Interview

Kinder und Karriere kombinieren – diese Zürcher Chefärztin lebt es vor

Stephanie von Orelli ist Gynäkologin, Chefärztin der Frauenklinik am Stadtspital Triemli und Mutter von drei Kindern

Stephanie von Orelli ist Gynäkologin, Chefärztin der Frauenklinik am Stadtspital Triemli und Mutter von drei Kindern

Sie hat Karriere und Kinder unter einen Hut gebracht: Stephanie von Orelli ist Mutter dreier Kinder und Chefärztin am Stadtspital Triemli. Im Interview verrät sie, was es braucht, um die Angst vor dem Karriereknick durch Kinder zu verhindern.

Drei Viertel der Schweizer Akademikerinnen fürchten, dass ein Kind ihrer Karriere schaden könnte. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung des Bundesamts für Statistik. Erstaunt Sie diese hohe Zahl?

Stephanie von Orelli: Sie bedrückt mich eher. Wir sind in der Schweiz leider immer noch nicht da, wo wir sein sollten.

Sie sind Chefärztin der Frauenklinik am Triemli und Mitglied der Geschäftsleitung – und Sie sind Mutter von drei Kindern. Hatten Sie je Angst, dass Kinder Ihrer Karriere schaden würden?

Überlegt habe ich mir das nie. Aber ich war schon relativ weit in meinem Beruf, als ich mein erstes Kind bekam. Ich war eine eher alte Mutter.

Je älter die Frau, desto mehr Risiken sind mit dem Kinder kriegen verbunden. Was raten Sie als Frauenärztin Ihren Patientinnen?

Ich empfehle Ihnen, möglichst früh Kinder zu kriegen. Aber natürlich befinden sich viele Frauen – vor allem Akademikerinnen im jungen Alter – in einer Zwickmühle. Man hat das Studium abgeschlossen, befindet sich vielleicht noch in einem Praktikum oder beginnt gerade im Job durchzustarten. Nur wird es ab 35 Jahren einfach immer schwieriger, schwanger zu werden.

Kann man dieses Dilemma überhaupt lösen?

Das ist nicht ganz einfach. Ich sage Kaderfrauen, dass es problematisch werden kann, erst mit 40 Kinder zu kriegen. Aber natürlich gibt es Möglichkeiten. Hier müssen wir auch die Arbeitgeber in die Pflicht nehmen. Es braucht flexiblere Arbeitsmodelle wie Home Office- oder Jobsharing-Angebote. Und auch die Teilzeitmöglichkeiten müssen ausgebaut werden – und zwar so, dass man in einem 60-Prozent-Pensum nicht einfach nur langweilige Arbeit leisten muss.

Sie arbeiten 90 Prozent im Jobsharing und Sie haben drei Kinder. Was ist Ihr Geheimrezept?

Diese Frage würde man einem dreifachen Vater, der 100 Prozent arbeitet, gar nicht erst stellen. Es ist frustrierend, dass noch immer so vieles an der Mutter hängen bleibt. Die Eltern funktionieren zusammen und der oder die Partner/in sollte genauso in die Pflicht genommen werden.

Ich frage anders: Wie haben Sie sich die Kinderbetreuung mit Ihrem Mann aufgeteilt?

Mein Mann arbeitet 80 Prozent. Wir teilen uns die Betreuung auf und haben ein Kindermädchen als Back-Up. Man muss einfach flexibel bleiben. Ein gutes Umfeld und Netzwerk hilft, vor allem dann, wenn ein Kind krank wird.

Haben Sie genug Zeit für Ihre Kinder?

Ich frage zurück: Wie viel Zeit muss man denn haben? Wer bestimmt das? Ich habe das Glück, dass ich für meinen Job bezahlt werde. Viele Frauen, die Mutter und Hausfrau sind, absolvieren einen 24-Stunden-Job und werden dafür aber nicht bezahlt. Wenn ich Zuhause bin und mit meinen Kindern Zeit verbringe, dann konzentriere ich mich darauf. Und das merken die Kinder. Natürlich macht man irgendwo Abstriche. Ich komme selber ein bisschen zu kurz. Ich habe einen Beruf, der mich begeistert und Kinder, die ich liebe. Ich hätte manchmal gern ein bisschen mehr Zeit für mich und meine Freunde. Aber es ist immer eine Frage der Priorisierung.

Was muss passieren, dass sich die Angst vor dem Karriereknick durch Kinder lindert?

Es geht uns noch etwas zu gut. Wir haben noch genug Personal, der Fachkräftemangel ist noch nicht so stark wie in anderen Ländern. Aber wir müssen relativ zügig Konzepte entwickeln, damit gut ausgebildete Frauen möglichst lange im Beruf bleiben können. Es braucht mehr Teilzeitangebote – für Frauen und für Männer. Und man muss den Frauen klar machen, in was für eine Abhängigkeit sie sich begeben, wenn sie komplett aufhören zu arbeiten und finanziell auf ihren Partner angewiesen sind. Frauen müssen sich bewusst sein, was für einen Kompromiss sie hier eingehen. Verlieren sie ihren Partner, stehen viele Frauen vor grossen finanziellen Schwierigkeiten. Und nach zehn oder zwanzig Jahren ohne Berufserfahrung wird es extrem schwierig, einen Weg zurück zu finden. Da hilft auch ein Uni-Abschluss nicht mehr viel.

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