Zürich
Hotel, Massagesalon und Privatwohnung: Wohin das Sexgewerbe verschwindet

Das Sexgewerbe wird aus der Stadt Zürich verdrängt. Prostituierte weichen in die Agglomeration aus, oder empfangen Freier in illegalen Salons, Privatwohnungen und Hotels. Vor allem die Ibis-Kette ist bekannt dafür.

Daria Wild, watson.ch
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Das Zürcher Sexgewerbe wird aus der Stadt verdrängt. Prostituierte weichen in die Agglomeration aus oder empfangen Freier in Privatwohnungen und Hotels.

Das Zürcher Sexgewerbe wird aus der Stadt verdrängt. Prostituierte weichen in die Agglomeration aus oder empfangen Freier in Privatwohnungen und Hotels.

Keystone

Zürichs Rotlichtmilieu schrumpft, Saunaclubs, Massagesalons und Cabarets verschwinden. Das hat zwei Gründe. Erstens: Die im Januar 2013 in Kraft getretene Prostitutionsgewerbeverordnung (PGVO) stellt hohe Anforderungen an die Betreiber – für viele sind sie zu hoch.

Zweitens: Die neue Bau- und Zonenordnung (BZO), die voraussichtlich im nächsten Jahr in Kraft tritt, legt fest, dass selbst Kleinst-Salons, in denen eine bis zwei Frauen auf eigene Rechnung arbeiten, ein Baugesuch stellen müssen. Liegen sie in einer Zone mit über 50 Prozent Wohnanteil, werden sie nicht bewilligt.

«Mit der BZO erklärt die Stadt 90 Prozent der Kleinst-Salons für illegal», sagt Rebecca Angelini von der Beratungsstelle FIZ. Somit sei die Tendenz klar: «Es gibt immer weniger legalen Arbeitsraum», so Angelini.

«Sexarbeiterinnen sind entweder gezwungen, in Grossclubs zu arbeiten, wo sie den Betreibern häufig ausgeliefert sind, in Etablissements in der Agglomeration auszuweichen oder aber sich mit noch mehr Frauen die wenigen verbleibenden Arbeitszimmer teilen.» So dürfte es dem Inkrafttreten der PVGO zu verdanken sein, dass die Zahl der Freudenhäuser in Opfikon, Glattbrugg oder Kloten explodiert.

Massagesalon

Abgesehen davon verschiebt sich die Prostitution aber in erster Linie in die Illegalität: In Massagesalons, die vordergründig keine erotischen Dienstleistungen anbieten und in Privatwohnungen, in denen das Gewerbe nicht bewilligt ist.

Wer im Internet nach Angeboten sucht, wird rasch fündig. «In einem Mehrfamilienhaus am Albisriederplatz» steht da beispielsweise, «sehr diskret», und «private Wohnung».

Im Netz finden sich ausserdem Hinweise darauf, dass vermehrt Massageclubs eröffnen, die zwar vordergründig auf erotische Dienstleistungen verzichten, in einschlägigen Foren aber rege als «diskrete Adressen» diskutiert werden.

Den einzigen «legalen» Arbeitsort bieten Hotels: Dort ist es dem Betreiber überlassen, ob er Prostitution zulässt oder nicht.

«Sex-Hotel» Ibis

Sexarbeit in Hotels ist gang und gäbe. Szenekenner und Calypso-Besitzer Angelo Pfister erzählt, dass nicht nur Prostituierte für den «Day Use» Zimmer in Hotels buchen, sondern sich teilweise auch Zuhälter fix einmieten. Ein anderer Cabaret-Besitzer, der anonym bleiben möchte bestätigt ausserdem, was ein Blick in einschlägige Foren zutage fördert: Mehr oder weniger als Sex-Hotel bekannt sind die Unterkünfte der Accor-Linie Ibis.

In den Foren werden die Ibis-Filialen von Bern über Baar, Zürich und Oerlikon bis Chur empfohlen, weil man mit dem Lift aus der Tiefgarage direkt zu den Zimmern fahren könne – diskret an der Reception vorbei. «Das Girl sagt einem die Zimmernummer, erste Nummer ist das Stockwerk, die andere das Zimmer», schreibt ein User. «Wird sehr viel zu diesem Zweck gebraucht», schreibt ein anderer.

Für den Szenekenner hat das Ganze System: «Mit dem Tag ihrer Ankunft in der Schweiz hat eine Prostituierte eine Handynummer, ein gebuchtes Zimmer im Ibis und eine Annonce in der Zeitung», sagt er. Damit, dass die Ibis-Filialen in der ganzen Schweiz diese organisierte Prostitution tolerieren würden, würden sie dem Menschenhandel Hand bieten, so sein Vorwurf. Die Behörden würden davor die Augen verschliessen.

Diese schweren Vorwürfe will Jürg Sigerist, Mediensprecher der Accor-Gruppe, nicht auf sich sitzen lassen: Der zweifelhafte Ruf des Ibis ist ihm zwar nicht neu. Doch das Hotel kämpfe mit allen Mitteln dagegen, als Bordell genutzt zu werden. «Weltweit arbeitet Accor mit NGOs und den Polizeibehörden zusammen, um jedwelche Ausbeutung von Menschen zu bekämpfen», so Sigerist. Die Direktoren würden darin geschult werden, der Ausbreitung des Sexgewerbes in den Hotels einen Riegel zu schieben. Drastische Massnahmen hat die Direktion des Ibis in Baar ergriffen: Dort wurde der «Day Use» kurzerhand abgeschafft.

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