Verkehr
Kantonsräte fordern Mitfahrgelegenheiten durch Apps – eine «schöne Utopie»?

Die Digitalisierung verändert auch die Mobilität, doch der Kantonsrat will dazu vom Regierungsrat keine Strategien.

Matthias Scharrer
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Stau am Gubrist: Die meisten Autos sind schlecht ausgelastet.

Stau am Gubrist: Die meisten Autos sind schlecht ausgelastet.

Limmattaler Zeitung

Die Meldung vom Stau am Gubrist gehört im Raum Zürich zum Alltag. Und die Autos, die sich an diesem Nadelöhr im Pendlerverkehr stauen, sind zumeist schlecht ausgelastet: Studien hätten gezeigt, dass auf dem Arbeitsweg im Durchschnitt nur 1,2 Personen in einem Auto sitzen, schreiben die Grünliberalen in der Begründung ihres Postulats, das der Kantonsrat gestern behandelte. Im Gesamtverkehr seien es im Schnitt 1,6 Personen pro Auto.

Kantonsräte der GLP und der EVP wollten daher den Regierungsrat auffordern, gemeinsam mit dem Bund Strategien zu entwickeln, wie die Auslastung der Autos auf den Hochleistungsstrassen erhöht werden könnte. Erstunterzeichner Thomas Wirth (GLP, Hombrechtikon) denkt dabei an separate Fahrspuren für besser ausgelastete Autos und Mitfahrgelegenheiten, die durch Apps und andere digitale Vernetzungsplattformen zu fördern seien, wie er in der Ratsdebatte ausführte. «Die Digitalisierung hilft uns dabei», doppelte Felix Hoesch (SP, Zürich) nach. «30 Prozent Auslastung ist zu wenig», meinte Daniel Sommer (EVP, Affoltern am Albis).

Doch sie stiessen rechts und links auf Ablehnung: Das Ziel der Kapazitätssteigerung auf Hochleistungsstrassen sei zwar an sich gut, sagte Orlando Wyss (SVP, Dübendorf). Es sei aber kaum umsetzbar. «Es geht nur, wenn Fahrer und Mitfahrer die gleiche Strecke und die gleiche Arbeitszeit haben», so Wyss.

Auch die Grünen und die AL zeigten sich skeptisch: Als «schöne Utopie» bezeichnete Thomas Forrer (Grüne, Erlenbach) die Hoffnung auf technologische Lösungen. Ohnehin gebe es doch bereits den öffentlichen Verkehr (öV) als effizienteste Mitfahrgelegenheit, wie auch Manuel Sahli (AL, Winterthur) betonte. Zudem sei unklar, warum das Postulat nur auf Hochleistungsstrassen abziele.

Auch Josef Wiederkehr (CVP, Dietikon) sprach sich gegen das Postulat aus: Wie sich der Verkehr in Zukunft entwickle, sei kaum absehbar. Sich selbst steuernde Elektroautos könnten die Trennlinie zwischen öV und motorisiertem Individualverkehr verwischen. Daher wäre es falsch, jetzt Strategien für die Zukunft zu entwickeln.

Bundesbern zuständig

Er sprach damit ein zweites Postulat mit an, das gestern im Kantonsrat debattiert wurde. Darin forderten die gleichen GLP- und EVP-Kantonsratsmitglieder den Regierungsrat auf, eine Strategie zum autonomen Fahren auf den Hochleistungsstrassen im Kanton Zürich zu entwickeln und zusammen mit dem Bund umzusetzen. Begründung: Heute würden Bund und Kanton Kapazitätssteigerungen auf Hochleistungsstrassen ausschliesslich durch Neubauten und Erweiterung bestehender Strassen planen. Dies sei extrem teuer und nicht zukunftsfähig, so die Postulanten. Effizienter lasse sich die Kapazität mit sich selbst steuernden Fahrzeugen erweitern. «Die Abstände zwischen selbstfahrenden Fahrzeugen könnten verkürzt werden», erklärte GLP-Kantonsrat Wirth.

«Die Abstände zwischen selbstfahrenden Fahrzeugen könnten verkürzt werden.»

- Thomas Wirth, GLP-Kantonsrat

Doch die Mehrheit hielt auch davon nichts: Seitens der Grünen wies Forrer darauf hin, dass sich durch Roboterautos das Verkehrsproblem noch verstärken könnte. «Nicht der Staat muss Strategien entwickeln. Die innovativen Firmen werden auf den Bund zugehen», sagte SVP-Kantonsrat Wyss.

Ähnlich argumentierte Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh: «Vor allem die Wirtschaft muss das Thema vorantreiben», sagte die FDP-Regierungsrätin. Zudem verwies sie bei beiden Postulaten darauf, dass Bundesbern das Sagen habe. «Der Bund würde ein Zürcher Modell nicht einfach übernehmen», so Walker Späh. Und was die Förderung von Mitfahrgelegenheiten betreffe, berate der Kanton bereits Firmen im Rahmen des vom Bund unterstützten Programms «Impuls Mobilität».

«Vor allem die Wirtschaft muss das Thema vorantreiben.»

- Carmen Walker Späh, FDP-Regierungsrätin

Damit waren die Positionen bezogen: SVP, FDP, CVP, BDP, EDU, AL und Grüne lehnten beide Postulate ab. Unterstützung erhielten diese nur von der SP, der EVP und der GLP. Die Forderung nach neuen Mobilitätsstrategien erlitt eine Abfuhr.

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