Turnen und Judo begonnen. Mit 14 leitete sie bereits die Mädchenriege in Illnau und besuchte später J+S-Kurse. Nach vier Jahren bei PluSport Behindertensport Schweiz wechselte sie zum Zürcher Kantonalverband für Sport (ZKS), dem Dach der 64 Kantonalen Sportverbände. Über 2300 Vereine und rund 373 000 Mitglieder gehören ihm an, davon sind 120 000 unter 20 Jahre alt. 80 000 Ehrenamtliche sorgen im Kanton Zürich dafür, dass die Sportvereine funktionieren.

Nach 17 Jahren, davon 6 Jahre als Geschäftsführerin, verlässt Yolanda Gottardi den ZKS. Wichtige Erfolge unter ihrer Führung waren das Europäische Freiwilligenjahr 2011, die gewonnene Volksabstimmung gegen das Werbeverbot für alkoholische Getränke ausschliesslich bei Sportveranstaltungen und auf Sportanlagen sowie die Erhöhung des Sportfonds von 21 auf 30 Prozent.

Die Geschäftsführung im ZKS, der nächstes Jahr sein 75-jähriges Bestehen feiert, übernimmt ab 1. November die 52-jährige Sportlehrerin und frühere Kapitänin der Frauen-Handballnati Josy Beer.

Gottardi wohnt in Neschwil bei Weisslingen. Die 49-Jährige ist Mutter von zwei erwachsenen Söhnen, die beide Vereinssport betreiben. hz

Reicht das?

Gerade in kleinen Gemeinden ist es wichtig, dass die Vereine gemeinsam – bestenfalls mit jenen aus Nachbardörfern – für ihre Anliegen einstehen und die Schule einbinden. Gleichzeitig dürfen sie den Bogen nicht überspannen. Sie müssen verstehen, dass Steuerzahler nur einer neuen Sporthalle zustimmen, wenn diese sinnvoll ist. Das heisst, die Vereine müssen aufzeigen, was sie nebst ihrer Kernaufgabe alles leisten. Wer das Dorfleben prägt, Zugezogene integriert, Wettkämpfe organisiert, an der 1. Augustfeier Würste brät. Ohne Vereine wäre das Dasein einer Gemeinde ein trauriges.

Insbesondere bei der Integration von Ausländern wird den Fussballklubs eine wichtige Rolle zugesprochen. Zurecht?

Auf jeden Fall. Und alle profitieren. Wenn beispielsweise ein Fussballer später zum Basketball wechselt, erhält dieser Klub einen ausgebildeten Vereinssportler. Jemanden, der gelernt hat, pünktlich zu sein, Kollegen zu unterstützen und im besten Fall Chargen zu übernehmen.

Sie sprechen die vielen Posten an, die es zu besetzen gilt. Ist es nicht so, dass meist alles an ein paar wenigen hängenbleibt?

Die gibt es genauso wie jene, die nie mithelfen. Ich rede jetzt ein wenig Schwarz-Weiss und behaupte: Der Mensch ist entweder engagiert oder nicht.

Dabei sind Vereine mehr denn je auf Ehrenamtliche angewiesen.

Die neuen Aufgaben, die auf Vereine zukommen, verlangen mehr Leute und verändertes Wissen. Ein Beispiel: Wenn ein Verein einen Grossanlass auf die Beine stellt, reicht heute eine Milchbüechli-Abrechnung nicht mehr. Die Mehrwertsteuer-Verwaltung verlangt eine saubere Abrechnung. So sind die Ansprüche in allen Bereichen gestiegen.

Wie gewinnt man denn fähige Freiwillige?

Die melden sich in der Regel nicht selber. Man muss sie entdecken und ansprechen: den jungen Spieler, der eine IT-Lehre absolviert und die Vereins-Website erneuern könnte; den Vater, der Banker ist und die Vereinskasse führen würde; die Mutter, die die Fahrten zu den Wettkämpfen koordinieren kann. Aber klar, diese Leute zu finden und zu überzeugen ist ein Knochenjob.

Gibt es mittlerweile viele Vereine, die dafür eine Geschäftsstelle aufziehen?

Die Tendenz besteht. Auch um Trainer von administrativen Aufgaben zu entlasten. Diese sollen ja in erster Linie Sport beibringen.

Aber auch die Suche nach Leiterinnen und Trainern gestaltet sich oft schwierig.

Das Problem ist die Mehrfachbelastung. Man hat Job, Familie, Hund, steigt als Trainer ein – und sollte dann auf einmal Kurse besuchen und am Vereinsanlass mithelfen. Das wird manchen zuviel.

Was können Vereine tun?

Sie müssen versuchen, die Aufgaben in kleinen Portionen auf viele Schultern zu verteilen. Und mit dem Projekt coach1418 des Kantonalen Sportamtes werden nun 14- bis 18-jährige Trainertalente gefördert.

In diesem Alter entwickeln Jugendliche andere Interessen, verlassen womöglich den Verein?

Genauso war es schon vor 30 Jahren (lacht). Das ist im Mensch drin und völlig normal. Es wäre kontraproduktiv, einen Jugendlichen mit allen Mitteln zu halten. Aber man kann das Vereinsleben so attraktiv gestalten, dass er oder sie nach fünf Jahren vielleicht wieder beitritt.

Manche treiben trotzdem Sport, jedoch aufgrund der «Ämtli» nicht innerhalb eines Vereins. Ist das eine gefährliche Entwicklung für den Vereinssport?

Den reinen Vereinssportler gibt es sowieso kaum noch. Jener treibt ausserhalb des Vereins noch Sport, dieser findet wiederum erst über «ungebundenen Sport» den Weg in einen Klub, ein Anderer bleibt immer vereinslos. Das ist kein Problem. Hauptsache es wird Sport getrieben. Allerdings sollten alle anerkennen, dass Vereine einen gesamtgesellschaftlich hohen Wert haben und deshalb zu fördern sind.

Verein, Funktionär, Ehrenamt: Jugendliche mögen mit diesen «uncoolen» Begriffen wenig anfangen. Ist das ein Faktor in der Freiwilligenarbeit?

Als ich vor 17 Jahren beim ZKS anfing, haben wir uns tatsächlich überlegt, ob wir attraktivere Bezeichnungen verwenden können. Heute habe ich Frieden geschlossen mit diesen Namen (lacht). Das Amt ist wirklich ein Amt in Ehren, das ist doch etwas Schönes.

Werden Ehrenamtliche genug honoriert?

Viel zu wenig. Die Führungskompetenzen, die man sich aneignet, die Verantwortung, die man etwa als Präsidentin übernimmt, das wird in unserer Gesellschaft nicht ausreichend anerkannt.

Sind andere Länder weiter?

In den Niederlanden zum Beispiel, wo die Freiwilligenarbeit einen noch höheren Stellenwert hat, erhalten Ehrenamtliche ab einem gewissen Engagement den königlichen Orden von Oranien-Nassau. Das ist eine Auszeichnung mit nationaler Bedeutung.

Gibt es bei uns Vergleichbares?

Der ZKS vergibt Zertifikate für das Ehrenamt im Sport, wenn man vier Jahre in einem gewählten Amt tätig war. Vereine können die Anträge auf unserer Website herunterladen. Es sollte auch dazu dienen, Lebenslauf oder Bewerbung aufzuwerten. Und unsere Ausbildung zum Associated Manager of Sports hilft sicher auch im Berufsleben.

Wie geht es in Ihrem Berufsleben weiter? Nach 17 Jahren, die letzten sechs Jahre als Geschäftsführerin, verlassen Sie den ZKS.

Nach so vielen Jahren schenke ich mir eine Auszeit. Ich werde im Sommer 50 und möchte mir überlegen, was ich künftig machen will, was es auch abseits des Sports noch gibt.

Wie bleiben Sie dem Sport verbunden?

Die letzten Jahre hatte ich keine Zeit für einen Verein, war oft abends und an Wochenenden unterwegs, um die Bedeutung des Sports nach aussen zu tragen, Brücken zu bauen und zu beraten. Diese Aufgabe habe ich sozusagen mit dem privaten Vereinssport eingetauscht. Aber wer weiss, je nachdem wo es mich hinzieht, trete ich vielleicht wieder einem Verein bei.

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